Amokläufer in Belgien

"Ich liebe dich, meine Liebe. Alles Gute!"

Der Amokläufer von Lüttich hatte laut Polizei ein "komplexes Leben": Sexualdelikte, Kinderpornografie und Drogen gehörten dazu. Er hinterließ eine Botschaft.

Der Himmel ist dunkel, es stürmt und regnet heftig. Kalt ist es eigentlich nicht, aber niemand käme auf die Idee, bei diesem Wetter länger rauszugehen. So gesehen ist das Wetter der letzten Tage in Lüttich ein Glücksfall.

Man kann nur spekulieren, was an einem sonnigen Dezembertag am Place Saint-Lambert in der Innenstadt der belgischen Stadt passiert wäre, auf einem gut besuchten Weihnachtsmarkt, an einem voll besetzten Kinderkarussell. Nordine Amrani hätte wohl noch mehr Menschen getötet, verletzt. Dabei ist so schon alles schlimm genug an diesem Tag nach seinem Amoklauf.

Belgien trauert. Die Behörden und das Parlament der Region Wallonien gedachten mit einer Schweigeminute der Opfer des Amoklaufs. Zahlreiche Beileidbekundungen erreichten das Land. Viele Bürger legten an der Bushaltestelle, wo die Menschen von Kugeln und Granatsplittern getroffen worden waren, Rosen nieder, manche weinten.

„Lasst uns Lüttich als Stadt des Friedens leben“, steht auf einem Zettel, den ein Mann mit dem Namen Emanuel unterschrieben hat. Und auch wenn die Stadt, die tags zuvor wie leergefegt wirkte, wieder bevölkert war, wenn Kinder zur Schule gingen und Erwachsene zur Arbeit, wenn Menschen ganz normal auf Busse warteten: Viele Lütticher sagen dennoch, sie fühlen sich nicht mehr sicher, was nicht weiter verwundert.

Vorbestraft wegen Sittlichkeitsdelikten

Nordine Amrani tötete zwei Schüler im Alter von 15 und 17 Jahren sowie ein Kleinkind von 17 Monaten. Er verletzte 125 Menschen, wovon mindestens fünf sich am Mittwoch noch in Lebensgefahr befanden, darunter auch ein 23 Monate altes Kind und eine 75 Jahre alte Frau, bei der laut eines Radioberichts bereits der klinische Tod festgestellt wurde. Am Morgen nach dem Amoklauf fand die Polizei in einem Schuppen noch die Leiche einer 45-Jährigen. Wie sollte man sich da sicher fühlen?

Vieles ist noch unklar im Fall des Lütticher Amokläufers. Fest steht inzwischen, dass er am Dienstag bei der Polizei vorgeladen war. Amrani habe möglicherweise „Angst gehabt, wieder ins Gefängnis gebracht zu werden“, sagte die belgische Innenministerin Joëlle Milquet.

Amrani war im September 2008 wegen Drogen- und Waffenbesitzes sowie wegen Sittlichkeitsvergehen zu einer Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Bei ihm waren damals auch ein Waffenarsenal aus 9500 Teilen, sowie ein Dutzend funktionsfähige Waffen entdeckt worden. Außerdem besaß er 2800 Marihuana-Pflanzen.

Auch bei der Vorladung von dieser Woche handelte es sich um eine Anzeige wegen eines Sittlichkeitsverbrechens. Details wurden nicht genannt. Zu solchen Straftaten werden Sexualdelikte wie Missbrauch oder sexuelle Gewalt, aber auch die Verbreitung von Kinderpornografie gezählt.

Die letzten Stunden des Amokläufers

Im November seien erstmals seit seiner Freilassung aus dem Gefängnis im Oktober 2010 Vorwürfe gegen ihn bekannt geworden, sagte die Lütticher Staatsanwältin Danièle Reynders. Es habe eine Anzeige vorgelegen, weitere Einzelheiten nannte die Staatsanwältin nicht. Laut einem Bericht der belgischen Zeitung „Le Soir“ bezog sich die Klage aber auf „Berührungen“. Laut Reynders konnte Amrani nach dem Eingang der Klage aufgrund eines am Tatort gefundenen Nummernschildes identifiziert werden. Deshalb sei er bei der Polizei vorgeladen gewesen.

Amrani begann seinen Amoklauf bereits Zuhause. Wohl als Vorbereitung und mit dem Wissen den kommenden Tag nicht zu überleben, überwies er all sein Geld auf das Konto seiner Freundin. In die Betreffzeile schreib er die Worte: „Ich liebe dich, meine Liebe. Alles Gute!“

Dann lockte er schließlich die Putzfrau seiner Nachbarin unter dem Vorwand in seine Wohnung, er habe Arbeit für sie und erschoss die Arglose. Die Polizei fand die Leiche der 45-Jährigen in einem Schuppen, nahe der Wohnung von Amrani. Darin hatte der Amokläufer Cannabis angepflanzt.

Später zog er auf den Weihnachtsmarkt, warf vier Handgranaten, schoss in die Menge und tötete sich mit einem Kopfschuss. „Die rechtsmedizinische Untersuchung hat ergeben, dass er sich in die Stirn geschossen hat“, sagte Reynders. Einen Abschiedsbrief hinterließ der 33-Jährige nicht. In der Tasche des Amokläufers wurden aber weitere, nicht abgefeuerte Waffen gefunden.

Rückfällige Strafgefangene im Visier der Justiz

Als erste Konsequenz aus dem Amoklauf kündigte die belgische Regierung an, verstärkt gegen illegale Waffen vorgehen zu wollen, zu dem soll die Überwachung von potenziell rückfälliger Strafgefangener verbessert werden. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass die Überwachung von Rückfalltätern, die nach ihrer Verurteilung wieder auf freien Fuß gesetzt würden, nicht ausreiche, sagte eine Sprecherin des belgischen Justizministeriums.

Auch habe man beschlossen, härter gegen den Handel mit illegalen Waffen vorzugehen. Eine Arbeitsgruppe soll nun Vorschläge für weitere rechtliche Schritte entwickeln.

Die Frage nach dem Motiv des Amokläufers bleibt allerdings weiterhin ungeklärt. Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft heißt es: „Er hatte ein sehr komplexes Leben.“