Im Gewächshaus

Der schlaueste Gärtner hat das dickste Gemüse

Der britische Gärtner Peter Glazebrook hat schon zehn Titel mit der Züchtung von Riesengemüse gewonnen. Jetzt verrät er das Geheimnis seiner Acht-Kilo-Zwiebel

Wir haben es hier mit einem Hobbyweltmeister zu tun, der ein Weltmeisterhobby betreibt: das Züchten von gigantischen Gemüsepflanzen und Wurzelgemüse. Zehn Titel hat er im Laufe der 25 Jahre, die er seiner Leidenschaft frönt, gehalten, gegenwärtig führt das „Guinnessbuch der Rekorde“ noch drei unter seinem Namen: die längste Rote Beete, die schwerste Kartoffel, und – seit diesem September – die schwerste Zwiebel aller Zeiten.

Dabei ist Peter Glazebrook (68) Gärtner von Geblüt und alles andere als ein Fanatiker. Er meint es ernst, wenn er das Wort Hobby benutzt. Fügt aber im Gespräch hinzu: „Ein Hobby, das auf Wettbewerb geeicht ist. Gewinnen ist mein Ziel.“

Das Tagebuch des „giantveg“

Als Mr. Glazebrook auf der alljährlichen Blumen- und Gartenshow in Harrowgate in Yorkshire – sie feierte in diesem Jahr ihr 100. Bestehen – mit seiner Zwiebel 8,15 Kilogramm Gewicht auf die Waagschale legte, staunte man nicht nur in North Yorkshire: Die Gratulationen kamen über den neuen Weltmeister wie eine Lawine, schließlich gehört er zu einer weltweiten Gemeinde der „giant vegetable growers“, der Züchter von Monstergemüse, die sich auf der Webseite www.bigpumpkins.com treffen.

Dort schreibt der Pensionär aus Newark in Nottinghamshire unter seinem Spitznamen „giantveg“ ein Tagebuch, dessen 2011er-Ausgabe man gelesen haben muss, um ein Bild zu bekommen von der unendlichen Mühe, die in das Unternehmen Peter Glazebrook fließt, ehe gigantische Gewächse ihm entsprießen.

„Eine Kartoffel von 3,8 Kilo oder eine Zwiebel von 8,15 Kilo Gewicht erzielt man nicht, indem man im Frühjahr pflanzt und im August einen Weltmeister zu ernten hofft“, ist der Rat, den Peter, wie wir ihn nach britischem Brauch nennen dürfen, allen gibt, die meinen, es ihm nachmachen zu können.

Die erste Lektion des Gärtners

Was unterscheidet diesen Meister der Gemüseschwergewichte von uns Amateurgärtnern? Wissenschaft, präzis angewandte Wissenschaft, im Laufe von Jahrzehnten in immer neuen Experimenten erlernt und eingeübt.

Von den Eltern, beides leidenschaftliche Gärtner, hatte der Junge die Grundzüge des Pflanzens und Hegens gelernt. Aber was wurde er? Bauinspektor, sachkundiger Vermesser von Grundstücken und Immobilien. 61 Jahre alt geworden, reichte ihm das – nun erfüllten er und seine Ehefrau Mary sich ihren Lebenswunsch und begannen mit der gezielten Züchtung im Garten. Die 20 Sorten Gemüse – nicht alle für Übergrößen bestimmt –, die er heute auf seinem Grundstück von einem halben Morgen anbaut, sind die Kinder im Hause: so möchte man diese Hingabe eines kinderlosen Ehepaares beschreiben.

„Ich maß mich zunächst auf örtlichen Gartenshows“, berichtet mir Peter, „und schaute ab, was denn da so an Sorten das Rennen machte. Den Samen, den ich benutze, den kann man ja nicht im örtlichen Gartencenter kaufen, der entstammt oft Kreuzungen, mit denen die Züchter untereinander handeln, bis einer von ihnen das Ei des Kolumbus findet und damit eine neue Gewinnformel für Übergröße.“

Die erste Lektion: Beobachte genau, welche deiner Kreuzungen unter Bedingungen, die du setzen musst, am besten gedeiht. Geduld, Geduld und noch mehr Geduld, 25 Jahre lang.

