Darf die das?

Wenn eine 41-Jährige einen 14-Jährigen liebt

Ihre Beziehung war ein Skandal: Renata Juras war 41, Ervin erst 14 Jahre alt. Doch die beiden haben sich gewehrt. Heute sind sie immer noch ein Paar. Ein Gespräch.

Groß, sportlich, muskulös: Als Renata Juras ihm zum ersten Mal begegnet, fällt ihr Ervin Unterlechner sofort auf. Sie verlieben sich und werden ein Paar. Es ist die normale Geschichte einer Beziehung, wäre da nicht der Altersunterschied: Juras ist Handballtrainerin in Wien, 41 Jahre alt, Ervin ihr Schützling – und erst 13. Für sie sind es wahre Gefühle, für das Jugendamt ein Delikt, für die Öffentlichkeit ein Skandal. Jetzt hat Renata Juras ein Buch über ihre Liebe zu dem Teenager geschrieben. Inzwischen ist sie 42 Jahre alt und lebt mit dem 15-jährigen Ervin in einer gemeinsamen Wohnung. Denn die beiden haben sich gegen eine Verurteilung gewehrt.

Morgenpost Online: Sie sind seit rund zwei Jahren ein Paar. Überrascht Sie das?

Renata Juras: Überraschen? Nein. Wir haben das schon von Anfang an gewusst, sonst hätten wir uns nicht darauf eingelassen. Mir ist klar, dass die Leute das nicht für möglich gehalten haben. Aber das ist ihr Problem, nicht unseres.

Morgenpost Online: Ervin, ist das bei Dir genauso?

Ervin Unterlechner: Ich bin nicht so der Typ, der von einer Beziehung in die nächste springt, sondern einer, der prinzipiell sich nur auf eine Beziehung einlässt, die auch länger hält. Allein weil die Gefühle so stark waren, war mir klar: Das ist was Ernstes.

Morgenpost Online: Was zieht Dich an Renata an?

Ervin: Ihre Augen. Die haben mich schon von Anfang an begeistert. Ich finde auch ihre Art so toll. Sie ist ein bisschen temperamentvoller als ich, ich bin eher der ruhige Typ. Wenn wir zum Beispiel ein Regal zusammenbauen und das klappt nicht alles, dann regt sich Renata schnell auf und will alles zum Teufel schicken. Ich sag dann immer: Beruhig Dich, schau fern oder lies ein Buch, und mache das dann selbst fertig. In dem Moment ist das zwar ein bisschen nervig, aber nach einer Viertelstunde find ich’s dann wieder lustig. Und auch irgendwie süß.

Morgenpost Online: Und bei Ihnen, Frau Juras? Was lieben Sie an Ervin?

Juras: Das, was ich am meisten geschätzt hab an ihm war diese Art, wie er mit Sachen umging, wie ernst er alles nimmt, zum Beispiel die Schule. Genauso im Handball – er ist einfach ein Mensch, auf den Mann sich verlassen kann, und ich mag solche Leute einfach.

Renata Juras und Ervin begegnen sich zum ersten Mal in der Turnhalle des Bundesgymnasiums. Sie sucht Nachwuchsspieler für die U13-Jungenmannschaft des ZV McDonald’s Wiener Neustadt, bei dem sie schon mehrere Mädchenteams trainiert. In dem ungeordneten Haufen kleiner Jungs bemerkt sie Ervins Talent und seine erwachsene Art sofort. Sie bietet ihm einen Platz im Team, beginnt, mit der Mannschaft zu trainieren und tritt in Wettkämpfen an.

Die Trainerin spürt die bewundernden Blicke, die Ervin ihr zuwirft, das Kribbeln bei einer scheinbar zufälligen Berührung. Nach jedem Training nimmt Juras ihren Sportler im Auto mit, sein Zuhause liegt auf ihrem Heimweg, nur wenige Minuten von der Sporthalle entfernt. Eines Abends umarmen sie sich, küssen sich flüchtig auf die Wangen. Am Ende der nächsten Heimfahrt weicht sie vor Nervosität seinem Blick aus, senkt den Kopf, doch bevor sie etwas sagen kann, hebt er ihr Kinn an, sieht ihr direkt in die Augen und küsst sie. Es ist sein erster Kuss.

