Anschlag in Belgien

Blutbad in Lüttich - Baby stirbt im Krankenhaus

Nach dem Anschlag im belgischen Lüttich ist die Zahl der Todesopfer auf fünf gestiegen – darunter ist auch ein 18 Monate altes Baby. Die Motive des vorbestraften Täters noch immer unklar. Einen terroristischen Hintergrund schließen die Behörden aus.

Trauer und Fassungslosigkeit in Belgien: Einen Tag nach der Bluttat mit fünf Toten in Lüttich geht das Rätselraten um das Motiv des Täters weiter. Der 33-Jährige, der Granaten warf und offenbar wahllos mitten im weihnachtlichen Einkaufstrubel auf die Menschen schoss, war der Polizei als gewalttätig bekannt und bereits wegen illegalen Waffenbesitzes vorbestraft. Er sei ein Einzeltäter gewesen, ein terroristischer Hintergrund werde ausgeschlossen, teilten die Behörden mit. Nach der Tat hatte sich der Mann den Angaben zufolge selbst erschossen.

Die Zahl der Toten ist auf mindestens fünf gestiegen. Ein wegen Waffen- und Drogenbesitzes vorbestrafter Mann hatte am Dienstag Menschen im Stadtzentrum mit Granaten und Schüssen angegriffen. Der 33-Jährige tötete zwei Teenager und eine Rentnerin, bevor er umkam. Ein 18 Monate altes Baby starb später im Krankenhaus. 123 Menschen wurden verletzt.

Das Blutbad versetzte die belgische Stadt nahe der deutschen Grenze in einen Schock. Stundenlang kursierten Gerüchte über die Flucht eines möglichen Komplizen, und die Innenstadt wurde bis zum Abend abgeriegelt. Einen terroristischen Hintergrund schloss das Innenministerium aber rasch aus.

Der Täter, dessen Namen die Behörden mit Norodine A. angaben, riss einen 15-Jährigen, eine 17-Jährige und eine 75 Jahre alte Frau mit in den Tod, sagte Staatsanwältin Danièle Reynders. Der Lütticher habe sich am späten Vormittag mit dem Wagen Richtung Innenstadt auf den Weg gemacht und ein Sturmgewehr, einen Revolver und zahlreiche Handgranaten in einem Rucksack dabeigehabt.

„Es war grauenhaft“

Auf der Place Saint-Lambert, wenige Meter vor einem gut besuchten Weihnachtsmarkt, schlug er gegen 12.30 Uhr zu: Von einem Vorplatz warf er drei Handgranaten in einen Unterstand an einer Bushaltestelle und eröffnete das Feuer. Ob er anschließend Selbstmord beging oder sich unbeabsichtigt umbrachte, sei noch nicht geklärt, sagte Reynders. Polizisten hätten ihn nicht getötet. Nach der Tat wurden noch mehrere nicht gezündete Granaten in seinem Rucksack gefunden.

Das Attentat löste Panik aus. Die Menschen rannten um ihr Leben, versuchten, sich und ihre Kinder vor den Kugeln und Granaten in Sicherheit zu bringen. „Es war grauenhaft“, schilderte ein Augenzeuge dem Sender RTL die Augenblicke nach der Tat. Geschäfte und Restaurants wurden verbarrikadiert. Er habe versucht, in ein Café zu flüchten, sei aber nicht mehr hineingekommen, sagte der deutsche Student Konstantin Fischenich der Nachrichtenagentur dapd. Noch am Abend suchte er nach seinen Freunden. Auf Fernsehbildern waren Blutlachen zu sehen.

Die belgische Zeitung „La Libre Belgique“ berichtete auf ihrer Website gar von mehr Toten. Die Zahl der Opfer könne noch steigen, hieß es. Laut letzten offiziellen Zahlen von 23 Uhr am Vorabend seien fünf Menschen gestorben und 123 verletzt worden. Der Tod eines 18 Monate alten Babys sei der offiziellen Liste hinzugefügt worden. Ein 23 Monate altes Baby und ein 20-Jähriger seien ebenfalls verstorben, ihr Tod aber noch nicht offiziell bestätigt worden.

Zur Versorgung der vielen Verletzten eilten auch Rettungskräfte aus den Niederlanden herbei. Im Hof des nahe gelegenen Justizpalastes unweit des Anschlagsortes wurde eine Notversorgungsstelle für die Leichtverletzten eingerichtet. „Die Zustände sind chaotisch“, sagte der Vater eines verletzten Kindes am Nachmittag dem Fernsehsender RTL.

Berichte über Komplizen sorgen für Panik

Mehrere Medien hatten zunächst über eine Verfolgungsjagd mit einem mutmaßlichen Komplizen durch die Innenstadt berichtet. Demnach gab es eine Stunde nach dem Anschlag einen Schusswechsel mit Sicherheitskräften. Die Polizei dementierte dies aber später. Auch Meldungen, ein mutmaßlicher zweiter Täter habe sich in den Justizpalast geflüchtet, erwiesen sich als falsch.

Über das Motiv des 33-Jährigen gab es zunächst keine genauen Angaben. Amrani hatte einen Termin für eine Befragung durch die Justizbehörden, sagte Staatsanwältin Reynders. Der Mann war laut Staatsanwaltschaft wegen Sexualdelikten vorbestraft und hatte erst 2008 eine Haftstrafe von 58 Monaten für illegalen Waffenbesitz und den Anbau von Cannabis erhalten. Laut der Zeitung „Sudpresse“ waren damals bei ihm 9.500 Waffenteile sowie Dutzende einsatzbereite Schusswaffen gefunden worden. Warum es ihm nach der Haft erneut gelang, sich umfangreich zu bewaffnen, gehört zu den Fragen, die am Dienstag zunächst unbeantwortet blieben.

Sein Attentat sorgte für Bestürzung in Belgien. König Albert II. traf am Abend in strömendem Regen in Lüttich ein, um sich über den Hergang zu erkundigen und die Verletzten und Opferangehörigen zu trösten. EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek drückte dem Land seine Anteilnahme aus. Er sei zutiefst schockiert von dem Blutbad und denke an die Opfer und ihre Familien, sagte Buzek.

Für die Bundesregierung brachte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) die Anteilnahme an der Trauer um die Opfer des Anschlags zum Ausdruck. „Wir trauern mit Belgien um die Opfer dieses Verbrechens“, sagte Westerwelle am Dienstag in Berlin. „Den Angehörigen und Freunden gilt unser Mitgefühl. Den Verletzten wünschen wir baldige Genesung.“