Zukunftsforschung

Der "Emanzipationsdruck" auf die Deutschen wächst

Was bringt 2012? Die Asia-Welle, Retro gibt weiter den Ton an und trotz Krisen herrscht Gelassenheit. Ein Zukunftsforscher erklärt, was uns im neuen Jahr beschäftigen wird.

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Frage: Herr Horx, was wird die Deutschen 2012 beschäftigen und belästigen?

Matthias Horx: „Das, was es auch heute tut: die Euro-Krise, der blöde Nachbar, die neuesten Apple-Produkte, Rückenschmerzen, Burn-out. Und natürlich das Wetter. Die Zukunft hält sich nicht an Jahreszahlen.“

Frage: Welche neuen Trends sehen Sie?

Horx: „Es gibt verschiedene: etwa soziokulturelle Trends, Mode- und Konsumtrends und viele mehr. Am spannendsten sind die Megatrends, die langfristigen Konstanten des Wandels: Globalisierung, digitale Vernetzung, Individualisierung, Feminisierung, Alterung, neue Arbeitsformen, die neue Rolle der Frauen, die Bildungsentwicklung.“

Frage: Ein Beispiel für einen soziokulturellen Trend?

Horx: „Auf der soziokulturellen Ebene ist der stärkste Trend derzeit ‚Retro’. Die Mode, die Musik, die Gedanken – alles dreht sich um eine Idealisierung der Vergangenheit, die angeblich besser war als die Gegenwart. Das wird weitergehen. Die Zukunft und das Nach-Vorne-Schauende stehen nicht so hoch im Kurs.“

Frage: Was schwappt aus den asiatischen Metropolen oder den USA herüber?

Horx: „Generell: Wir kommen von einem amerikanischen in ein asiatisches Zeitalter. Während die US-Kultur die Welt ein halbes Jahrhundert prägte, ist jetzt das asiatische Kulturelement im Vormarsch: in den Glaubensformen (Buddhismus), in der Küche, in der Denkweise des Ganzheitlichen. 'Alles hängt mit allem zusammen.' Dieser Trend wird sich weiter verstärken.“

Frage: Wie ermitteln Sie Trends? Nicht mit dem Blick in die Glaskugel, oder?

Horx: „Moderne Zukunftsforschung ist eine Synthese aus Systemanalyse, Spieltheorie, Kognitionspsychologie, Evolutionstheorie und Verhaltensökonomik. Dazu gehört eine Menge Statistik, aber auch die empirische Beobachtung gesellschaftlicher Zustände, bei denen man Veränderungsbewegungen eben als 'Trends' bezeichnet.“

Frage: Stuttgart 21, die Occupy -Bewegung oder der Castor-Transport – in der Gesellschaft verschafft sich das Wutbürgertum zunehmend mit Protesten Luft. Wie bewerten Sie dieses Aufbegehren?

Horx: „Der Begriff des ‚Wutbürgers’ war ja eher eine polemische Vokabel, bei der es um den Vorwurf der Fortschrittsfeindlichkeit ging. Es geht hintergründig um eine generelle Frage: Wie können wir in einer komplexeren Gesellschaft die Demokratie voranbringen? Wir brauchen neue, partizipative Formen des Gemeinwesens. Stuttgart 21 hat gut gezeigt, wie ein Protest durch eine Volksabstimmung auch wieder ‚eingeholt’ werden kann.“

Frage: Welche Erkenntnisse kann man daraus ziehen?

Horx: „Demokratie in Zukunft wird wieder lokaler, konkreter und verantwortlicher, weil diejenigen, die ‚dagegen’ sind, sich irgendwann auch einer Abstimmung stellen müssen.“

Frage: Wird die Kluft zwischen der Politik und dem Volk größer?

Horx: „Ich glaube, das wird überschätzt. Es gibt heute wieder eine Tendenz in die andere Richtung. Viele Bürger sehnen sich stark nach Führung, nach integren Personen in der Politik. Und diese gibt es durchaus. In der heutigen Krise bewährt sich Politik, auch wenn sie nicht immer eine glänzende Figur macht. Die Politik kann nicht mehr alle Lebensfragen und Lebenslagen für die Bürger regeln.“

Frage: Was bedeutet das?

Horx: „Es gibt so etwas wie einen ‚Emanzipationsdruck’. Wir müssen uns als Gesellschaft neu organisieren, bessere Kooperationsformen zwischen Generationen, gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen entwickeln. Das können die Politiker eben nicht alleine. Und das verstehen immer mehr Menschen: Dass sie ihren Teil dazu beitragen können und müssen, dass wir eine gute Zukunft haben.“

Frage: Euro-Rettungspläne mit irrsinnig hohen Summen – vieles scheinen die Menschen nicht mehr nachvollziehen zu können. Nimmt die Teilhabe ab?

Horx: „Die Menschen sind nicht so dumm, dass sie nicht verstehen können, dass Europa in einer Krise ist, in der 'tastendes Fragen und Voranschreiten' die beste Strategie ist. Es gibt keine einfachen, schnellen Lösungen. Das sind die Deutschen durchaus bereit zu akzeptieren. Deshalb sind sie auch so entspannt.“

Frage: Letzte Frage zu einer Reizfigur: Schafft zu Guttenberg das Comeback?

Horx: „Nein. Er polarisiert inzwischen nur noch. Er könnte allenfalls als populistischer Spalter zurückkehren. Und dazu ist er zu klug.“