Kinderschänder

Prozess gegen Mary-Janes Mörder beginnt

Der Fall sorgte bundesweit für Entsetzen: Ende Juni hatten Wanderer die siebenjährige Mary-Jane aus Zella-Mehlis tot im Wald gefunden. Das Kind war erst missbraucht, dann bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und schließlich in einem Bach abgelegt worden. Am Freitag beginnt der Prozess gegen ihren Mörder.

Wenige Tage später wäre Mary-Jane acht Jahre alt geworden, sie hätte ihr erstes Schulzeugnis bekommen, hatte sich so auf die Sommerferien gefreut. Doch das zutrauliche Mädchen aus dem südthüringischen Zella-Mehlis musste qualvoll sterben – sexuell missbraucht, gewürgt, ertrunken in einem Bachlauf. Ihr mutmaßlicher Mörder lebte in der Nachbarschaft, war sogar einmal zu Besuch gewesen. Während er sich an dem zierlichen, dunkelhaarigen Mädchen verging, bangte knapp 100 Meter entfernt die Mutter um das Leben ihrer kleinen „Maja“. An diesem Freitag (16. Dezember) beginnt in Meiningen der Prozess gegen den 37-jährigen Tino L., der Mary-Janes Heimatstadt für Wochen in einen Schockzustand versetzt hatte.

Die Polizei hatte erst mit einem Großaufgebot nach dem vermissten Mädchen und dann mit einer Sonderkommission nach dem Täter gesucht. 50 Ermittler gingen 1.000 Hinweisen und 700 Spuren nach. Sie hatten sich in der MDR-Sendung „Kripo live“ sogar an die Öffentlichkeit gewandt.

Nur rund zehn Seiten umfasst die Anklageschrift, die dem gelernten Metzger heimtückischen Mord und schweren sexuellen Missbrauch vorwirft. Der 37-Jährige soll die Erstklässlerin am 24. Juni auf dem Heimweg vom Schulhort in seine Wohnung gelockt und sexuell missbraucht haben. Am nächsten Morgen soll er „das nichtsahnende Mädchen aus Angst vor der Entdeckung des sexuellen Missbrauchs“ in einem Waldstück in der Nähe getötet haben. Dort habe er Mary-Jane bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und mit dem Gesicht nach unten in einen eiskalten Bachlauf gelegt. Die Siebenjährige ertrank.

Prototyp eines Kinderschänders

Tino L. scheint der Prototyp eines Kinderschänders: unverdächtig, angepasstes Leben. Vorbestraft zwar, aber wegen kleinerer Verkehrs- und Drogendelikte. Niedriger Intelligenzquotient. Psychiater bescheinigen ihm nach Medienberichten eine „sekundäre pädophile Störung“, eine unterschwellige Veranlagung, die er selbst womöglich lange nicht gespürt hat.

Zeugen jedoch haben gesehen, wie er von seinem Balkon aus immer wieder heimlich spielende Kinder beobachtete – er sei ein Sonderling gewesen, erzählen sie. Das Risiko scheint hoch, dass Tino L. nach Verbüßen seiner Strafe weitere Kinder missbrauchen könnte. Möglich ist daher, dass die Richter bei der Verurteilung eine besondere Schwere der Schuld feststellen. Dann wäre zumindest eine vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis nach 15 Jahren unmöglich.

Nachdem Wanderer die Leiche der Siebenjährigen im Wald gefunden hatten, suchte die Polizei im Sommer zwei Wochen fieberhaft nach Mary-Janes kaltblütigem Mörder. Das letzte Lebenszeichen der Grundschülerin auf einem Überwachungsvideo in der Nähe eines Supermarktes brachte ein erstes Phantombild eines Mannes mit Basecap. Spur 130 schließlich überführte Tino L.: Zeugenaussagen, ein falsches Alibi und eine freiwillig abgegebene Speichelprobe, deren DNA mit Spuren an dem toten Kind übereinstimmte. Tino L. wurde an seinem Arbeitsplatz in einer Textilreinigungsfirma festgenommen.. Bei ihm fanden die Ermittler auch die gesuchte Schultasche des Kindes. „Sie sehen einen betroffenen aber auch sehr erleichterten Beamten vor sich“, hatte Kriminalhauptkommissar Andreas Beez mit stockender Stimme die Pressekonferenz nach der Festnahme eröffnet.

Die Beweislast ist erdrückend

Die Beweislast gegen Tino L. scheint erdrückend. Die aufwendigen Ermittlungen hätten eine Reihe „objektiver Beweismittel“ zutage gefördert, die das Geständnis des Mannes bestätigten, erklärt die Staatsanwaltschaft. Im Prozess sollen vier Sachverständige und fünf Zeugen gehört werden. Auch Mary-Janes Mutter tritt in den Zeugenstand und damit dem Peiniger ihrer Tochter gegenüber. Ihr Anwalt will sich nicht zu den Erwartungen seiner als Nebenklägerin auftretenden Mandantin äußern. Fest steht: Auf die Familie dürften viele grausame Wahrheiten zukommen, bevor sie selbst zur Ruhe kommen kann.

Auch in der Kleinstadt Zella-Mehlis ist das furchtbare Verbrechen noch lange nicht vergessen. In einer bewegenden Trauerfeier hatten Anfang Juli Hunderte Menschen in der Stadthalle in Zella-Mehlis Abschied von dem Mädchen genommen. Mitschüler der Erstklässlerin hatten Bilder gemalt, weiße Rosen und Lilien lagen vor einem überlebensgroßen Porträts des getöteten Mädchens.

„Viele Eltern begleiten ihre Kinder seitdem auf dem Schulweg“, sagt Bürgermeister Karl-Uwe Panse. Obwohl ja sicher sei, dass es sich um eine Einzeltat gehandelt habe, fühlten sich viele unsicher. „Wir erwarten vom Gericht, dass es den Mörder entsprechend zur Rechenschaft zieht.“ Psychiatrie oder „für lange Zeit hinter Gitter“ könne er sich vorstellen. Nach Zella-Mehlis solle Tino L. jedenfalls lieber nicht zurückkehren, fügt Panse hinzu. „Jeder hier kennt sein Gesicht.“