Mordserie auf Long Island

Sie schrie um Hilfe, rannte weg und kam nie zurück

Die Polizei hat auf Long Island wahrscheinlich die Leiche der vermissten Prostituierten Shannan Gilbert gefunden. Abgeschlossen ist der Fall damit noch nicht.

Wer sein Kind vermisst, hört nie auf zu hoffen. Zeit spielt in solch einem Fall keine Rolle. Es ist daher vielleicht nicht logisch, aber verständlich, dass Shannan Gilberts Mutter bis zuletzt glaubte, ihre Tochter irgendwann wieder in die Arme schließen zu können.

Im Mai 2010 war die damals 24-Jährige das letzte Mal lebend in einer Wohnsiedlung auf Long Island gesehen worden. Bei ihrer Suche nach der jungen Frau fand die Polizei Hinweise auf grausige Verbrechen, die sich dort abgespielt haben müssen. Überreste von zehn Leichen lagen in dem dicht bewachsenen Marschland verstreut. Doch Shannan Gilbert war nicht darunter.

Ihre Familie gab die Hoffnung nicht auf. Vor wenigen Tagen machte die Polizei allerdings einen Fund, der aus einer bösen Ahnung nun Gewissheit machen könnte. Im Gestrüpp entdeckte sie ein Paar Jeans, Schuhe und ein Telefon. Kurz danach stieß sie auf Überreste eines menschlichen Körpers. Ob es sich dabei um Shannan Gilbert handelt, ist offiziell noch nicht bestätigt.Allerdings lag auch ihr Ausweis dabei. Für Zweifel bliebt da nicht mehr viel Raum.

Drei Täter? Oder doch ein Serienmörder?

Abgeschlossen ist der Fall damit noch nicht. Denn wer hinter den Verbrechen steckt, ist nach wie vor unklar. Zeitweise vermutete die Polizei, dass sich ein Serienkiller auf der Halbinsel Long Island herumtreibt. Jetzt ist wegen des Killers ein Streit zwischen Ordnungshütern und Justiz entbrannt, wie die „New York Post“ am Freitagabend online berichtete. Der Staatsanwalt im Suffolk County, Thomas Spota, glaubt, dass bis zu drei Täter die Morde begangen haben könnten.

„Die Fakten sprechen gegen eine Ein-Täter-Theorie“, wurde Spota von einer öffentlichen Anhörung zu der mysteriösen Mordfallserie zitiert. Polizeikommissar Richard Dormer dagegen sucht weiterhin nur einen Mörder. Dieser Streit überschattet nun die ohnehin schwirige Suche nach dem Täter.

Vier der insgesamt elf gefundenen Leichen waren junge Mädchen, die sich als Prostituierte auf der Internetseite Craigslist anboten. Auch Shannan Gilbert war ein Craigslist-Girl.

Alle Leichenteile und Knochen wurden auf den paar Kilometern rund um Oak Beach und Gilgo Beach gefunden. Die Körperteile lagen nur ein paar Meter von der Straße entfernt im Gebüsch. Es wirkt, als habe der vermeintliche Mörder einfach nur mit dem Auto angehalten und sie dort hinein geworfen.

Einen besonders guten Ruf hat die Gegend vor den Toren von New York nicht. Bis in die 70er Jahre hinein soll hier die Mafia bevorzugt ihre Leichen los geworden sein. Zu den schicken Strandorten Southampton und Montauk am Ende der Halbinsel braucht man mindestens noch eine weitere Autostunde. In den kalten Monaten ist es einsam hier draußen. Anstelle von Städten mit Supermarkt, Kirche, Kneipe gibt es reine Wohnsiedlungen mit Schranken. Nur wer den Zugangscode kennt, kann hinein fahren. Viele Häuser werden nur im Sommer oder an den Wochenenden genutzt. Den Rest des Jahres stehen sie leer.

Shannan Gilbert wirkte schwer verstört

In der Siedlung Oak Beach wusste daher jeder Nachbar, dass Joe Brewer das Haus gerne für seine Partys nutzte. Am 30. April 2010 hatte er dazu Shannan Gilbert eingeladen. Er war auf Craigslist auf sie aufmerksam geworden und bestellte sie für den Abend. In dieser Nacht muss etwas vorgefallen sein, was Shannan Gilbert verstört hat. Denn früh am Morgen rannte sie aus Brewers Haus und hämmerte an die Tür seines Nachbars Gus Coletti. Der Rentner erinnert sich, dass sie um Hilfe rief. Er ließ sie ins Haus und wählte die Notrufnummer. Doch da hastete Shannan Gilbert plötzlich zur Tür. Gus Coletti sah noch, wie sie die Straße lang lief und ein silberfarbener Geländewagen auftauchte. Seither ist Shannan Gilbert verschwunden.

Joe Brewer wurde verhört, aber wieder laufen gelassen. Er hat mit ihrem Verschwinden nichts zu tun. Doch die Familie von Shannan Gilbert übte Druck auf die Justiz aus, so dass die Polizei vor einem Jahr erneut das Marschland durchkämmte. Erst dann fand sie die Knochenreste und Leichenteile der elf Menschen. Es waren acht Frauen, ein Baby und ein Mann , der Frauenkleider trug. Die elfte Leiche ist vermutlich Shannan Gilbert. Zwischen ihnen einen Zusammenhang herzustellen, ist bis jetzt nicht gelungen. Es könnte auch sein, dass Shannan Gilbert gar nicht ermordet wurde, sondern in dem dicht verwachsenen Gestrüpp den Weg nicht mehr fand und erschöpft liegen blieb, bis sie starb.

All dies muss nun die Polizei klären. Ob sie weiter suchen wird, wenn es sich bei der Toten tatsächlich um Shannan Gilbert handelt, ist nicht gewiss. Vielleicht wird die Fall auch einfach nur ergebnislos zu den Akten gelegt. Shannan Gilbert wurde von ihrer Familie vermisst. Dieses Glück hatten nicht alle der Toten, die dort ihr Ende fanden.