Selbstversuch

Schwere Wahl im Supermarkt der Religionen

Gerade hat die Welt Weihnachten gefeiert, dabei gibt es noch tausend andere Religionen. Der Autor Stefan Kuzmany hat sie im Selbstversuch getestet und eine Wahl getroffen.

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Morgenpost Online: Welche Religion ist die beste?

Stefan Kuzmany: Persönlich halte ich es da mit Lessings Ringparabel: Die Religion, die es versteht, sich bei den anderen Religionen so beliebt zu machen, dass sogar die Konkurrenz sie als besser bezeichnet, ist wohl die beste. Bis es dazu kommt, bleibt das eine Frage, die jede und jeder für sich selbst beantworten muss. Sie werden hoffentlich verstehen, dass ich nicht so wahnsinnig bin, hier die Behauptung aufzustellen, diese oder jene Religion sei besser als die andere. Vielleicht ist es ja auch keine.

Morgenpost Online: Welche ist die Anstrengendste?

Stefan Kuzmany: Das kommt ganz darauf an, was man als anstrengend empfindet. Wenn es einem zum Beispiel nichts ausmacht, seinen gesamten Alltag nicht weniger 613 Geboten zu unterwerfen, dann könnte man das Judentum für ziemlich entspannt halten. Aber auch so oberflächlich lockere Angelegenheiten wie der im Westen praktizierte Buddhismus können ganz schön anstrengend werden. Man denke nur an das ständige Knien beim Meditieren. Oder an die Gespräche mit den hippen Mit-Buddhisten.

Morgenpost Online: Wo bekomme ich am meisten für mein Geld?

Stefan Kuzmany: Die meisten Religionen sind ja völlig kostenlos und drängen ihre Lehre auch dem Desinteressierten ziemlich penetrant auf – es ist ja kaum noch möglich, eine durchschnittliche Fußgängerzone zu durchqueren, ohne auf die eine oder andere Weise einen Weg zum Seelenheil aufgeschwatzt zu bekommen. Ziemlich attraktiv scheint das Paradies der Muslime zu sein, mit Milch und Honig und luxuriöser Unterbringung auf einem exklusiven Gartengelände. Auf die Jungfrauen sollte man sich allerdings nicht unbedingt verlassen – es gibt ernsthafte Koranforscher, die davon ausgehen, dass es sich dabei um einen Übersetzungsfehler handeln könnte.

Morgenpost Online: Wie kriege ich raus, welche Religion zu mir passt?

Stefan Kuzmany: Nur durch Ausprobieren: Liegt mir das jeweilige Jenseits? Wer hat die besten Feiertage? Das beste Essen? Sind mir die Menschen, die ich bei religiösen Versammlungen treffe, sympathisch? Und passt die Religion in mein bereits vorhandenes soziales Umfeld? Oder bin ich darauf aus, mein Umfeld zu schockieren? Da ist für jeden etwas dabei. Vor der Konversion sollte man sich jedenfalls gut informieren. Eine erste Hilfe könnte die Lektüre meines Buches sein.

Morgenpost Online: Ist es sinnvoll, innerhalb einer Familie verschiedene Konfessionen anzuhängen?

Stefan Kuzmany: Es macht das Zusammenleben für Strenggläubige möglicherweise nicht leichter: Der Mann hat gerade Ramadan und tagsüber ständig Kohldampf, während die christliche Gattin einen köstlichen Schweinsbraten zubereitet – das kann schon mal Ärger geben. Aber im Ernst: In den meisten Religionen sind gemischtkonfessionelle Beziehungen nicht vorgesehen und solche Ehen nicht erlaubt. Ich sehe aber keinen Grund, warum es nicht klappen sollte, wenn sonst alles stimmt in der Beziehung.

Morgenpost Online: Ist Yoga eine Religion?

Stefan Kuzmany: Naja. Yoga ist im ursprünglichen Sinn ein „Weg zu Gott“ in der indischen Philosophie . Man hat dann aber im Laufe der Zeit bemerkt, dass die eigentlich zur Meditation gedachten körperlichen Übungen ganz unabhängig von ihrem religiösen Bezug sehr entspannend sind – und so ging der religiöse Bezug gerade im Westen völlig verloren. Ich kenne allerdings Leute, die dreimal in der Woche zum Yoga-Kurs rennen. Das könnte man dann schon fast wieder religiös nennen.

Morgenpost Online: Welche Glaubensrichtung ist besonders für Frauen zu empfehlen?

Stefan Kuzmany: Frauen werden, jedenfalls nach westlichen Maßstäben, in praktisch allen Religionen strukturell benachteiligt. Das hat aber nicht nur mit den jeweiligen religiösen Vorschriften zu tun, sondern vor allem auch mit der Tatsache, dass die meisten Gesellschaften männlich dominiert sind und die Vorschriften entsprechend ausgelegt werden. Der Islam zum Beispiel ist von seinen Regeln her längst nicht so frauenfeindlich, wie er gemeinhin dargestellt und praktiziert wird. Und ob Sie es glauben oder nicht, manche verschleierte Frau findet es sogar besser, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit angestarrt werden kann.

Morgenpost Online: Welche für Männer?

Stefan Kuzmany: Männer können eigentlich nichts falsch machen, die können glauben, was sie wollen, und sind immer obenauf. In der katholischen Kirche sind sie meiner Ansicht nach besonders gut aufgehoben – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.

Morgenpost Online: Empfiehlt es sich, Religionen zu kombinieren?

Stefan Kuzmany: Das scheint in Mode zu sein: Sich das Beste aus allen möglichen Religionen herauszupicken. Mein Buch kommt ja auf den ersten Blick daher, als sei so etwas möglich: Als Konsument im Supermarkt der Religionen umherstreifen und sich bedienen. Tatsächlich kritisiere ich diese Herangehensweise mit meiner Persiflage. Ich bin zwar eher religionskritisch eingestellt – und meine Recherchen haben dieses Bewusstsein noch verstärkt. Aber ich würde sagen, wenn man sich schon auf den Glauben einlassen möchte und kann, dann sollte man das doch ernsthaft tun. Die etablierten Religionen sind schon absurd genug, aber Religions-Hopping raubt ihnen noch den letzten Sinn.

Morgenpost Online: Glauben wir zuviel?

Stefan Kuzmany: Ich würde nicht sagen, dass Religionen an sich schlecht sind. Obwohl in ihrem Namen viel Unheil angerichtet wurde und wird, können sie auch viel Gutes bewirken, sei es kulturell oder humanitär. Schwierig wird es, wenn politische Entscheidungen religiös begründet werden, wenn Staatenlenker sich als Werkzeuge Gottes sehen. Wenn solche Leute dann kompromisslos davon überzeugt sind, das Richtige zu tun, dann ist Gefahr im Verzug.

Morgenpost Online: Was glauben Sie noch?

Stefan Kuzmany: Dass es gut ist, sich ethisch zu verhalten, ganz unabhängig von der Angst vor eventuellen himmlischen Belohnungen oder Höllenstrafen. Und, dass ich als Mensch, dem es schwer fällt, zu glauben, mein Leben und meine Handlungen ständig selbst in Frage stellen muss. Das ist zwar mindestens so anstrengend wie die strikte Einhaltung aller möglichen Gebote – aber mir doch lieber so.