In der Psychiatrie

Manische Weihnachten mit Maria in der Zwangsjacke

| Lesedauer: 10 Minuten
Joachim Meyerhoff

Foto: dpa/Welt Online

Zerfetzte Geschenke, Josef in Handschellen, Maria in der Zwangsjacke: Die Bescherung in der Psychiatrie war der Höhepunkt des Jahres: Eine autobiografische Erzählung.

Weihnachten war für mich immer der Höhepunkt des Jahres. Aber es war nicht der harmonisierend wirkende, selbst gefällte Tannenbaum: Warm eingepackte Familie stapft durch eine verschneite Schonung. Oder die Fonduefleisch-Orgie: Vorsicht Kinder, mit den heißen Gabeln! Und natürlich freute ich mich über Geschenke.

Nein, der weihnachtliche Höhepunkt war etwas anderes. Ich durfte meinen Vater auf seinem Weg durch die Psychiatrie begleiten. Für jede Bescherung hatten wir nur zwanzig Minuten Zeit, dann mussten wir schnell weiter zur nächsten Station. Wir wurden immer begierig erwartet. Ohne uns, den Direktor des Landeskrankenhauses für Kinder- und Jugendpsychiatrie und seinen Sohn, konnte nicht angefangen werden.

Alle Patienten der entsprechenden Station waren in einem Zimmer versammelt. Sie hatten sich schön gemacht oder waren schön gemacht worden. Streng gescheitelte Haare und geputzte Brillengläser. Sie waren aufgeregt. Wippten, warfen sich hin und her. Es wurden zwei Weihnachtslieder mit dem Pflegepersonal und den Stationsärzten gesungen, und dann wurde die große Flügeltür des Weihnachtszimmers geöffnet. Im elektrischen Kerzenschein lagen dort auf Tischen drapiert die Geschenke.

Und nun begann das, wovon ich nie genug kriegen konnte, das, was für mich jahrelang mein ganz persönlicher Weihnachtshöhepunkt war: Nach einer kurzen Pause, in der die Patienten vom Anblick des Weihnachtszimmers wie paralysiert schienen, stürzten sie sich völlig entfesselt auf die Geschenke. Zerfetzten das Geschenkpapier mit den Zähnen und dann, keine fünf Minuten später, war fast alles kaputt.

In fünf Minuten vom Weihnachtszimmer zum Trümmerfeld

Vor Freude, vor unkontrollierbarer Glückseligkeit, vor totaler Geschenkbegierde. Kaputt! Puppenarme wurden ausgekugelt, Stofftieren der Bauch aufgerissen. Der neue Anorak schon zerfetzt. Und mit derselben ungehemmten Begeisterung, mit der eben noch das lackrote Feuerwehrauto auf die Tischkante geschlagen wurde, wurde nun mit fassungslosem Schmerz der Trümmerhaufen beweint.

In nur fünf Minuten vom Weihnachtszimmer zum Trümmerfeld, das gefiel mir unglaublich gut. Überall wurde gefeiert und getrauert, sich geprügelt oder samt Geschenk gewälzt. Die Pfleger taten ihr Bestes. Verhinderten in letzter Sekunde, dass jemand den herrlichen Tannenbaum umarmte oder eine Marzipankartoffel gegen ein Fahrrad getauscht wurde.

Später am Abend bei unserer eigenen Bescherung war ich durch diese martialischen Geschenkorgien immer besonders feierlich gestimmt. Gerade Geschenke schreien ja oft danach, genau so behandelt und zerstört zu werden.

Wenn ich etwas Zerbrechliches in meine Hände nahm, zum Beispiel einen großen Kasten mit perfekt gespitzten Buntstiften, durchströmte meine Finger stets ein Kribbeln, eine sich durch die Beschaffenheit des Geschenkes potenzierende Nervosität.