Der grandiose Zwiebeldurchbruch

2005 war das Jahr für Glazebrooks Zwiebeldurchbruch. Ein Züchter, der seine Geheimnisse lange nicht mit Kollegen hatte teilen wollen, gab endlich nach, noch im gleichen Jahr erzielte ein Bekannter des in Nottinghamshire Geborenen mit der neu erworbenen Mischsorte den ersten Weltmeistertitel im Zwiebelschwergewicht. Das war die Zielvorgabe für Peter Glazebrook.

So einfach alles? Man erwirbt den richtigen Samen, pflanzt früh, unter liebevoller Begleitung, und wartet auf einen Gewinner? Weit gefehlt! Das Tagebuch von „giantveg“ beschreibt, wie es zugeht, und im Gespräch füllt Peter mir die Lücken zwischen den Einträgen aus.

Im Oktober wird ausgesetzt, natürlich im Gewächshaus. Künstliches Licht bestrahlt anfangs 24 Stunden täglich die Setzlinge, was ab Januar, wenn die Tage wieder länger werden, von unserem Weltmeister bis auf neun Stunden reduziert wird. Wichtig sind vor allem der Boden und seine Nährstoffe, die der Gärtner fürs Große regelmäßig untersuchen lässt, um zu erfahren, wo ergänzt werden müsste.

Ventilatoren leisteten Überstunden

In der Regel wechselt er alle drei Jahre die Gemüseerde aus, den Boden für die Zwiebeln jedes Jahr. Eine Riesenarbeit, bedenkt man, dass die zehn Gigantenexemplare zuletzt in Töpfe von einer Größe umziehen, in denen man Bäume einpflanzen könnte. Erst ab März, jenseits der Frühjahrsäquinoktien, kann auf künstliches Licht verzichtet werden.

In diesem Jahr machte obendrein die Frühjahrshitze allen Gärtnern schwer zu schaffen – in Newark mussten die Gewächshausventilatoren Überstunden leisten, damit vor allem die Zwiebeln bei nicht mehr als 20 Grad gehalten werden konnten.

Ich will mehr wissen, und so rückt Peter mit einem weiteren Kniff heraus: Er gibt CO*-Zufuhr hinzu, allerreinste Luft; davon befächelt, können seine Pflanzen gar nicht anders, als sich unter solcher Pflege zu Riesenformen zu entwickeln.

Räuberinsekten als Assistenten

Das Gemüse schließlich, das er außerhalb seines Gewächshauses züchtet, stellt den ans Wetter Ausgelieferten vor besondere Herausforderungen – in den vergangenen zwölf Monaten lang anhaltender Frost und danach eine der wasserärmsten Perioden überhaupt. Krankheitsbefall, feindliches Getier? Peter Glazebrook hilft sich statt durch Sprühen mit „predator insects“, Räuberinsekten, die Jagd auf Schädlinge machen.

Geld ist mit seinen „giant vegetables“ nicht zu machen. Siegerschecks von 60 bis 75 Pfund reichen gerade mal für das Benzin zur Fahrt zur jeweils nächsten Show, von denen er an die zehn pro Jahr beschickt. Aber in Harrowgate gab es aus Anlass des 100. Jubiläums einen Riesenscheck für den Gewinner der Riesenzwiebel: 500 Pfund Sterling. Das wird sofort in kommende Investitionen gesteckt – Strom, Luft, Licht und Wärme.

Die einen genießen, wie Goethe, „Teltower Rübchen“ als Delikatesse auf dem Speisezettel; die anderen delektieren sich, wie die Glazebrooks, an dem Anblick gigantischen Gemüses wie an einem Pokal.

So wunderbar ist das Leben gemischt. Letzte Meldung: Bei der Deutschen Meisterschaft im Kürbiswiegen gewann im baden-württembergischen Ludwigsburg ein Züchter aus Hessen mit seinem 603 Kilogramm schweren Exemplar. Der Zweitplatzierte brachte immerhin 583 Kilogramm auf die Waage.