Fall Dennis

Psychiater hält "Maskenmann" für voll schuldfähig

Im Mordprozess gegen den mutmaßlichen Kindermörder Martin N. vor dem Landgericht Stade hat ein Gerichtsgutachter den als "Maskenmann" bekannt gewordenen 40-Jährigen für voll schuldfähig erklärt. Martin N. hatte kurz nach seiner Festnahme im April drei Morde und rund 40 sexuelle Übergriffe gestanden.

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Vor dem Landgericht in Stade hat der Prozess gegen einen mutmaßlichen mehrfachen Kindermörder begonnen.

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Jahrelang versetzte der „Maskenmann“ die Menschen in Norddeutschland in Angst. Nachts schlich er sich in Kinderzimmer oder Ferienlager und vergriff sich an den schlafenden Jungen. Drei seiner Opfer erwürgte er. Wegen dreifachen Mordes und sexuellen Missbrauchs in 20 Fällen muss sich der Pädagoge Martin N. seit Montag vor dem Landgericht Stade verantworten.

Der 40-Jährige habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen getötet, um andere Straftaten zu verdecken, sagte Staatsanwalt Johannes Kiers bei der Anklageverlesung. Die Verteidigung will am nächsten Prozesstag am 26. Oktober eine Erklärung von Martin N. verlesen. Inwieweit er sich zu den Verbrechen äußern wird, wollten seine Anwälte nicht sagen.

In Handschellen führten die Justizbeamten den Angeklagten in den Gerichtssaal. Sein Haar ist ergraut, er trägt einen dichten Bart. Regungslos folgte er der Anklageverlesung, blickte den Nebenklägern - den Familien der drei getöteten Jungen und einem Missbrauchsopfer - nicht in die Augen. Die Angehörigen der Jungen wirkten im Gerichtssaal gefasst. „Da habe ich sehr lange drauf gewartet, viel zu lange“, sagte der Vater des 1995 getöteten Dennis R.

Inzwischen liegt auch das vorläufige Gutachten eines Psychiaters vor. Es kommt nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis: Martin N. ist voll schuldfähig.

Der Verdächtige hatte kurz nach seiner Festnahme im April in Hamburg die drei Morde und rund 40 sexuelle Übergriffe zwischen 1992 und 2001 gestanden. Etwa die Hälfte der Missbrauchsfälle ist mittlerweile aber verjährt. Martin N. ist wegen 23 Straftaten in Stade angeklagt.

Bei den Verbrechen ging der gebürtige Bremer immer nach einem ähnlichen Muster vor. Getarnt mit einer dunklen Sturmhaube drang er in Häuser, Schullandheime oder Zeltlager ein, weckte einen Jungen und missbrauchte ihn – meist unbemerkt von Eltern, Lehrern und Betreuern. Als „Maskenmann“ oder „schwarzer Mann“ wurde er in den Medien bekannt.

1992 tötete Martin N. den Erkenntnissen der Ermittler zufolge zum ersten Mal. Er drang in ein Internat in Scheeßel (Kreis Rotenburg) ein und entführte den 13-jährigen Stefan. „Noch auf dem Schulgelände fesselte er Stefan die Hände“, sagte Kiers. Im Auto verging er sich an dem Jungen und fuhr danach mit ihm auf einen Waldweg. „Dort erwürgte er Stefan mit den Händen.“

Sein zweites Opfer, den achtjährigen Dennis R., holte er der Anklage zufolge 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig. Mehrere Tage verbrachte Martin N. mit ihm in einem Ferienhaus in Dänemark, dann tötete er den Jungen auf dieselbe Art.

2001 schlich sich der Verdächtige in ein Schullandheim bei Bremerhaven, hob den schlafenden Dennis K. aus einem Stockbett und fasste ihn im Aufenthaltsraum an. Doch der Junge wehrte sich, und Martin N. erwürgte ihn. Die Leiche brachte er zu einem Wald. „Dort legte er Dennis in ein Gebüsch und fuhr davon“, sagte Kiers.

Nach dem dritten Mord wurde der Polizei klar, dass es sich um einen Serientäter handelt. Sie gründete eine Sonderkommission, die jahrelang tausende Spuren auswertete – erfolglos. Erst nach einem Hinweis eines früheren Missbrauchsopfers kamen die Fahnder dem inzwischen in Hamburg lebenden Verdächtigen auf die Schliche.

Kurz vor Beginn des Prozesses hatte der NDR über mögliche Ermittlungspannen bei der Polizei berichtet. Danach sollen die Fahnder in Bremen und Bremervörde Akten vernichtet haben, die zu dem Zeitpunkt noch nicht verjährt gewesen seien. Die Polizei Bremen will dem nun nach eigenen Angaben nachgehen.

Die Staatsanwaltschaft maß den möglicherweise fehlenden Akten keine große Bedeutung zu. „Für das heutige Verfahren ist das völlig unerheblich. Wir sind zuversichtlich, Martin N. die drei Morde und alle angeklagten Missbrauchsfälle nachweisen zu können“, sagte Behördensprecher Kai Thomas Breas. Die Anklage werde trotzdem prüfen, ob die Polizei die Aufbewahrungsfristen gegebenenfalls nicht eingehalten habe.

Bis Anfang Dezember hat die Kammer zehn weitere Verhandlungstage angesetzt.