Wende im Mordprozess

Ankläger wollen gegen Knox' Freispruch kämpfen

Jahrelang saß die US-Studentin Amanda Knox wegen Mordes in Italien im Gefängnis. Jetzt ist der "Engel mit den Eisaugen" frei. Doch die Staatsanwälte wollen das nicht hinnehmen.

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Die Familie der getöteten Meredith weiß nun weiterhin nicht, wer wahrscheinlich noch an der grausamen Tat beteiligt war.

Video: Reuters
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Direkt nach ihrem spektakulären Freispruch ist die 24 Jahre alte US-Studentin Amanda Knox in ihre Heimat gereist. Das berichteten italienische Medien am Dienstag. Dem vor zwei Jahren wegen Mordes an einer Kommilitonin im italienischen Perugia verurteilten „Engel mit den Eisaugen“ droht nun allerdings ein Berufungsverfahren in höchster Instanz. Italienische Staatsanwälte kündigten nach der überraschenden Wende in dem Berufungsprozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher an, den Fall vor das Kassationsgericht ziehen zu wollen.

Ein Geschworenengericht in Perugia hatte die aus Seattle stammende Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito am Montagabend in der umbrischen Stadt in zweiter Instanz freigesprochen. Knox war 2009 wegen Mordes an Kercher in einem Indizienprozess zu 26 Jahren Haft verurteilt worden, ihr früherer Freund zu 25 Jahren. Der Verteidigung war es aber im Berufungsverfahren gelungen, Lücken und Widersprüche der Ermittlungen aufzudecken, auch bei den angeblichen DNA-Beweisen. Begleitet wurde der Prozess von einem enormen Medieninteresse weltweit.

Die Staatsanwälte Giuliano Mignini und Manuela Comodi wollen die Freisprüche nicht hinnehmen und vor das oberste Gericht in Rom als dritte und letzte Instanz ziehen. „Ich habe noch nie einen solchen Mediendruck erlebt, so kann man nicht vorankommen“, erklärte Mignini. „Das Urteil von Montagabend ist falsch und widersprüchlich. Also muss das Kassationsgericht entscheiden, wer Recht hat“, verwies er auf die hohe Haftstrafe für beide in erster Instanz. Diese war vor allem von US-Medien mit erheblicher Kritik an Italiens Justiz bedacht worden.

Tränenüberströmt hatte Knox, wegen ihres Aussehens „Engel mit den Eisaugen“ genannt, das Urteil entgegen genommen. Die Angeklagten hätten die Tat nicht begangen, erklärte das Gericht. Noch vor Mitternacht verließ die junge US-Studentin das Gefängnis von Perugia, in dem sie rund vier Jahre gefangen gewesen war. „Ich habe das Unerträgliche ertragen“, sagte sie nach Angaben von Corrado Maria Daclon, Generalsekretär einer amerikanisch-italienischen Stiftung, die sich in dem langen juristischen Tauziehen für Knox eingesetzt hatte. Sie wolle „einfach nur nach Hause, sich wieder mit ihrer Familie vereinen, ihr Leben wieder in Besitz nehmen und ihre Fröhlichkeit zurückgewinnen“, sagte Daclon.

„Viele haben meinen Schmerz geteilt und haben mir geholfen, hoffnungsvoll zu überleben“, heißt es in einem öffentlichen Brief der 24-Jährigen. „Ich werde immer dankbar sein: Allen, die mir geschrieben haben, allen, die mich verteidigt haben, allen, die für mich gebetet haben.“ Die Familie des Opfers reagierte dagegen geschockt auf das Urteil. Vater John Kercher sagte, es sei nicht zu verstehen: „Meredith' Körper wies 47 Wunden auf, zwei Messer wurden benutzt. Eine einzige Person konnte das nicht anrichten.“ Und auch Lyle, der Bruder der Getöteten fragte: „Wer ist noch verantwortlich?“

Für Beihilfe an dem Mord während einer angeblichen Sex- und Drogenparty sitzt der in zweiter Instanz verurteilte Ivorer Rudy Guede im Gefängnis. Er war in einem Schnellverfahren verurteilt worden. Wem er geholfen hat, ist nach dem Urteil wieder völlig offen, die Suche nach Schuldigen müsste damit neu beginnen. Guedes Anwälte äußerten sich am Dienstag nicht zu dem Freispruch, könnten aber nach Medienberichten versuchen, einen Rekurs durchzubringen.

Seinen Anfang nahm der Fall im November 2007: Die britische Austauschstudentin Kercher wurde mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt, halbnackt und von Messerstichen übersät in ihrer und Knox' gemeinsamer Wohnung in Perugia gefunden. Nach Auffassung der ersten Instanz hatten Knox und Sollecito sie bei Sexspielen getötet.

Vor dem Gerichtssaal spielten sich nach dem Freispruch in Perugia tumultartige Szenen ab. Für das Urteil gab es Buh-Rufe und Jubel zugleich. Rund 400 Journalisten aus aller Welt waren angereist und hatten vor dem Gebäude ausgeharrt. Mehr als zehn Stunden berieten die zwei Richter und sechs Geschworenen, ehe sie das Urteil verkündeten.

Wegen Verleumdung des kongolesischen Barmannes Patrick Lumumba, den Amanda kurz nach ihrer Festnahme zu Unrecht des Mordes beschuldigt hatte, bestätigte das Gericht das betreffende Urteil der ersten Instanz: Die Haftstrafe von drei Jahren hat die Amerikanerin aber bereits abgesessen. Eine Schadensersatzzahlung und die Erstattung der Gerichtskosten Lumumbas stehen jedoch noch aus.