Tägliche Portion Trost

Auf Facebook ist Jesus beliebter als Justin Bieber

| Lesedauer: 6 Minuten
Katja Ridderbusch

Foto: Facebook

"Jesus Daily" hat auf Facebook über zehn Millionen Fans und liefert den Anhängern täglich Gnade und Heil. Dahinter steckt ein Diätarzt aus North Carolina.

Wer hat die aktivsten Fans auf Facebook? Nicht das Baseballteam der New York Yankees, nicht Justin Bieber, nicht US-Präsident Obama, und auch nicht Mark Zuckerberg, der Gründer des sozialen Netzwerks. Die aktivsten Fans auf Facebook hat: Jesus.

Auf der Facebook-Seite "Jesus Daily" klicken seit acht Monaten mehr Menschen den "Gefällt mir"-Button, als auf allen anderen Facebook-Seiten in den USA: vier Millionen pro Woche. "Ich hatte keine Ahnung, dass die Reaktion so überwältigend sein würde", sagt der Gründer von Jesus Daily, Aaron Tabor, im Gespräch mit Morgenpost Online. Tabor, Sohn eines Predigers, arbeitet als Diätarzt im Südstaat North Carolina.

Überhaupt stehen Online-Medien mit religiösen Inhalten derzeit hoch im Kurs. Youtube-Kanäle mit religiösen Videos, Blogs und Netzwerke boomen. Aber auch Moslems, Juden, Buddhisten und Hindus chatten, posten, verlinken. Papst Benedikt XVI. hat eine eigene Facebook-Fanseite, ist auf Twitter unterwegs und gab den sozialen Medien vor Kurzem seinen Segen.

Social Media seien "eine große Chance", heißt es in dem päpstlichen Statement. Zugleich mahnte der Kirchenführer: "Der virtuelle Kontakt kann und darf nicht den direkten Austausch zwischen Menschen ersetzen."

Besonders in den USA sind religiöse soziale Netzwerke im Aufwind. "Es haben sich neue Formen der Kommunikation in einer virtuellen Welt gebildet", sagt Gary Laderman, Theologieprofessor an der Emory University in Atlanta. Außerdem habe der Boom der religiösen Online-Medien "viel zu tun mit der Begeisterung der Amerikaner für Religion und religiöse Gemeinschaften, die tief in der Geschichte und Kultur des Landes verwurzelt ist".

Laderman selbst ist Mitbegründer des linksliberalen Online-Magazins religiondispatches.org , das sich mit Religion und religiösem Leben in aller Welt beschäftigt.

"Gläubiger Philippiner bittet um Gebet – jemand in Nigeria antwortet"

Die Mehrheit der religiösen Online-Plattformen wird in den USA von offiziellen Kirchenvertretern bespielt. Doch die Zahl der religiösen Laien, die sich in der Welt der sozialen Netzwerke bewegen, nimmt stetig zu. Wie im Fall von Jesus Daily. Aaron Tabor rief die Facebook-Seite im April 2009 ins Leben.

Jesus Daily richtet sich an alle Christen, unabhängig von der Konfession. Gepostet werden Bibelverse, Fürbitten, Gebete, religiöse Gedichte, erbauliche Fotos und spirituelle Videoclips. Da bittet zum Beispiel eine Frau um ein Gebet für ihre krebskranke Mutter, und ein anderer Nutzer antwortet mit tröstenden Worten aus der Bibel oder einem Gedicht.

Aaron Tabor ist ein Mann um die 40, smart, mit blitzweißem Lachen und einer jovialen Baritonstimme. Im zivilen Leben verkauft der Mediziner Diätpillen, Sojadrinks und Proteinpulver im Internet. Jesus Daily betreibt er ehrenamtlich. Dabei kommt ihm allerdings seine Erfahrung als Geschäftsmann mit viralem Marketing durchaus zugute.

"Ob ich mit Kunden oder mit Gläubigen zu tun habe", sagt er, "die Prinzipien sind die gleichen." So habe er zum Beispiel gelernt, seine Botschaften – ob Business oder Bibel – zu bestimmten Tageszeiten zu verschicken, in der Regel morgens und abends, wenn viele Menschen auf Facebook sind.

Vor allem, sagt Tabor, sei er immer wieder verblüfft, wie der Austausch zwischen den Mitgliedern von Jesus Daily Ländergrenzen, Kontinente und Ozeane überschreite: "Da bittet ein Gläubiger aus den Philippinen um ein Gebet – und jemand in Nigeria antwortet."

"Online-Beichte auf Facebook eigentlich keine Utopie mehr"

Mittlerweile hat Jesus Daily mehr als zehn Millionen Fans rund um den Globus. Zwei Drittel davon sind Frauen; die Hälfte kommt aus den USA; Asien und Afrika sind stark vertreten, und auch in Europa hat Jesus Daily eine wachsende Fangemeinde. Zu ihr gehört Anette aus Norwegen. Sie ist vor einem Jahr durch Zufall auf Jesus Daily gestoßen.

"Mir gefiel die Idee, ich mochte die Verse und Fürbitten. Dann habe ich die Seite immer öfter besucht." Anette ist Anfang 20, eine Frau mit warmem, offenem Lachen. Sie hat in New York Gesang studiert, schlägt sich derzeit in Oslo mit Gelegenheitsjobs durch und wartet auf ihr Visum, um in den USA zu arbeiten. Religion sei ihr wichtig, sagt sie. Aber sie gehört keiner Konfession an.

Mittlerweile besucht sie Jesus Daily jeden Tag. "Die Gebete und Bibelverse haben meinen eigenen Dialog mit Gott beeinflusst." Erbauung und Inspiration, das sei es, was sie auf Jesus Daily suche, eine tägliche Dosis Gott. Sie selbst postet zwar nur selten, aber: Die stillen Gebete für andere, sagt sie, hätten sie zu einer besseren Christin gemacht.

Viele Religionsführer in den USA sehen soziale Netzwerke als Chance für die Kirchen, neue Mitglieder zu werben. Baptistenpastor Kenneth Lillard, Autor des Buches "Soziale Medien und Priestertum", vergleicht die Rolle von sozialen Medien mit der Bedeutung der Druckerpresse für die Reformation. Andere wiederum fürchten: Der Aufstieg der sozialen Netzwerke könnte künftig den Gang in die Gotteshäuser überflüssig machen.

Jesus-Daily-Gründer Aaron Tabor ist dagegen überzeugt, dass soziale Medien die Kirchen niemals verdrängen werden. "Das Ziel von Jesus Daily ist es nicht, die physische Erfahrung des Gottesdienstes zu ersetzen," sagt er. Vielmehr seien Online-Gruppen wie Jesus Daily eine "moralische und spirituelle Ergänzung".

Theologieprofessor Gary Laderman ist nicht so sicher. Schließlich, sagt er, spiele sich ein großer Teil des sozialen Lebens heute bereits im Internet ab, ob Fernstudium per E-Learning, Konferenzen über Skype, Romantik mittels Online-Dating oder Shopping im Internet.

"Es ist nicht überraschend, dass die Religion an dieser Entwicklung teilnimmt." Laderman hält inne, zuckt mit den Schultern. Mittlerweile würden doch schon Beerdigungen per Webcast übertragen. "Da ist die Online-Beichte auf Facebook eigentlich keine Utopie mehr."

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