Anschlag in Belgien

Mann richtet Blutbad in Lüttich an – 123 Verletzte

Mit Kalaschnikow und Granaten: Ein vorbestrafter Waffennarr hat im belgischen Lüttich ein Blutbad angerichtet. Er tötete drei Passanten und erschoß sich danach selbst. Mittlerweile wird von mehr als Hundert Verletzten ausgegangen.

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Laut Medienberichten starb der Attentäter bei dem Anschlag in der belgischen Stadt. Zehn Menschen seien verletzt worden.

Video: Reuters
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Es ist ein ganz normaler Dienstag im belgischen Lüttich. Auf dem Platz Saint-Lambert im Zentrum machen Tausende Menschen Weihnachtseinkäufe, besuchen die Warenhäuser, die Restaurants und Cafés. Viele warten an einer Bushaltestelle. Zwei 15 und 17 Jahre alte Schüler haben gerade ihre Prüfungen abgeschlossen und stehen ebenfalls in der Menge. Wenige Minuten später sind sie tot.

Am Morgen bricht Nordine Amrani von seinem Zuhause in Lüttich auf. Der 33-Jährige trägt einen Tarnanzug, hat einen Rucksack bei sich und fährt mit dem Auto in die Innenstadt. So berichtet es später Staatsanwältin Danielle Reynders. Am Platz Saint-Lambert steigt er auf das Dach einer Bäckerei mit dem Namen „Le Point Chaud“ (frei übersetzt: Die heiße Stelle). Dort öffnet er seinen Rucksack und zieht einen Revolver, mehrere Granaten und ein Sturmgewehr, eine Kalaschnikow, hervor.

Was jetzt geschieht, erzählen Augenzeugen so: „Er machte eine weite Armbewegung, um etwas zu werfen“, so Nicolas Gilenne. Danach sei etwas explodiert. Der Täter habe sich dann umgedreht, einen anderen Gegenstand genommen und entsichert. Tatsächlich hat Amrani eine oder mehrere Blendgranaten des Typs „Thunder Flash“ in die Menge geworfen. Andere Quellen sprechen sogar von Handgranaten. Offenbar denkt Amrani militärisch: Die Granaten sollen die Opfer verwirren oder gleich töten und ihnen die Flucht erschweren.

Menschen rennen schreiend davon

Dann eröffnet er mit der Kalaschnikow das Feuer, schießt immer wieder in die Menge. Panik bricht aus, Menschen rennen schreiend davon, fliehen in die umliegenden Straßen, in die Geschäfte, in das Gerichtsgebäude, das ebenfalls am Platz Saint-Lambert liegt. Er habe versucht, in ein Café zu flüchten, sei aber nicht mehr hineingekommen, sagt der deutsche Student Konstantin Fischenich. Erst Stunden später trauen sich die Menschen wieder auf die Straße.

Die Polizei ist verwirrt. Überall sind fliehende Menschen, berichten von Schüssen in der Innenstadt. Gerüchte machen die Runde. Es sollen zwei Täter sein, vielleicht auch drei Täter. Einer habe sich in das Gerichtsgebäude geflüchtet, einer sei noch nicht gefasst und liefere sich eine Schießerei mit der Polizei. Nichts davon ist wahr. Doch die Beamten wissen das nicht. Sie sperren das Zentrum Lüttichs ab, suchen nach weiteren Verdächtigen rennen mit gezogenen Waffen durch die Straßen. Überall sind Verletzte, Blutlachen auf dem Pflaster, Szenen wie in einem Kriegsgebiet. Die Polizei unterbricht den Zug- und Busverkehr. Menschen versuchen über Handy ihre Angehörigen zu erreichen, kurz darauf bricht das Mobilfunknetz unter dem Ansturm komplett zusammen. Es herrscht Chaos.

Schließlich steht fest: Nordine Amrani handelt allein. Als seine Munition für die Kalaschnikow aufgebraucht ist, nimmt er den Revolver und schießt sich eine Kugel in den Kopf. Andere Versionen behaupten, seine Waffen seien explodiert. Völlige Klarheit gibt es nicht, doch Amrani ist auf der Stelle tot. Rettungskräfte rücken an, auch aus den nahen Niederlanden, behandeln schreiende und stöhnende Verwundete. Für die beiden Schüler und eine 75-jährige Frau können sie nichts mehr tun, sie sterben in dem Massaker. Ein 20-Jähriger und ein 23 Monate altes Baby schwebten am Abend noch in Lebensgefahr. Medizinischen Quellen zufolge sollen sie ebenfalls ihren Verletzungen erlegen sein. Im Gerichtsgebäude, dem Palais du Justice, wird ein Notfallzentrum eingerichtet, Verletzte in Krankenhäuser transportiert. Erste Meldungen sprechen von fünf Verletzten, dann sind es 47, später 63, schließlich 75. Am Abend steigt die Zahl offiziellen Angaben zufolge auf 123.

Während die Opfer versorgt werden, nimmt die Polizei die Ermittlungen auf. Einen Terroranschlag schließen sie schnell aus. Doch wer ist der Täter? Wer ist dieser Nordine Amrani, und was hat ihn zu dieser Wahnsinnstat gebracht? Sie wissen es nicht. Fest steht: Amrani ist 33, stammt aus Lüttich und ist ein Krimineller. Er wurde 2008 zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, wegen Waffendelikten, weil er Tausende Cannabispflanzen angebaut hatte und wegen Sexualdelikten. Belgischen Zeitungen zufolge war er auf Bewährung entlassen worden und hatte am Dienstagmorgen einen Termin bei der Polizei, zu dem er nicht erschien. Es habe nie Anzeichen für geistige Verwirrung gegeben. Er war bekannt für seine Drohungen, doch eine solche Tat hat ihm wohl niemand zugetraut.

Am Abend weicht der Schock langsam und macht einer fassungslosen Trauer Platz. Der belgische Premierminister Elio Di Rupo besucht den Tatort, ebenso wie König Albert II. und seine Frau. „Das ganze Land teilt Ihren Schmerz“, sagt Di Rupo an die Adresse der Familien der Opfer. Er betont, es habe sich um einen Einzeltäter gehandelt, nicht um Terrorismus. Auch der Lütticher Bürgermeister Willy Demeyer spricht von einer „Einzeltat, die tiefe Betroffenheit im Herzen der Stadt gesät hat.“ EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek sagt, er sei zutiefst schockiert von dem Blutbad und denke an die Opfer und ihre Familien. In Lüttich werden die Flaggen auf Halbmast gesetzt.