Mordprozess

Wer tötete Amanda Knox' Mitbewohnerin wirklich?

Nach dem spektakulären Freispruch der US-Studentin Amanda Knox bleiben Zweifel. Italienische Staatsanwälte wollen das Urteil gegen den "Engel mit den Eisaugen" anfechten. Sie kündigten an, den Fall vor die höchste Gerichtsinstanz des Landes zu bringen.

Amanda Knox ist frei. In einem Stummfilm aber hätten Zuschauer auch denken können, sie wäre gerade zum Tode verurteilt worden. Am Montagabend um 21.48 Uhr hatte Richter Claudio Pratillo Hellmann in Perugia in zwei Minuten verkündet, dass Knox für ihre Verleumdung des Barbesitzers Lumumba (den sie vor vier Jahren des Mordes an ihrer Kommilitonin Meredith Kercher beschuldigt hatte) eine gerechte Haftstrafe von drei Jahren zu verbüßen habe. Für den Mord selbst aber mit ihrem Freund Raffaele Sollecito nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne.

Ein Mensch löst sich auf

Mit einem Mal war sie wieder frei. Die drei Jahre waren mit den vier Jahren abgegolten, die sie schon im Gefängnis gesessen hatte. Sie war frei! In diesem Moment brach Amanda Knox mit einem Heulkrampf zusammen, mit verzerrtem Gesicht, das am nächsten Tag von Seattle bis Rom von den Titelseiten aller großen Zeitungen schaute. Ein Mensch in seiner Auflösung. Polizisten mussten die stolpernde junge Frau am Arm aus dem Saal führen.

Schon 17 Minuten vorher schien sie der Ohnmacht nahe, als sie in den Saal hineingeführt wurde. Sie schluckte, atmete schwer, barg das Gesicht in den Händen. Würde das Gericht diesmal der letzten Fassung ihrer Geschichte der Tatnacht glauben, die sie so oft variiert hatte?

"Ich will nach Hause!", hatte sie am Montagmorgen das Berufungsgericht in Perugia angefleht. "Ich bin unschuldig. Ich will meine Zukunft nicht für etwas verlieren, das ich nicht getan habe." Drei Monate habe sie an dem neun Minuten langen letzten Appell gefeilt, hat ihr Vater die Presse wissen lassen.

Der letzte Akt im Berufungsverfahren war ein Meisterstück

Das Ergebnis war ein Meisterstück, wie sich am Abend erwies. Es war der letzte Akt ihres zweiten Berufungsverfahrens, in dem sie das Schicksal wenden wollte, das sie wegen Mordes an ihrer Freundin Meredith hinter Gitter gebracht hatte. Zwei Richter und sechs Geschworene haben dieses Urteil nun in rund zehn Stunden kassiert.

"Schande, Schande!", riefen die Menschen vor dem Gericht, auch "Mörder!" Mitten in der Nacht war der Platz schwarz vor Menschen. Halb Perugia schien auf den Beinen. Es gab Applaus für das Mordopfer Meredith, vereinzelt aber auch für den neuen Richterspruch.

Was denn aus den 10.000 Seiten geworden sei, die für ihre Täterschaft sprächen, fragten die Anwälte der Familie des Opfers, wo die nun infrage gestellten DNA-Spuren nur ein winziges Mosaiksteinchen in einem großen Bild ergeben hätten, das gegen Knox und Sollecito sprach? Doch 54 Ermittlungsfehler, die unabhängige Gutachter bei der Sicherung von zwei DNA-Spuren nachgewiesen hatten, torpedierten das erste Urteil vollständig.

Zu den Akten wird der Fall damit aber nicht gelegt werden. Die ausführliche Begründung der Revision wird erst in 90 Tagen vorliegen. Dass die Staatsanwaltschaft auch danach wieder Berufung bei der letzten Instanz, dem Kassationsgericht in Rom, einlegen wird, gilt schon als sicher.

Neue Fragen im Verfahren

Denn der neue Spruch der Richter hat wesentliche Fragen zu dem Mordfall ja nicht beantwortet, sondern ihm im Gegenteil neue Fragen hinzugefügt.

Wer nämlich, muss nun gefragt werden, waren denn die beiden anderen Täter, die mit dem immer noch – wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes – einsitzenden Rudy Guede dem Leben von Meredith Kercher ein grausames Ende gesetzt hatten?

Dazu wird Amanda Knox wohl keine Antwort mehr geben, auch nicht ihr Ex-Freund Raffaele, der sie "vielleicht" irgendwann einmal wiedersehen möchte, wie er nach dem Urteil sagte, jetzt aber zunächst nur "ans Meer" wollte. Doch wer weiß?

Von Buchprojekten war schon am Montagabend die Rede. Einen Film zu dem Fall gibt es schon. Andere werden folgen. Vielleicht mit ihr selbst in der Hauptrolle? In diesem Fall scheint alles möglich.

