Hundertfache Vergewaltigung

Verteidiger – "Inzestfälle gibt es heute zuhauf"

Im Prozess gegen einen Rentner wegen des hundertfachen Missbrauchs seiner Tochter hat die Staatsanwaltschaft am Freitag vierzehn Jahre Haft und anschließende Sicherungsverwahrung gefordert. Die Verteidigung forderte fünf Jahre Haft: Es sei eben ein Inzestfall gewesen, nichts "Ungewöhnliches".

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Hundertfache brutale Vergewaltigung der eigenen Tochter oder einvernehmlicher Sex mit ihr – mit extrem unterschiedlichen Tatbewertungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung ist am Freitag der Nürnberger Inzestprozess in die Schlussrunde gegangen. Während Staatsanwältin Beate Frasch 14 Jahre Haft für den angeklagten 69 Jahre alten Rentner forderte, hielt dessen Verteidiger Karl Herzog maximal fünf Jahre für ausreichend. Das Urteil in dem aufsehenerregenden Prozess soll an diesem Montag (19. Dezember) verkündet werden.

Staatsanwältin Frasch hält nach dem Ende der Beweisaufnahme zwar nur noch 247 statt der zunächst angeklagten 497 Vergewaltigungsfälle für eindeutig nachweisbar. Dass der 69-Jährige dabei seine Tochter stets mit Gewalt oder entsprechenden Drohungen zum Sex gezwungen hat, sieht die Anklagevertreterin als nicht widerlegt an.

Der Angeklagte hatte in seiner Aussage jedoch von einvernehmlichem Sex gesprochen. „Gewalt ist dabei auch, wenn jemand ständig Drohungen ausgesetzt ist“, machte Frasch in ihrem Plädoyer deutlich. Und dass im Hause des früheren Gleisbauarbeiters ein Klima der Gewalt geherrscht habe und „sich deshalb keiner mit der Familie anlegen wollte“, hätten zahlreiche Zeugen bestätigt.

Der heute 69-Jährige habe im Laufe der Jahrzehnte in der Familie ein „System von Gewalt, Drohungen und Kontrolle“ aufgebaut, dem sich alle Familienglieder unterwarfen. „Wenn der Sex mit seiner Tochter einvernehmlich gewesen wäre, dann wäre ein solches System sicher nicht notwendig gewesen“, betonte die Staatsanwältin. Dass sich die Tochter Jahrzehnte lang niemandem außerhalb der Familie offenbart habe, liegt nach Ansicht von Frasch auch an der Scham und dem Gefühl der Mitschuld, das die sexuell missbrauchte Tochter empfunden habe.

Dagegen stellte Verteidiger Herzog die Glaubwürdigkeit der Tochter grundlegend infrage. Ihr Aussage vor Gericht stecke voller Widersprüche, sagte er. Zwar habe sein Mandant tatsächlich in den vergangenen beiden Jahrzehnten häufig mit der Tochter geschlafen, Gewalt habe er dabei aber nie angewandt. Es sei eben ein Inzestfall gewesen. „Und Inzestfälle gibt es heute zuhauf. Das ist nichts Ungewöhnliches mehr“, betonte der Verteidiger. Dass die Tochter nie geschlagen oder zum Sex gezwungen worden sei, hätten auch die Aussagen ihres Haus- und ihres Frauenarztes bestätigt. Beide hätten in den vielen Jahren, in denen sie die Frau medizinisch betreut hätten, nie Misshandlungsspuren an ihrem Körper entdeckt.

Auch die Bewohner in der Region hätten den Eindruck gehabt, dass es sich um zwar um eine anrüchige, aber einvernehmliche Beziehung zwischen Vater und Tochter gehandelt habe, sagte der Verteidiger. Deshalb habe den vermuteten Inzestfall wohl auch niemand den Behörden gemeldet. Als ein Dorfbewohner ihrem Vater einmal Kinderschändung vorwarf, sei die daneben sitzende Tochter wütend aufgesprungen und sei mit einem Glasaschenbecher auf den Mann losgegangen. Dass sie ihren Vater am Ende doch angezeigt habe, habe mit ihrer Geldgier zu tun. Als sie nämlich von ihrem Vater erfahren habe, dass dieser sie nicht länger als Alleinerbin ihres Elternhauses vorgesehen habe, sei sie tief enttäuscht gewesen.

Die Anwältin der Tochter, Andrea Kühne, warnte in ihren Plädoyer unterdessen davor, das Verhalten der immer wieder missbrauchten Frau mit normalen Maßstäben zu messen. Aus ihrer Sicht deute bei der 46-Jährigen vieles auf ein sogenanntes Stockholm-Syndrom hin; dabei entwickelten die Opfer mit der Zeit emotionale Bindungen zu ihren Peinigern und sympathisierten sogar mit deren Sache. Zudem wies die Nebenkläger-Anwältin auf einen Gutachter hin, der sich überrascht gezeigt habe, wie offen die 46-Jährige nach so kurzer Zeit über die erlittenen Qualen rede könne. Andere Opfer bräuchten Jahre dazu. Von daher dürften die wenigen Widersprüche in der Aussage der Angeklagten nicht überbewertet werden. Die Anwältin der Tochter forderte wie die Staatsanwaltschaft 14 Jahre Haft für den Rentner.