Behinderter Musiker

Felix Klieser, der Ausnahme-Hornist ohne Arme

| Lesedauer: 11 Minuten
Céline Lauer

Foto: Monika Rittershaus, Berlin

Der Student Felix Klieser ist als Musiker ein absolutes Ausnahmetalent. Und zwar nicht, weil er ohne Arme geboren wurde und sein Instrument mit dem Fuß spielt.

Das Besondere wird oft mit dem Offensichtlichen verwechselt, und so kommt es, dass ihn die meisten auf sein Handicap ansprechen, ohne Arme geboren worden zu sein. Felix Klieser ist Hornist, und er spielt mit dem Fuß; das ist offensichtlich, aber nicht das Besondere an ihm.

Um das zu erleben, muss man nicht hinsehen. Sondern zuhören, etwa in der Musikhochschule Hannover, einem klobigen Betonbau direkt neben dem Stadtwald. Hier, im Proberaum 202, schraubt der 20-Jährige mit wenigen Fußgriffen den Ständer für sein Instrument zusammen, er sieht kaum noch hin. Dann setzt sich Klieser auf die Bühne, streift den braunen Halbschuh vom linken Fuß und stimmt probehalber einen Ton an. Eine halbe Stunde bleibt ihm, bevor die nächsten Musiker den Übungsraum belegen; nicht viel Zeit, um mit Klavierpartner Christof Keymer an Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70 in As-Dur zu feilen.

Er sitzt mit dem Rücken zum schwarzen Bechstein-Flügel. Die Augen fast geschlossen, die Lippen am Mundstück, die Zehen an den Ventilen. Er hebt an. Weich und rund füllt der Ton den Proberaum, das Klavier perlt zu den warmen Klängen dahin – "Nein, fließender!" Klieser unterbricht abrupt und wendet sich halb zu Keymer um. "Es muss fließender klingen, nicht so statisch. Können wir ab dieser Stelle" – er singt einige Takte vor – "bitte noch mal spielen?" Für Ungeübte klang die Harmonie nahezu vollendet – für Felix Klieser nicht.

Die Leidenschaft für das Horn

Vielleicht ist es dieses Streben nach Perfektion, das den 20-jährigen Göttinger am besten beschreibt oder zumindest erklärt, was ihn antreibt, seit er mit vier Jahren aus dem Nichts heraus Horn spielen wollte. Ein Musiker, der neben dem Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" zahlreiche Preise gewann und den die Musikhochschule Hannover bereits mit 13 Jahren als Jungstudent aufnahm; der heute von Markus Maskuniitty, ehemaliger Solohornist der Berliner Philharmoniker, unterrichtet wird und mit den Besten seiner Generation im Bundesjugendorchester um die Welt tourt.

Und der auf die Frage, worauf er hinarbeite, antwortet: "Erst einmal will ich mein Instrument beherrschen."

Die Leidenschaft für das Horn ist das Besondere in seinem Leben. Der Rest ist Normalität. "Natürlich habe ich keine Arme, aber ich führe deshalb kein anderes Leben." Natürlich fährt er Auto, natürlich kommt er in jedem Hotelzimmer alleine zurecht, natürlich trinkt er im Café eine Tasse Kakao.

Das "natürlich" ist an dieser Stelle zwingend, denn genauso gelassen und selbstverständlich, wie Felix Klieser alles mit den Füßen erledigt, geht er auch mit der Unsicherheit anderer Menschen ob seines Handicaps um. Regelmäßig etwa bei ersten Begegnungen, wenn eigentlich der Moment des Händeschüttelns käme. Wenn sein Gegenüber auf ihn zutritt, zögert, stockt – und Klieser dem Augenblick dann mit einem freundlichen "Hallo!" jede Verlegenheit nimmt.

Musikern und Dirigenten, so scheint es, können damit besser umgehen. Felix Klieser hat schon mit Größen der Branche zusammengearbeitet, zuletzt konzertierte er etwa unter Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie, aber "noch nie", sagt er, "ist ein Dirigent zu mir gekommen und hat gesagt: 'Das finde ich aber ganz toll, dass Sie hier ohne Arme spielen!'"