Über 400 Medienvertreter hatten in den letzten Tagen jedes verfügbare Hotelzimmer in dem umbrischen Universitätsstädtchen mit Beschlag belegt, um nur ja keine mögliche neue Wende in dem Verfahren zu verpassen. Darin sollte noch einmal geklärt werden, ob die hübsche Amanda mit Raffaele Sollecito und Rudy Guede nun wirklich im November 2007 gemeinschaftlich ihre Mitbewohnerin Meredith Kercher im Drogenrausch in einer offenkundig entgleisten Sexorgie umgebracht hat oder nicht. Der Durchsichtigkeit vieler Motive und Argumente schien am Schluss von keiner Seite mehr Grenzen gesetzt, als die nervöse Amerikanerin am Montagmorgen noch einmal in eigener Sache vor dem Gericht aussagte.

Nun hatte Amanda, die in den Jahren ihrer Haft glänzend Italienisch gelernt hat, noch einmal sehr ausführlich auf das "Leid" hingewiesen, das in den letzten Jahren doch vor allem über sie selbst hereingebrochen sei.

Vorausgegangen war ihrer Verteidigung ein Plädoyer Luciano Ghirgas, ihres Anwalts. Nach ihm war Raffaele Sollicito 15 Minuten lang zu Wort gekommen, auch er beteuerte seine Unschuld.

"Eine Freundin verloren"

Doch auch jetzt fokussierten alle Berichterstatter ihre Aufmerksamkeit wieder vor allem auf die angeblich "eiskalten" Augen von Amanda Knox. Sie bettelte neun Minuten lang flehentlich um ihre Freiheit, um die Anerkennung ihrer Unschuld – und darum, dass eben endlich auch einmal ihr Leid gesehen werde! Denn zuerst einmal habe ja sie selbst in Meredith "eine Freundin verloren" und zwar auf "die unerklärlichste Weise".

Sie stockte, weinte, brach mit ihrer Rede ab. Sie "zahle mit ihrem Leben für Dinge, die sie nicht begangen" habe, rief sie verzweifelt.

Ob der Mord an Meredith Kercher wirklich so "unerklärlich" war, wie Miss Knox es nun wissen wollte, blieb die alles entscheidende Frage. Der Prozess, in dem sie 2009 mit Sollecito rechtskräftig wegen Mordes verurteilt wurden, dauerte elf Monate.

Einer der spektakulärsten Indizienprozesse

Nach umfangreichen Ermittlungen und der Vorladung von 100 Zeugen schien der Fall bei seiner Urteilsverkündigung durchaus "erklärlich". Es war einer der spektakulärsten Indizienprozesse Italiens, an dessen Ende Knox und Sollecito wegen Mordes und Vergewaltigung an Meredith Kercher zu jeweils 26 beziehungsweise 25 Jahren Haft verurteilt wurden.

Schon zuvor war der geständige Rudy Guede von der Elfenbeinküste zu 16 Jahren Haft verurteilt worden – für eine gemeinschaftlich begangene Tat, an deren Ende Meredith mit durchschnittener Kehle, von 40 Messerstichen übersät und halb nackt in der mit Amanda gemeinsam bewohnten Wohnung aufgefunden worden war.

Was festzustehen schien, sprach schwerwiegend gegen alle drei Angeklagten. Außer den nun infrage gestellten DNA-Spuren gab es im Bad einen Fußabdruck Sollecitos mit dem Blut des Opfers, Spuren eines Einbruchs – der keinen Sinn ergab, weil das Fenster erst im Nachhinein von innen eingeschlagen worden war, um wohl eine falsche Spur für den Mord zu legen. Jetzt hieß es hingegen, der Abdruck müsse nicht von Sollecito stammen. Er könne auch ein Fußabdruck Amandas sein, die am Morgen nach dem Mord ja erst einmal gut geduscht habe – mit Meredith' Leiche im Nebenzimmer.

Gekicher auf dem Revier

Nach der Entdeckung des Mordes war der Verdacht jedenfalls rasch auf sie gefallen. Nach ihrer Verhaftung hatte sie auf dem Revier gekichert, sich für Yoga-Übungen verrenkt und zum Knutschen auf Sollecitos Schoß gesetzt.

In der ersten Vernehmung behauptete sie, bei ihm gewesen zu sein. Danach sagte sie, sie sei zu Hause gewesen, wo sie Meredith im Nebenzimmer schreien gehört habe, bevor sie den kongolesischen Besitzer der Bar "Le Chic" beschuldigte, die Engländerin umgebracht zu haben. Der wurde verhaftet, musste aber bald wieder entlassen werden. Die Vorwürfe waren unhaltbar.

Inzwischen ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt. Italienischen Boden wird sie wohl nie wieder betreten.