Naturkatastrophe

Kampf um Bangkok – Thailand versinkt in der Flut

Hunderte Tote, Hunderttausende betroffene Familien: Thailand muss mit den schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten kämpfen. Jetzt ist die Hauptstadt bedroht.

Fischer werfen ihre Netze mitten in der Innenstadt aus, Menschen fliehen mit Elefanten, denen sie ihr Hab und Gut auf den Rücken geschnallt haben. Dazwischen brausen Retter auf Jetski durch die Wassermassen der überfluteten Gebiete, um Menschen zu bergen und nach Vermissten zu suchen.

Thailand kämpft gegen die schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. Jetzt nähern sich die braunen Wassermassen der Hauptstadt.

Bangkoks Downtown Sukhumvit, einen Kilometer vom Fluss Chao Phraya entfernt, werde zum Teil überflutet werden, warnen die Behörden. Denn einzelne Stadtteile liegen unter dem Meeresspiegel. In ein paar Tagen erst wird die Flut ihren Höchststand erreichen.

Entlang des Chao Phraya schützen auf einer Länge von 75,8 Kilometern Dämme vor dem Wasser. Sieben riesige, insgesamt 19 Kilometer lange Abflusskanäle und 21 städtische Staubecken sollen vor dem Schlimmsten bewahren. Dennoch drohen mindestens 13 Stadtteile Bangkoks unterzugehen, sagt Gouverneur Sukhumbhand Paribatra.

„Jeder Kanal in Bangkok ist randvoll“, so Sukhumbhand. „Wenn es noch mehr regnet, steht ganz Bangkok unter Wasser.“ Die Provinzen erleiden jedes Jahr Überschwemmungen. Jetzt bangen selbst Bangkoker, die immer „im Trockenen“ waren.

So berichtet ein Blogger aus einem Vorort, er mache sich erstmals Sorgen. Seine Nachbarn bauten eine Mauer ums Haus. Ein Anwohner hat einen umgekippten Tisch mittels Bordmotor zum Boot umfunktioniert. Einem anderen dienen Hunderte von leeren Wasserflaschen als Floß.

In Bangkok gibt es erste Anflüge von Panik, auch im nordwestlichen Stadtteil Nonthaburi, wo sonst hübsche Ausflüge mit einem Longtailboot auf dem mächtigen Chao Phraya gemacht werden. In einem Wettlauf gegen die Zeit werden Sandsäcke aufgeschichtet, um ganze Quartiere zu retten.

Nonthaburi plant Evakuierungen – die bei der Unesco-Weltkulturstätte Ayutthaya rund eine Autostunde nördlich von Bangkok bereits angelaufen sind. Bei der Evakuierung eines Hospitals am Montag mit Schlauchbooten starben zehn Patienten. Inzwischen haben die Wassermassen historische Tempelruinen geschluckt.


Rekordüberschwemmungen mit nie gesehenen Zerstörungen

Die bald dreimonatige Monsunsaison hat dem Königreich Rekordüberschwemmungen mit nie gesehenen Zerstörungen beschert. Bislang starben 269 Menschen – viele durch Stromschläge.

60 Provinzen und 820.000 Familien sind betroffen, eine halbe Million Menschen leiden an Erkrankungen, 12.000 Quadratkilometer Ackerland – fast die Größe von Schleswig-Holstein – sind zerstört und mehrere Hundert Straßen unpassierbar oder unterbrochen, darunter der Asian Highway, die wichtige Nord-Süd-Transversale. Die thailändische Zentralbank rechnet mit Schäden in Höhe von zwei Milliarden Dollar bzw. 0,6 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

Zehn Prozent der Reisernte des größten Exporteurs der Welt sind gefährdet, weit mehr als 1000 Fabriken stehen unter Wasser. Bei Ayutthaya verschluckte die Brühe ganze Industriezonen mit Fabriken von Honda, Nikon und Canon.

Honda zufolge hat das Wasser Hunderte von brandneuen Autos überflutet, die eben an Käufer ausgeliefert werden sollten. Der Konzern appellierte an die Regierung, Wasser abzupumpen und zu retten, was noch zu retten ist. Doch diese scheint komplett überfordert. Plodprasop Suraswadi, Minister für Wissenschaft und Technologie, blieb zu sagen, dass seine Leute das Hochwasser unterschätzt hätten.

Land und Leute scheinen sich selbst überlassen. Eine der Verzweiflungstaten der Behörden: Ab Dienstag soll auf dem Chao Phraya in Bangkok eine Armada von 1000 Schiffen an Brücken vertäut werden und die Motoren mit Vollkraft laufen lassen – um das Abfließen der Flutmassen zu beschleunigen.


Räuber und Plünderer nutzen das Elend

Kasernen dienen als Auffanglager, im Katastrophengebiet sind Truppen im Einsatz, Sirenen heulen. Regierungschefin Yingluck Shinawatra reagierte. Sie sagte zu, das Menschenmögliche zu tun und eilte von Notgebiet zu Notgebiet, wo sie durch tiefes Wasser watete.

Vielerorts brechen die Dämme, es bleiben nur noch Evakuierungen und die Rettung von Kulturgütern. Am Montag räumten Freiwillige die Bibliothek der Universität Thammasat.

Räuber und Plünderer nutzen das Elend, und alle Macht liegt derzeit bei Schleusenwärtern. Am Freitag bedrohten sich in der Provinz Bauern und Städter mit Waffen und feuerten Warnschüsse ab. Je nachdem, wessen Land geflutet wird, um Druck von Dämmen abzulassen, dessen Ernte ist dahin, und es droht die komplette Armut. Die Bauern wollen Städte fluten. Städter sagen, ihre Wirtschaftszentren gehören gerettet.


Kampf um Bangkok

Jetzt ist der Kampf um Bangkok in vollem Gange. Eine eilends anberaumte „Wassersenkungs-Zeremonie“ am Samstag durch Brahmanen-Priester vermochte die Götter nicht zu besänftigen.

Teile von Nonthaburi gleichen bereits Flusslandschaften, und schon grollt der Himmel wieder, und es schüttet aus Eimern. Der Monsun hat dem Land viel zu viel des Regens gebracht, um den die Bauern während der Trockenzeit eben noch flehten.

Dennoch dürfte Bangkok das extreme Elend, das die Provinzen gerade erleiden, erspart bleiben. Derzeit kursieren wütende Schuldzuweisungen im Königreich. Es regne nicht mehr als in früheren Jahren, sagt Somsak Khaosuwan von der Katastrophenwarnbehörde.

Doch Bauwut und Abholzung hätten natürliche Auffangbecken zerstört: „Es gibt keine Wälder mehr, die das Wasser schlucken“, so Somsak. „Die Dörfer unserer Väter wurden nie überflutet. Doch die Zeiten haben sich geändert.“

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