Achsivland

Solo-Herrscher im kleinsten Staat der Welt

Klein, kleiner, Achsivland. Im Norden Israels herrscht Eli Avivi seit Jahrzehnten über einen Zwergstaat. Seine Ehefrau ist die Außenministerin. Ein Hausbesuch.

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Die Autobahnausfahrt muss man noch selbst finden, dann weist ein Schild den Weg nach Achsivland. Genau genommen steht dort nur „Eli Avivi“, aber da Eli einer von genau zwei Einwohnern von Achsivland ist und außerdem Präsident und Regierungschef in Personalunion, gibt es da wenig Raum für Missverständnisse.

An der Hofeinfahrt – oder sollte man Staatsgrenze sagen? – dann wieder ein Schild: „Anhalten, Privatbesitz!“, steht dort und gleich zwei Mal: „Betreten nur gegen Bezahlung“.

Ein Ruderboot liegt auf dem Trockenen, Katzen haben schnurrend die Gartenmöbel besetzt, das halbe Dutzend Hunde ist Besucher so gewohnt, dass sie das mit dem Bellen gleich lassen. Im Garten steht ein Holzfass mit der Aufschrift: „Explosionsgefahr, deutsche Wehrmacht“.

Und schon kommt die Außenministerin, die gleichzeitig auch Präsidentengattin und zweite Frau im Staat ist, und kassiert 25 Schekel Eintritt. Achsivland ist der kleinste Staat der Welt, ein Paradies, aber auch eine clevere Geschäftsidee. Irgendwie müsse er den Haushalt ja bestreiten, sagt der 81 Jahre alte Präsident kein bisschen verlegen. Elis Privat- und der Staatshaushalt sind in Achsivland natürlich identisch.

Seit fast 60 Jahren lebt Eli Avivi auf diesem idyllischen Fleckchen Erde nahe der israelisch-libanesischen Grenze. Eigentlich hatte er damals nur seine Schwester besuchen wollen, die einige Kilometer entfernt wohnte. „Ich wanderte die Küste entlang und habe mich verliebt“, sagt er und streicht sich durch seinen weißen Rauschebart.

Vom Kämpfer der Untergrundmarine zum Zwergstaatspräsidenten

1930 im heutigen Iran geboren, wandert seine Familie kurz nach Elis erstem Geburtstag nach Israel aus, das damals noch britisches Mandatsgebiet war. Schon im Alter von 16 Jahren verlässt er das Haus seiner Familie in Haifa und heuert bei der Untergrundmarine an, um jüdische Einwanderer an den Briten vorbei nach Palästina zu schmuggeln.

Als er während des Krieges von 1948 zum ersten Mal am Strand seiner zukünftigen Heimat vorbeisegelt, um im Libanon Brücken in die Luft zu jagen, wird er von den dort lebenden Arabern mit Steinen beworfen. Noch am selben Abend wird das arabische Dorf al-Zib von den jüdischen Truppen erobert, die meisten Einwohner seien in Panik vor den Artillerieangriffen geflohen, schreibt der Historiker Benny Morris.

Der Kommandeur der Karmel-Brigade lässt die verbliebenen Bewohner deportieren und das Dorf zerstören. Die Ruinen stehen noch heute, einige verwitterte arabische Grabsteine sind nur auf den zweiten Blick zu entdecken.

Der See bleibt Eli auch nach dem Unabhängigkeitskrieg treu: „Ich arbeitete auf Fischerbooten. Erst im Mittelmeer und dann in der Nordsee.“ Schließlich sei er mit großen Schiffen bis nach Island und Norwegen gelangt. „Da war es mir aber viel zu kalt“, sagt Eli heute lachend. Auch im November kann er in Achsivland seine weiße Toga tragen, ohne zu frieren.

Kaum mehr als einen Steinwurf vom Mittelmeer entfernt, baut er 1952 schließlich sein Haus. „Ich konnte vom Fenster aus Angeln“, erinnert er sich. Und er angelt viel, verkauft Fisch und Obst an die Kibbuzim in der Umgebung und findet bei seinen Tauchgängen im Mittelmeer immer wieder archäologische Artefakte.

