Mario Galla

Wie Michalsky den Makel laufstegtauglich machte

Seit seiner Geburt hat Mario Galla ein verkürztes Bein und muss eine Prothese tragen. Der Berliner Modeschöpfer Michael Michalsky sah das Strahlen des jungen Mannes und schickte ihn trotz Behinderung auf den Laufsteg. Heute ist Galla ein gefragtes Model.

Mario Gallas Karriere beginnt damit, dass er vor einem Mode-Fotografen seine Hose auszieht. Dabei sind die ersten Mode-Testfotos für das Magazin längst gemacht. Christian, der Fotograf, will ihn schon hinausschicken, aber Mario Galla sagt: „Da ist noch eine Sache.“ – „Ja. Was?“ – „Es ist wohl am einfachsten, wenn ich es dir zeige.“ Mario zieht also seine Jeans bis zu den Knöcheln und Christian schaut ihn entgeistert an. Marios rechtes Bein ist verkürzt, er trägt deshalb eine Prothese aus Carbon. „Keine Ahnung, ob ihr damit was anfangen könnt“, sagt Mario Galla locker. Christian antwortet zögerlich, allerdings nur mit einer Frage: „Was für eine abgefahrene Scheiße ist das denn?“

Natürlich konnte Christian etwas damit anfangen und viele andere Modefotografen nach ihm auch. Jetzt ist Mario Galla seit fünf Jahren im Modebusiness. Seinen großen Durchbruch hatte er gerade auf der Fashion Week in Berlin, wo er Michael Michalskys Kollektion zeigte. Michalsky hatte ihn gebucht und das „Model mit dem Makel“ in kurzen Hosen über den Laufsteg geschickt. Das hat für Aufsehen gesorgt und auch irgendwie in eine Stadt gepasst, in der es selbst Kuscheltiere mit amputierten Beinen zu kaufen gibt – damit Kinder schon früh lernen, mit Behinderung umzugehen.

Mit Humor gegen Widerstände

Mario Galla hat über seine 26 Lebensjahre mit der angeborenen Behinderung ein Buch geschrieben. Es heißt „Mit einem Bein im Modelbusiness“, was den Humor vorwegnimmt, mit dem er bisher alles genommen hat, was ihm an Widerständen begegnete. Wer aber mit ihm spricht, hat vor allem das Gefühl, dass er mit jedem Satz eher eine abwinkende Geste macht. Ein „War alles gar nicht so schlimm“ klingt immer mit, wenn er sagt: „Ich habe mich nie anders wahrgenommen“ oder „Ich habe auch immer selbst Witze über mein Bein gemacht“.

Tatsächlich hatte er nur selten schlechte Erfahrungen mit Kollegen gemacht. Nur einmal, kürzlich bei einer Show in Paris, hörte er das deutsche Wort „Krüppel“ hinter seinem Rücken. Er wusste, er war gemeint, aber er wusste auch, dass er das gut wegstecken kann. Zu gut ist es ihm in den Monaten davor ergangen, zu viel Zuspruch hat er erfahren von Menschen, denen sonst nachgesagt wird, so oberflächlich zu sein. Seinen Schlüsselmoment als Model hat er dem Berliner Designer Michael Michalsky zu verdanken.

Im Vorwort zum Buch stellt der noch einmal klar, warum er Mario Galla für seine Fashion-Show ausgewählt hat. „Ich habe nie verstanden, warum viele in unserer Branche Schönheit ausschließlich über Makellosigkeit, Schlankheit und Jugend definieren.“ Models hätten die Aufgabe, Mode in Szene zu setzen und mit Leben zu füllen. Deswegen habe er schon Rentner auf den Laufsteg geschickt, die „mit ihrer Aura den Saal füllen“. Bei Mario Galla fiel ihm auf, dass etwas an ihm strahle.

Geschichten über Drogen und Sex

Erst auf den dritten Blick sah Michalsky, dass dieser junge Mann seltsam laufe, sogar leicht hinke. Michalsky fragte ihn, warum das so sei. Galla: „Ach so, das… ich habe da so eine kleine Behinderung.“ Michalsky dachte sich, wenn Galla damit so lässig umgehe, dann könne er das auch. Er ließ ihn seine Kollektion präsentieren – und baut in sein Vorwort ganz allgemeine Sätze über das Modeln ein („Ohne Models keine Show“), damit Marios Gallas Makel auch bei ihm nicht zu viel Raum einnimmt. Was gibt es schon zu erzählen, er hat eben einen verkürzten Oberschenkel, na und?

Dass es doch eine ganze Menge zu erzählen gibt, beweisen die rund 400 Seiten, auf denen Galla von unmoralischen Angeboten erzählt, von Drogen und Sex mit schönen Frauen sowie der Aufregung vor seiner ersten Show für Hugo Boss. Viele Geschichten haben nichts mit seiner Behinderung zu tun, sondern sind Erlebnisse, wie sie viele Models haben in den Modehauptstädten London, Berlin, Paris, Mailand und New York.

Aufgeschrieben hat Mario Galla diese Geschichten zusammen mit dem 32 Jahre alten Journalisten Lars Amend. Der Berliner hat schon vorher Erfahrungen mit ähnlichen Buch-Projekten gesammelt, zuerst mit Rapper Bushido, dessen Buch sich vor zwei Jahren rund 150.000 Mal verkauft hat, und im vergangenen Jahr mit Rudolf Schenker, dem Gitarristen der Rockband Scorpions. Jetzt also eine Biografie von Mario Galla, der sich bewusst ist, dass er mit 26 Jahren eigentlich noch zu jung ist für eine Lebensbeichte. Aber auch das sieht er so „megaeasy“, sagt er, wie er auch mit seinem Handicap umgeht. „Wenn es noch mehr Erlebnisse werden, schreibe ich eben ein zweites Buch.“

Im Moment aber will er einfach weitermachen, wie bisher. Er will sein Studium der Medienwissenschaften in Hamburg abschließen und zwischendurch immer wieder als Model arbeiten. Auch Berlin will er bald wieder besuchen, nicht nur beruflich, auch, um Freunde zu besuchen. Er mag die Stadt, weil sie „voller Freigeister“ sei, wie er sagt. „Dieser Mischmasch an Kulturen in der Stadt sorgt wohl dafür, dass die Einwohner einfach toleranter sind.“ Außerdem sei Berlin inzwischen die Modehauptstadt Deutschlands.

Doch bei all dem Glamour, der ihn heute umgibt, und bei all der Lockerheit, mit der er heute über sein Bein spricht und sich locker posierend vor der Kamera aufbaut: Seine Kindheit verbrachte er oft im Krankenhaus, und im Kindergarten war sein Spitzname „Captain Hook“. Aber all das wurde viel leichter, nach dem Tag, an dem sein Bein durch die Luft flog.

Das war so: Der damals elfjährige Mario spielte an diesem Sommertag im Jahr 1996 in einer Fußballmannschaft in Hamburg, die ein Lokalderby gegen einen anderen Verein hatte. Mario Galla stand im Tor und sah, wie ein gegnerischer Spieler in seinen Strafraum kam. Er rannte auf den Ball zu und schoss ihn mit voller Kraft weg. Sein Bein brach entzwei, flog hinterher. Der gegnerische Stürmer weinte wie ein Mädchen und dann schrien auch die Eltern im Zuschauerraum. Mario Galla hüpfte genervt zu seinem kaputten Fuß. Am nächsten Tag bekam er ein viel beweglicheres Bein und von dem Tag an war er eigentlich schon fit für den Laufsteg.