Ich freute mich über die Stifte, stellte mir aber auch vor, sie einen nach dem anderen zu zerbrechen. Sechsunddreißig Mal von Zartrosa bis Schwarz einfach kracks!, in der Mitte durch. Etwas nicht zu zerstören, war dann schon eine Leistung für mich. Geschenktes zu verschonen, das war mein feierlicher Beitrag zum Fest.

Hatte sich die Erregung etwas gelegt, wurden die Patienten zurück in den ersten Raum gebracht, wo jetzt der Tisch gedeckt worden war. Mein Vater und ich mussten auf jeder Station ein Stück Kuchen essen, er einen Kaffee und ich eine Cola trinken.

Eigentlich habe ich jedes Weihnachten gekotzt und dann die ganze Nacht von der Cola aufgeputscht mit bummerndem Herzen bis in die Morgenstunden manisch Legosteine zusammengebaut. Die Patienten stopften sich die Weihnachtsmänner mit Stanniol rein, bissen in die Apfelsinen, ohne sie zu schälen, und aßen Torte mit den Händen. Nach circa zwanzig Minuten mussten wir schnell weiter ins nächste Gebäude.

Die Bescherungen waren je nach Station sehr unterschiedlich. Es gab welche, auf denen Menschen ohne Arme und Beine, ja ohne Gehirne vor sich hindämmerten. Erst als ich älter war, durfte ich auch dorthin. Hier war es eher still, alles blieb heil und die Geschenke wurden den Kranken neben die verformten Köpfe aufs Kopfkissen gelegt.

Oder die Station, auf der nur vier junge Frauen waren. Während der ganzen Bescherungszeremonie ließen sie mich nicht aus den Augen, blitzten mich bedrohlich an. Die Weihnachtslieder, die sie sangen, klangen wunderschön. Sie sangen mit ihren ganzen Körpern. Wiegten sich im bemüht melodischen Flötenspiel eines Zivildienstleistenden hin und her.

Durch den seitlichen Schlitz ihrer Anstaltshemden hindurch sah ich die Wölbungen und Buchten ihrer nackten Körper. Auch einzelne verschorfte Stellen oder tiefe Kratzer in der hellen Haut. Sie bekamen jedes Jahr Puppen. Diese drehten sie langsam in den Händen und flüsterten ihnen Unverständliches in die Ohren.

"Ihr alle seid Gott herzlich willkommen!" – Tosender Applaus

Nachdem wir drei Stunden lang eine Bescherung nach der nächsten absolviert hatten – ich hatte neun Stücke Torte gegessen und neun Gläser Cola getrunken –, gingen wir zum Psychiatrie-Gottesdienst in die Turnhalle. Auch hier wurde bereits hin- und hergewippt, dass die Stühle jauchzten. Als der Pastor die Sperrholzkanzel betrat, brach kollektiver Jubel aus. Auch später immer wieder Jubel. Im Namen des Vaters – Jubel –, im Namen des Sohnes – Jubel –, im Namen des Heiligen Geistes – Ovationen!

Immer wieder stürzten einzelne Patienten zur Kanzel und warfen sich dem Pastor in die Arme. "Ihr seid", rief der Pastor durch sein viel zu laut eingestelltes Mikrofon: "Ihr alle seid Gott herzlich willkommen!" Wieder tosender Applaus. Es war eine wirklich begeisterungsfähige Gemeinde.

Zu den Weihnachtsliedern wurde sich untergehakt und geschunkelt oder einfach auf die Stühle geklettert, auf den Sitzflächen getanzt und geschrien. Die Turnhalle war völlig überfüllt. Selbst die Sprossenwände hingen voller Kranker. Diesen Geruch werde ich nie vergessen. Es roch nach Medizinbällen, Tannenzweigen und Spucke.

Das Krippenspiel wurde stets von Patienten aufgeführt. Jedes Jahr von einer anderen Station. Oft endete dieses Krippenspiel in einer Katastrophe. Mal bekam Maria vor Aufregung einen Anfall und stürzte zuckend in die Krippe, oder der Esel schubste den Ochsen in die Dekoration.