Eli gründet ein kleines Museum, das allerdings eher den Eindruck einer archäologischen Rumpelkammer macht. Er trifft und heiratet seine Frau Rina, die als Außenministerin unter anderem für die Einkäufe zuständig ist.

Präsidentenvilla tapeziert mit Nacktfotos der Präsidentengattin

In den Sechzigerjahren wird Achsivland mit einer ganzen Menge Haschisch und noch mehr Sex zu einem „Ort der Liebe“, zu einer Oase der Freiheit mitten in einem Land, dass von den Achtundsechzigern sonst nicht viel mitbekommt, weil es ein Jahr zuvor einen Krieg um sein Überleben führte.

Junge Israelis strömen zu Eli und Rina. Auf den Schwarzweißfilmen und den zahllosen Fotos von damals sind sie vor allem nackt zu sehen, besonders die Frauen. „Die habe ich halt besonders gern fotografiert“, gibt Eli zu. Die Wände der Präsidentenvilla sind tapeziert mit Nacktfotos der Präsidentengattin.

Doch im Jahr 1970 fällt der israelischen Regierung plötzlich auf, dass Eli gar kein Recht hat, in seinem Paradies zu leben. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft entstehen Hotels und Vergnügungsparks, ihm wird ein Räumungsbefehl präsentiert, den er ignoriert. Eines Tages kommen die Planierraupen und zerstören sein Haus.

„Ich war so wütend, ich habe alle Medien angerufen und eine Pressekonferenz einberufen“, erzählt er. „Ich habe allen erzählt, dass ich Israel liebe, dass ich für Israel gekämpft habe, aber dass ich nun in meinem Haus in Ruhe gelassen werden möchte.“

Eli ist so wütend, dass er Anfang der Siebzigerjahre kurzerhand den unabhängigen Staat Achsivland gründet und sich selbst zum Präsidenten erklärt. Ganz den regionalen Gepflogenheiten folgend, verkündet er mit dem Gewehr über der Schulter, er werde jeden Versuch der Grenzverletzung mit Waffengewalt verhindern.

Natürlich klagt die israelische Regierung gegen die Unabhängigkeit. Immer wieder wird Eli verhaftet, weil er die Rockkonzerte an seinem Strand nicht genehmigen lässt, weil er illegale Ehen schließt, nackt badet oder andere Nacktbader fotografiert.

Sophia Loren und Paul Newman waren bei ihm zu Gast

Weil der Präsident von Achsivland aber inzwischen im ganzen Land bekannt ist wie ein bunter Hund, lässt sich die Regierung auf einen Kuhhandel ein und verpachtet dem exzentrischen Staatschef das Land für 99 Jahre.

Heut scheint der größte Ärger verflogen zu sein: Auf dem Dach seiner Residenz hat Eli gleich mehrere israelische Flaggen gehisst. Der Staat hat längst eingesehen, dass Elis seltsamer Freistaat eine der größeren Touristenattraktionen der Region ist.

Man kann hier auf harten Matratzen in Steinhütten zum Meeresrauschen übernachten oder zelten – gegen Bezahlung natürlich. Sophia Loren war bei ihm zwei Wochen lang zu Gast und Paul Newman. Verheiratete arabische Paare lassen sich in Achsivland gern in voller Heiratsmontur ablichten.

Ein Visum braucht man nicht zur Einreise, aber einen Stempel kann man bekommen. Eli vollzieht auch Eheschließungen, allerdings ist vollkommen unklar, welche Länder die Ehen überhaupt anerkennen.

Und so könnte es ewig weitergehen. An das Ende denkt Eli nicht, trotz seiner 81 Lebensjahre. Achsivland habe schon so viele Herrscher gesehen, seit es vor 3500 Jahren erstmals kartografisch erwähnt wurde, sagt er. Ägypter, Perser, Phönizier, Römer, Mazedonier und Griechen, Assyrer, Mamelukken, Ottomanen und Kreuzritter, Araber und Briten und Israelis:

„Da wird sich schon jemand finden“, sagt er, und im Hintergrund rauscht das Meer.