Morgenpost Online: Bei Paaren ist es ja oft so, dass sie zusammenfinden, weil sie sich ihren Alltag teilen. Sie leben in unterschiedlichen Welten ...

Juras: (fällt ins Wort) Sehen Sie, genau das ist der Fehler! Wir leben in der gleichen Welt, haben die gleichen Freunde und die gleichen Leute um uns herum. Unsere Freunde sind Sportler, Spieler, Trainer, mit ihnen verbringen wir am meisten Zeit.

Morgenpost Online: Wenn Sie Hand in Hand durch Wien laufen, gibt es noch schräge Blicke?

Juras: Wir haben in diesen zwei Jahren nie etwas Unangenehmes erlebt. Man merkt, dass uns die Leute erkennen. Was die Leute denken, weiß man natürlich nicht – aber das hat mich noch nie interessiert.

Ervin: Als wir vor kurzem in Budapest waren, habe ich extra darauf geachtet, wie die Leute reagieren – dort ist die Geschichte nicht so bekannt. Und da hat niemand so geguckt.

Renata Juras drängt den 13-Jährigen, seiner Mutter von ihren Gefühlen zu erzählen. Ervins Mutter hat nichts dagegen. Eines Abends begleitet Juras Ervin nach dem Training Hause, er braucht Nachhilfe in Chemie, und da seine Trainerin nebenbei Fremdsprachen unterrichtet und Chemie ihr liegt, hat sie ihm Nachhilfe angeboten. Die beiden vertiefen sich in das Thema Erdölproduktion, doch sind sie nicht völlig bei der Sache. Als Renata Juras gehen will, ergreift Ervin die Initiative. Er küsst sie, bittet sie, zu bleiben. Dann schlafen die beiden miteinander – fünf Monate vor seinem 14. Geburtstag, dem gesetzlichen Schutzalter.

Morgenpost Online: Sie wurden deshalb zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Juras: Wir wussten, dass 14 Jahre die Mindestgrenze ist, aber uns war nicht bewusst, dass die drei oder vier Monate so eine große Rolle spielen würden, die noch bis zu seinem Geburtstag fehlten – dass es also um das vollendete 14. Lebensjahr geht. Aber wir haben da Fehler gemacht, von daher ist das Urteil in Ordnung.

Morgenpost Online: Sie schreiben, "wenn meine Tochter Emily in einen 41-jährigen Mann verliebt wäre, hätte ich ihn zum Teufel gejagt" – Hat sich das für Sie geändert?

Juras: Nein, der Meinung bin ich immer noch – weil ich glaube, dass zwischen Jungs und Mädchen ein großer Unterschied besteht. Das hat mir auch Ervins Mutter gesagt, und viele andere Freunde, die selbst Söhne und Töchter haben. Ich arbeite jetzt schon sehr lange in meinem Job mit Jungs und Mädchen zusammen, und Mädchen sind einfach extrem naiv.

Egal, wie intelligent und klug sie sind – in solchen Sachen sind sie sehr viel einfältiger als die Jungs. Bei einem Mädchen reicht es, wenn einer sagt "ich liebe Dich", damit sie es glaubt. Jungs fallen auf so etwas nicht rein. Deswegen macht es auch einen großen Unterschied, wenn etwas zwischen einem 40-jährigen Mann und einer 14-jährigen Frau läuft. Allerdings, Ervin hat das einmal gesagt und ich stimme ihm zu: Wenn ich ein 70-jähriger reicher Mann gewesen wäre und er eine blonde Tussi voller Silikon, die nur lacht und nie redet, hätte es wohl nicht so viel Aufregung gegeben.

Morgenpost Online: In Deutschland ist ein Politiker zurückgetreten, weil er eine Beziehung mit einer 16-Jährigen hatte. Haben Sie den Fall Boetticher mitverfolgt ?

Juras: Ich habe ihn gesehen, wenn er geredet hat, und er wirkte auf mich wie ein sehr netter und ehrlicher Mensch – jemand, der einfach verliebt war und den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen.