Ob im Orchester oder beim Vorspiel, entscheidend ist nur, wie er spielt – und nicht, mit welchen Gliedmaßen. Wie jeder andere muss auch Klieser den hohen Ansprüchen genügen, und wenn er nicht mehr gut genug ist, rückt eben der Nächste nach. Dass der Student derzeit das hohe Niveau erfüllt, beweist seine musikalische Ausnahmebegabung. Oder wie Klieser sagt: "Ich bin von Beruf nicht armlos, ich bin Hornist."

Technik, Klangfarbe – das ist das richtige Handwerkszeug

Daran arbeitet er im Schnitt acht Stunden pro Tag, sein Übungspensum, das er während des Studiums – seit 2010 ist Klieser regulärer Student in Hannover – absolviert. Als er noch ins Gymnasium ging, musste er seine Lehrer oftmals vorab um den Unterrichtsstoff bitten und diesen dann während einer Tournee in Singapur oder Südafrika selbstständig erarbeiten. Jetzt, als Bachelor-Anwärter, kann er sich ganz auf die Musik konzentrieren, spielt aber noch dazu im Bundesjugendorchester und diverse Solokonzerte – viel Freizeit bleibt da nicht. Felix Klieser macht das nichts aus. Konzentriertes Üben, sagt er, dauere gefühlt nur eine halbe oder ganze Stunde.

Wie jeder Musiker arbeitet er sich an zwei Disziplinen ab. Zum einen an der richtigen Technik: "Man muss die Klangfarben beherrschen, Ton und Klang optimieren. Das ist das Handwerkszeug, wie das Bauen eines Hauses." Auf der anderen Seite steht das Musikalische: Wie werden Werke interpretiert, welche Dramaturgie lässt sich erkennen?

"Ich bin leider nicht der Typ, der etwas von Natur aus kann", sagt Klieser. Er müsse sich wirklich alles von Grund auf erarbeiten – mit einer einzigen Ausnahme: "Schnelles Spielen. Das muss ich nie üben." Wenn er nicht spielt, sitzt Klieser auch mal mit den Partituren vorm CD-Player und lernt die Stücke auswendig, lernt Noten wie Vokabeln. Bei Solokonzerten vom Blatt spielen, das geht einfach nicht – genauso wenig wie ein verpatzter Auftritt.

"Wenn ich ein Konzert gespielt habe, und ich war nicht gut, sitze ich auf dem Rückweg im Auto oder im Flieger und ärgere mich immer. Da kann ich mich überhaupt nicht beruhigen." Früher, als Teenager, trat Klieser aus Frust schon mal gegen Papierkörbe, wenn er beim Üben nicht weiterkam. Heute liegt er nach einem nicht ganz geglückten Konzert schlaflos im Bett und wartet darauf, dass die Nacht zu Ende geht, damit er sich endlich an sein Instrument setzen und spielen kann. "Die Motivation für die nächsten Monate ist dann wieder gedeckt", sagt er und grinst.

"Mir tut nichts weh und fällt auch nichts schwer"

Felix Klieser spielt ein Alexander-F/B-Doppelhorn, Modell 103. Unter Musikern heißt es, wer ohne Alexander-Horn zu einem der großen Symphonie-Orchester will, hat keine Chance. Das Instrument ist berühmt für seinen runden, warmen und trotzdem sehr zentrierten Klang – "eine Eigenschaft, die sonst kein anderes Horn auf der Welt besitzt", schwärmt Klieser. Er besitzt sein 103er seit zwei Jahren, ein handelsübliches Modell übrigens, nichts daran ist umgebaut, auch der nach Fingerlänge bemessene Abstand zwischen den Ventilen nicht. Einzig der Ständer, in den Felix Klieser das Horn montiert und auf dem seine Ferse während des Spielens ruht, ist eine Spezialanfertigung.

