Deutscher Schilderwald

In diesen Städten sehen Sie an der Straße nur Rot

Deutsche Verkehrszeichen sind berüchtigt für ihre Vielfalt. Besonders bunt geht es in Mainz, Freising und Erfurt zu: Dort sind sie nicht weiß oder blau wie üblich, sondern rot.

Foto: Stadt Freising

An Erklärungsversuchen mangelt es nicht, wenn Touristen und Geschäftsleute zum ersten Mal nach Mainz kommen und verwundert an einer Kreuzung die Straßenschilder anschauen. Denn in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt sind diese nicht nur blau – sondern auch rot. Mainz gehört damit zu den wenigen Städten in Deutschland, in denen die Straßennamen nicht wie sonst üblich mit weißen oder blauen Schildern angezeigt werden.

Und so stehen die verwunderten Besucher vor den Schildern und rätseln: Darf ich in die Straßen mit den roten Schildern nicht mit dem Auto fahren? Gilt dort ein Parkverbot? Sind das Einbahnstraßen?

Die vielfältigen Erklärungsversuche

Das ist zwar alles möglich, hätte dann aber mit der roten Farbe nichts zu tun. Fußballfans werfen gerne die Theorie in den Raum, dass die Vereinsfarben von Mainz 05 ja rot und weiß seien. Also, so die Logik, müssen die rot-weißen Straßen zum legendären Stadion am Bruchweg führen.

Das hört sich schön an, stimmt aber nicht. Immerhin, nach längerem Spazieren oder Herumkurven in der Mainzer Innenstadt lässt sich ein Muster erkennen: Straßen mit blauen und roten Schildern kreuzen sich oft. Also vielleicht ein Farbcode für die Himmelsrichtungen zur besseren Orientierung?

Auch das stimmt zwar nicht, aber der Gedanke ist nicht verkehrt. Die roten Schilder zeigen tatsächlich eine Richtung an. In der Innenstadt sind die Schilder aller Straßen, die zum Rhein hin laufen, rot gehalten. Und alle, die parallel zum Rhein verlaufen, sind blau.

Das System, wie die Stadtverwaltung nicht ohne Stolz erklärt, wurde 1853 eingeführt und beruht auf einer Idee, die der Arzt Josef Anschel bereits 1849 dem Mainzer Stadtrat vorgeschlagen hatte – um besonders für „Ortsfremde“ eine „bessere Übersichtlichkeit“ zu erreichen.

Verwirrung schon seit 1938

Weniger praktische als vielmehr patriotische Gründe führten in Freising dazu, dass dort die Straßenschilder rot sind. Denn die Farben der oberbayerischen Kreisstadt nahe des Münchner Flughafens sind rot und weiß. Und so wurden 1938 rote Schilder mit weißer Schrift für das ganze Stadtgebiet eingeführt. Sie ersetzten die traditionellen, schon seit 1794 verwendeten blauen Schilder, um an Einmündungen die Straßennamen zu zeigen und zusätzlich an Gebäuden die Hausnummern.

Schule gemacht hat dieses bunte Beispiel freilich weniger: In Köln und Düsseldorf, Bremen und Berlin sind die Stadtfarben zwar auch rot-weiß. Die Straßenschilder aber nicht.

Immerhin: In Erfurt gibt es seit 1992 rote Schilder. Das mag damit zu tun haben, dass auch das Erfurter Stadtwappen rot-weiß ist. Doch weil die Schilder nicht überall, sondern nur im historischen Stadtkern genutzt werden, haben sie neben der Orientierungs- vor allem auch eine Marketing-Funktion.

So möchte die Stadt auf ihr „Flächendenkmal“ der Altstadt und besonders auf die dort gelegenen Baudenkmäler der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde hinweisen, mit denen sich Erfurt um den Titel des Unesco-Weltkulturerbes bewirbt.