Haussklavin-Prozess

Ehepaar steht wegen Geiselnahme vor Gericht

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Unter großem Medieninteresse hat der Haussklavin-Prozess gegen ein Ehepaar aus Haßmersheim (Neckar-Odenwaldkreis) begonnen. Der Mann und seine 46 Jahre alte Ehefrau müssen sich wegen gemeinschaftlicher Geiselnahme verantworten.

Im vorweihnachtlichen Haßmersheim herrscht geschäftiges Treiben, doch die Idylle in dem 4900 Einwohner zählenden Ort am Neckar trügt. Monatelang soll dort eine Familie eine gebürtige Würzburgerin misshandelt, gedemütigt und als Haussklavin gehalten haben. Das badische Dorf am Rande des Odenwalds geriet bundesweit in die Schlagzeilen. Am heutigen Donnerstag hat der Prozess gegen das Paar am Landgericht Mosbach begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ehepaar gemeinschaftliche Geiselnahme vor.

Die Aufregung in Haßmersheim hat sich zwar gelegt, geblieben ist das Entsetzen, dass so etwas in einem Ort passieren konnte, in dem eigentlich jeder jeden kennt. „Man kann nicht mehr sagen, man lebt in einem Dorf, solche Dinge gibt es nur in der Stadt“, sagt eine junge Passantin, die ihren Namen nicht nennen will. „Jeder kennt inzwischen das Haus, wo die Familie gelebt hat, die Leute aber kannte niemand, sie haben ja nur ein paar Monate hier gewohnt“.

Die Familie war im vergangenen Winter nach Haßmersheim gezogen. Den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge hielt sie die heute 21-Jährige – eine Internetbekanntschaft des Sohnes – aber bereits seit September 2010 gegen ihren Willen fest.

Nachdem dem mutmaßlichen Opfer im Juni 2011 die Flucht gelungen war, war das heruntergekommene Mehrfamilienhaus mit idyllischem Blick auf den Neckar tagelang von Schaulustigen belagert worden. Hausbewohner berichteten damals, sie hätten die Würzburgerin immer nur in Begleitung eines Familienmitgliedes gesehen und sie für die Cousine des Sohnes gehalten.

„Wenn die junge Frau hier in einem Verein gewesen wäre und sie jeder gekannt hätte, hätten sich die meisten mehr aufgeregt“, sagt eine andere Passantin, die auch anonym bleiben will. Es sei schrecklich, was in Haßmersheim passiert sei, „doch ich ärgere mich schon ein bisschen über die Schlagzeilen. Jetzt geht das wieder los. Ich finde das übertrieben.“ Sichtlich genervt reagiert ein älterer Mann auf der Straße. „Dazu sage ich nichts, sonst werde ich böse“, sagt er und wendet sich brüsk ab.

Der parteilose Bürgermeister Marcus Dietrich befürchtet nicht, „dass der Name des Ortes für immer mit dem Fall verbunden bleibt und das Image von Haßmersheim darunter leidet“. Positive Projekte wie der Bau einer zweiten Neckarbrücke würden die Menschen in den Gegend mehr beschäftigen. „Der Prozess ist kein großes Thema hier, die Familie lebte nur einige Monate in Haßmersheim, sie hatte keine sozialen Kontakte und niemand kannte sie näher“, sagt Dietrich.

( dpa/sei )