Ervin: Was ich nicht verstehen kann: Wenn der Altersunterschied zu groß ist und die jüngere Person zu jung, und es geht um Liebe, dann kann das keiner verstehen und es ist für jeden eine Sensation. Aber wenn es nur um Sex geht, oder eine jüngere Frau mit einem älteren Mann seines Geldes wegen schläft, regt sich niemand darüber auf.

Juras: Genau – wilkommen in unserer falschen Gesellschaft mit doppelter Moral.

Morgenpost Online: Ihre Liebe wurde wegen des Altersunterschiedes skandalisiert. Was glauben Sie, müsste sich ändern, damit die Gesellschaft so etwas als völlig normal akzeptiert?

Juras: Das hat viel mit dieser Doppelmoral zu tun. Aber viele Leute sind auch einfach unglücklich, vor allem in der Liebe. Ich denke mir, Beziehungen wie unsere dienen diesen Leuten als Ventil, um sich den Frust aus der Seele zu waschen. Andererseits kann ich aber auch verstehen, dass manche Leute skeptisch sind. Man reagiert auch so aus Vorsicht, aus Angst um die eigenen Kinder.

Renata Juras und Ervin wollen ihre Liaison nicht verheimlichen. Die meisten Menschen aus ihrem Umfeld freuen sich, auch Juras’ Ex-Mann und ihre beiden Töchter im Teenageralter unterstützen sie. Bei einem Restaurantbesuch lernt Juras auch Ervins Stiefvater kennen. Er signalisiert sein Einverständnis, meldet dann aber die Affäre dem Jugendamt. Die Beziehung wird zum öffentlichen Skandal. Das Paar muss vor Gericht über sein Sex-Leben aussagen, Renata Juras verliert ihren Job als Handballtrainein, Kamera-Teams klingelt unangemeldet an der Haustür, Papparazzi knipsen heimlich Ervin im Garten. Die Boulevard-Blätter titeln: "Sex-Krimi – Trainerin (41) verführt Buben (13)". Für die Öffentlichkeit ist sie die Sextrainerin und er das naive Missbrauchsopfer.

Morgenpost Online: Ervin, hast Du Deinen Stiefvater je gefragt, warum er Euch bei den Behörden gemeldet hat?

Ervin: Nein, habe ich nicht. Nach dem Jugendamt war ich beim Gericht und habe dafür gesorgt, dass ihm das Sorgerecht für mich entzogen wird. Mit 18 werde ich dann dafür sorgen, dass die Adoption aufgelöst wird, und ich auch den Mädchennamen meiner Mutter wieder annehme. Dann habe ich mit dieser Person endgültig abgeschlossen. Das, was er gemacht hat, kann ich ihm einfach nicht verzeihen.

Heute leben Renata Juras und Ervin im Haus seiner Mutter. Sie lebt mit ihrer jüngeren Tochter in der Wohnung im zweiten Stock, Ervin mit seiner Mutter und seiner Schwester im dritten, aber Ervin verbringt die meiste Zeit bei seiner Partnerin. Juras führt ein Geschäft für Sportmode, Ervin geht in die Schule. Nachmittags fahren sie zum Handballtraining und kommen erst spät am Abend zurück. Die Freizeit nutzen sie zur gemeinsamen Entspannung – etwa vor dem Fernseher.

Morgenpost Online: Und wer bringt den Müll runter?

Ervin: Müll runterbringen ist eher so meine Aufgabe, den Abwasch teilen wir uns auf. Einkaufen tun wir zusammen. Bügeln tut aber eher sie.

Morgenpost Online: Wie sehen Ihre Pläne aus?

Juras: Wir sind seit drei Monaten verlobt. Sicher wollen wir ein Kind, und das werden wir auch haben – das muss jetzt aber nicht unbedingt morgen passieren. Obwohl man ja sagen muss, dass ich nicht mehr die Jüngste bin (lacht). Aber noch haben wir ein bisschen Zeit.

Morgenpost Online: Denken Sie seit Ihrer Beziehung anders über die Liebe?

Ervin: Früher dachte ich immer, klasse, ich bin verliebt. Aber erst mit ihr habe ich jetzt das Gefühl, dass ich weiß, was Liebe ist.

Juras: Ich denke nicht mehr, dass große Liebe nur in Büchern stattfindet, sondern auch im wirklichen Leben möglich ist – und passiert.