Sein linkes Bein beschreibt dabei fast einen rechten Winkel, seine Zehen greifen die Ventile auf Schulterhöhe. Was für andere eine körperliche Höchstleistung wäre, ist gewohnte Gelenkigkeit. "Viele denken, wenn sie das so sehen, dass ich Schmerzen haben muss oder mich schnell verletze", sagt er. "Aber da ist gar nichts. Mir tut nichts weh und fällt auch nichts schwer." Klieser ist jung; sein Körper steckt die Belastung deshalb noch gut weg. Aber Profimusiker werden im Laufe der Jahre oft von chronischen Schmerzen geplagt.

Bei Hornisten machen etwa die Schulterblätter häufig Probleme. Klieser weiß um die enorme Beanspruchung seiner Muskeln und Gelenke. Er versucht deshalb, in Bewegung zu bleiben, Sport zu machen. Ski allerdings fährt er nicht mehr – die Verletzungsgefahr sei ihm zu groß.

Ohnehin muss der 20-Jährige sehr auf seinen Körper achten. Selbst kleinste Einflüsse haben große Auswirkungen – etwa, wenn er Bahn fährt und im ICE-Abteil ein anderer Luftdruck und eine veränderte Luftfeuchtigkeit herrschen: "Die Lippen werden dadurch trockener und die Muskeln dicker. Das wirkt sich dann auf mein Spiel aus", sagt Klieser. Das Horn ist ein kapriziöses Instrument, selbst unter idealen Bedingungen. Jeder Ton wird mit den Lippen erzeugt; Felix Klieser muss genau wissen, wie stark er seine Gesichtsmuskeln anspannen muss, um nicht zu "kieksen", also eine falsche Note zu erwischen.

Doch so gut das "Anspannungsgedächtnis" auch sein mag, es ist bei diesem hochempfindlichen Instrument fast unmöglich, fehlerfrei zu spielen. Hornisten nennen es deshalb liebevoll "Glücksspirale". Und Felix Klieser, der Perfektionist, sagt amüsiert: "Vielleicht hab' ich es mir deshalb ausgesucht, weil ich dachte: Wenn ich's damit schaffe, schaff ich's mit allem."

Kein Sonderstatus wegen der fehlenden Arme

Dieser Satz könnte leicht pathetisch klingen – tut er aber nicht. Felix Klieser macht gerne Witze, auch mal auf eigene Kosten, aber nie wird er dabei zynisch oder verbittert. "Es gibt Menschen, die unheimlich mit ihrem Schicksal hadern und jammern. Gerade das will ich eben nicht." Ebenso wenig wie den Sonderstatus, den er durch seine fehlenden Arme automatisch besitzt. Dass die Aufmerksamkeit sich dennoch stets auf ihn richtet, bleibt unvermeidlich. Klieser weiß das.

Herausragende Musiker gibt es im Bundesjugendorchester viele, interviewt wird aber er – eben wegen seines Handicaps. Oft treten auch Interessenverbände auf ihn zu mit der Bitte, über ein erfolgreiches Leben trotz Behinderung zu sprechen. Für Klieser sind solche Anfragen regelmäßig schwierig, weil er diese Botschaft gar nicht vermitteln will: "Sich hinzusetzen und zu sagen: Hey, kein Problem, alles ist möglich – da bin ich kein großer Freund von. Die Probleme verschwinden ja nicht einfach so." Dachdecker oder Handballnationalspieler könne er nun mal nicht werden. Und außerdem widersprechen solche Auftritte seiner Grundeinstellung: "Ich will einfach nur ganz normal meinen Kram machen."

So wie an diesem Mittwoch in Raum 202. Die halbe Stunde ist vorbei und Felix Klieser noch nicht zufrieden. Aber für heute Nachmittag ist die Probe beendet. Der Hornist packt Ständer und Instrument in seine Tasche, lehnt das Angebot von Klavierpartner Keymer, ihm behilflich zu sein, freundlich ab und streift sich den Trageriemen selbst über Kopf und Schulter.

Natürlich, schießt es einem bei dem Anblick durch den Kopf. Und vielleicht ist es genau das, was neben seiner Ausnahmebegabung das Besondere an Felix Klieser ist: dass das Offensichtliche das Selbstverständliche ist.

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