Pflegeeltern vor Gericht

Wer hat die neunjährige Anna ertränkt?

Vor 16 Monaten wurde die neunjährige Anna aus Bad Honnef in der Badewanne ertränkt. Seit Ende Januar stehen ihre Pflegeeltern vor Gericht. Am Donnerstag ergeht das Urteil.

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Mit Spannung wird das Urteil des Bonner Schwurgerichts um den gewaltsamen Tod der neunjährigen Anna aus Bad Honnef im Juli 2010 erwartet. Gutachter sind sich sicher, dass das Kind, das über Monate systematisch misshandelt wurde, damals in der Badewanne der Pflegeeltern mehr als drei Minuten lang unter Wasser gedrückt wurde. "Mord" sagt daher der Staatsanwalt und beschuldigt aufgrund der Aussagen des Ehemanns die angeklagte 52 Jahre alte Pflegemutter. Die aber sagt, nicht sie, sondern ihr Mann habe das Kind damals unter Wasser gedrückt.

Sie sei aufgrund eines Durchbruchs der Bauchdecke damals gar nicht in der Lage gewesen, das Kind unter Wasser zu drücken, ließ die Angeklagte über ihren Anwalt wissen. Vier Sachverständige widerlegten diese Angaben in einer eigens nach den Plädoyers wiedereröffneten Beweisaufnahme.

Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft

In seinem Plädoyer beantragte der Staatsanwalt eine lebenslange Haftstrafe für die 52-jährige Pflegemutter wegen Mordes in Tateinheit mit Freiheitsberaubung mit Todesfolge sowie wiederholter Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Zudem solle die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden. Die Anwältin der als Nebenklägerin auftretenden leiblichen Mutter verlangte ebenfalls lebenslange Haft für die Pflegemutter. Die leibliche Mutter hatte das Kind freiwillig abgegeben, weil sie mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Der Verteidiger der Pflegemutter bestritt die Hauptschuld der Frau und forderte eine "mäßige Freiheitsstrafe".

Gegen den Pflegevater forderte der Staatsanwalt eine Strafe von neun Jahren. Die Verteidigung sprach sich für fünfeinhalb Jahre aus. Das Geständnis seines Mandanten habe wesentlich zur Aufklärung des Falls beigetragen, argumentierte er.

Annas Kopf mindestens drei Minuten unter Wasser getaucht

Der Prozessverlauf war kompliziert. Zunächst wurden die Pflegeeltern wegen Misshandlung in 55 Fällen sowie Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Ende Januar gestartet, platzte der Prozess allerdings nach zehn Prozesstagen, als ein Gerichtsmediziner aussagte, Annas Kopf sei mindestens drei Minuten lang, vermutlich länger, unter Wasser gedrückt gewesen. Der Körper des Kindes weise alle Symptome eines Erstickungstodes auf. Damit war für die Prozessbeteiligten klar, Annas Tod war kein Unfall, sondern offenbar gewollt.

Der Prozess wurde neu aufgerollt und auf Antrag der Anklage wurde eine Verurteilung wegen Totschlages oder auch Mordes nicht mehr ausgeschlossen. Eine Erkrankung der Pflegemutter verzögerte den Prozessverlauf weiter.

Zum Tatverlauf äußerte sich allein der Pflegevater. In einem Schlusswort nach den Plädoyers entschuldigte er sich bei der leiblichen Mutter Annas und bei Annas Bruder.

In den Zeugenaussagen im Prozess wurde laut Anklage deutlich, wie sehr die Angeklagte in ihrer Umgebung mit Unwahrheiten manipulierte - gegenüber dem Jugendamt, Ärztinnen oder Therapeuten. Die angeblichen Schwierigkeiten Annas wie Essstörungen, Wasserphobie und die Tendenz zur Selbstverletzung waren nach dem Eindruck von Prozessbeobachtern und entsprechenden Zeugenaussagen erfunden.

Nach wie vor unklar ist die Rolle der Jugendämter Königswinter und Bad Honnef. Außerdem gehen die Ermittlungen wegen unterlassener Hilfeleistung gegen den 14 Jahre alten Sohn der Angeklagten und gegen eine Nachbarin weiter.