Missbrauchsskandal

Die gefallenen Götter des College-Footballs

In den USA werden Sportler am College zu Helden – etwa im Footballteam der Penn State University. Doch nun sollen zwei Trainer Jungen hundertfach missbraucht haben.

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Wenn Amerikas College-Mannschaften im Football und Basketball aufeinandertreffen, fließen bei ganz harten Männern Tränen der Rührung, und endlose Ströme von Dollars füllen die Universitätskassen. Neben der Religion dürfte es in den USA keinen zweiten Glauben geben, der so romantisch und fanatisch verteidigt wird, wie lebenslang treu seinem College-Team anzuhängen.

Die Sportler sind, wie jeder weiß und niemand gern zugibt, keine Studenten wie andere. Die Gladiatoren leben abseits des akademischen Betriebs in Bruderschaften nach eigenen Gesetzen und mit eigenen Privilegien. Es geht um Milliarden Dollar in einer gigantischen Sportindustrie, deren Genie darin liegt, die Jungen zu begeistern und sentimentalen Alumni-Fans ihre eigene Jugend noch einmal zu verkaufen.

Dies muss man wissen, um zu erahnen, was die Trainer Bernie Fine an der Syrakuse University und Jerry Sandusky an der Penn State angerichtet haben: Beide haben mutmaßlich über viele Jahre hinweg Knaben in ihrer Obhut missbraucht. Beide haben, das steht schon fest, durch den bloßen Verdacht Heiligtümer geschändet und Götter gestürzt.

Barack Obama fühlte sich als „ranghöchster Fan“ („fan in chief“) aufgerufen, nach dem Aufbrechen des Skandals um Sandusky in Penn State im November die Colleges zu ermahnen, dass es ihre erste Priorität sein müsse, „unsere Kinder zu schützen“.

Der basketballbegeisterte Präsident gibt regelmäßig vor dem Frühjahrsturnier der College-Teams – treffend „März-Wahnsinn“ (march madness) genannt – seine Tipps ab. „Was in Penn State geschehen ist“, sagte Obama, „legt nahe, dass man nur noch an Systeme und Institutionen dachte, nicht an Individuen.“

Nun hat der Senat den Fall an der Penn State für eine Anhörung im Kongress am 13. Dezember auf die Agenda gesetzt, was die Größe des Skandals erahnen lässt.

Kinderschänder gründete Stiftung für Jungen

Die Vorwürfe sind entsetzlich. Jerry Sandusky soll über 15 Jahre lang acht Jungen hundertfach missbraucht haben. Jahrzehntelang saß er neben Joe Paterno (84), dem göttergleich verehrten Head-Coach des Footballteams, auf der Trainerbank; Sandusky hatte eine eigene karitative Stiftung für Jungen aus prekären Familien gegründet.

Sie wehrten sich nicht, als er sie schändete; er wurde nackt unter der Dusche mit Jungen gesehen und sogar bei einer Vergewaltigung. Paterno hörte davon, verständigte die Universitätsleitung und ließ dann, wie diese selbst, die Sache auf sich beruhen. Noch stehen nicht alle Einzelheiten fest.

Sandusky streitet alles ab, er habe mit den Jungen nur „herumgetollt“, zugegeben auch nackt unter der Dusche. Man führte ihn in Handschellen ab; Tage später feuerte der Aufsichtsrat, der den enormen ökonomischen Schaden für die Universität durch ausbleibende Spenden und Klagen begriff, Joe „JoePa“ Paterno.

Randalierer schlimmer als Occupy-Demonstranten

Hunderte Studenten randalierten in jener Nacht auf dem Campus, warfen Steine auf Polizisten, stürzten einen TV-Wagen um: Kein Zweifel, kein Mitgefühl mit den mutmaßlichen Opfern Sanduskys trieb sie an, auch nicht der Zorn über den Rufmord an ihrer Universität, sondern blinde Liebe und die Wut, dass man sich an ihrem Gott Paterno vergriffen hatte. Die Randalierer, die übler wüteten als je „Occupy“-Demonstranten, kamen straflos davon. Schulstolzer Machismo, so scheint es, entschuldigt alles.

Bei Bernie Fine, den drei inzwischen erwachsene Männer seit dem Wochenende anklagen, sie über Jahre missbraucht zu haben, liegt die Sache anders. Es mag sein, dass seine mutmaßlichen Straftaten aus den 80er-Jahren verjährt sind. Auch klingen die Aussagen der drei Männer zwischen 27 und 45 Jahren zum Teil problematisch, weil sie freiwillige intime Beziehungen bis weit ins Erwachsenenalter zugeben; es scheint auch keine Augenzeugen zu geben.

Unstrittig ist die Signalwirkung, die der Penn-State-Skandal auf bisher schweigende Opfer von Teamtrainern in Colleges und Schulen hat. Eine Telefon-Hotline für sexuellen Missbrauch meldete 54 Prozent mehr Anrufe nach der Festnahme Jerry Sanduskys.

Zum Schutz der Schule nichts unternommen

Neben der eher routinehaften Entrüstung, die zahlreiche Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche der USA auf sich zogen, wirkt das moralische Entsetzen über die beiden Colleges wie ein Tsunami. Warum hat niemand etwas in Penn State unternommen? Omertà, lautet eine Antwort, das einverständige Schweigen derer, die wissen, wie viel Geld auf dem Spiel steht, machte es möglich.

Auch in Syracuse gibt es einen Gott neben dem mutmaßlichen Täter: Jim Boeheim heißt er, und er hat 35 Saisons mit Fine auf derselben Bank verbracht. In einem wütenden Ausbruch verteidigte Boeheim seinen Freund gegen die drei Opfer, die Fine aus reiner Geldgier diffamierten.

Inzwischen ist Boeheim kleinlaut und windelweich geworden, er hätte das, „falls meine Worte jemanden verletzt haben könnten“, so nicht sagen sollen. Paternos Rauswurf sollte Boeheim eine Lehre sein. Selbst die Götter des Sports, die keine anderen Götter neben sich dulden, fallen, bevor die Universität wankt.

Er habe keine Angst um seinen Job, sagt Boeheim nun mit der Selbstgerechtigkeit, die seiner Zunft eigen ist. Genau 16.649 Fans applaudierten Boeheim stehend beim letzten Heimspiel am Dienstag. Ihre Solidarität gilt dem legendären Trainer, nicht den mutmaßlichen Opfern seines Freundes.

Amerikas Medien tun auf unterwürfige Weise ihren Teil, den Mythos des heiligen College-Sports zu schützen. Selbst seriöse Zeitungen leisten sich Hymnenüberschriften („Er war unersetzlich, auf der Trainerbank wie in der College-Gemeinschaft“) im nordkoreanischen Duktus. Man muss sich fragen, welches College mit dem nächsten Missbrauchsskandal dran ist.