Mal holte einer der Heiligen Drei Könige, es war Melchior, seinen Schwanz heraus und onanierte mit seiner schwarz geschminkten Hand unter dem Beifall der Menge, oder die Hirten prügelten sich mit ihren Hirtenstäben. Aber sie spielten großartig. In der Mitte stand die Krippe, ein mit Tannenzweigen geschmücktes Gitterbett, in dem ein schwerstbehinderter Jesus lag. Natürlich war die Spielweise je nach Station völlig verschieden.

Josef in Handschellen und die Jungfrau Maria in der Zwangsjacke

Da der Psychiatriegottesdienst gemeinsam mit der Erwachsenenpsychiatrie gefeiert wurde, gab es auch Krippenspiele mit unheilbar, für immer eingesperrten Sexualstraftätern, sogar Mördern. Bei denen hinter jedem Hirten sprungbereit ein riesiger Pfleger stand. Und sogar einen Josef in Handschellen und die Jungfrau Maria in der Zwangsjacke hab ich gesehen.

Ein einziges Mal gab es jedoch auch in unserer Familie eine – allerdings sehr kurze – Weihnachtseskalation, einen nur wenige Sekunden andauernden gutbürgerlichen Gewaltausbruch. Dem eigentlichen Ereignis ging eine ausufernde Rede meines Bruders voraus, ausgelöst durch das eben ausgepackte "Trivial Pursuit"-Spiel, in der er die Geschenkpraxis meiner Eltern anprangerte.

Mein Bruder hatte sich in letzter Zeit einen Redestil angewöhnt, der vor Überheblichkeit strotzte und in seiner selbstverliebten Eloquenz reichlich nervte: "Warum schenkt ihr mir eigentlich nie das, was ich mir wünsche? Ich habe mehrmals mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass ich dieses Jahr zu Weihnachten gerne Bargeld bekommen hätte.

Immer schenkt ihr einem Geschenke, die unterschwellig irgendeine pädagogische Absicht verfolgen. Solange ich denken kann, bekomme ich Geschenke, die mich irgendwie formen oder weiterbilden sollen. Mit Fischertechnik fing es an, um meine taktilen Fertigkeiten zu trainieren, dann immer Bücher, Bücher, Bücher!"

Dabei las mein mittlerer Bruder alles, was er zwischen seine seltsam dürren Finger bekam. "Mit Schrecken erinnere ich mich daran, wie ich mir eine Eismaschine gewünscht und einen Füller bekommen habe. Ich habe von Unmengen selbst gemachtem Erdbeer- und Schokoladeneis geträumt und dann lag da dieser Scheißfüller!"

Elektrisches Messer für ungewaschenen Pansen

Nach dieser Ansprache packte meine Mutter das Geschenk meines Vaters aus und traute ihren Augen nicht. "Ein elektrisches Messer. Für Fleisch und Brot", sagte mein Vater. Meine Mutter hielt wiegend ihr Geschenk in der Hand. Noch am selben Abend zerteilte sie mit diesem ratternden Messer den ungewaschenen Pansen für unseren Hund.

Als mein Vater das sah, riss er ihr das Messer aus der Hand, rannte ins Weihnachtszimmer, warf wutentbrannt seinen Gabentisch um, um an die Steckdose zu kommen und sägte ungeschickt in den Schuber der Gesamtausgabe Adalbert Stifters, die meine Mutter ihm geschenkt hatte.

Die Klinge fraß sich im Karton fest, mein Vater ließ das Messer stecken und rannte aus dem Zimmer. Ich hatte das alles aus dem großen Ohrensessel heraus beobachtet und war begeistert. Begeistert darüber, dass mein Vater in diesem Moment einfach das tat, wovon ich nur träumte.

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