"Maskenmann"-Prozess

Polizei übersah weitere Beweise gegen Martin N.

Drei kleine Jungen hat er getötet, zahlreiche missbraucht. Seit Mitte Oktober steht Martin N., auch bekannt als der "Maskenmann", in Stade vor Gericht. Jetzt hat der Nachmieter von Martin N. offenbar brisantes Beweismaterial in der ehemaligen Wohnung des Angeklagten gefunden.

Der Nachmieter des geständigen dreifachen Kindermörders Martin N. hat in dessen früherer Hamburger Wohnung möglicherweise brisantes Beweismaterial entdeckt. Drei Festplatten, eine CD und ein USB-Stick seien unter dem Fettfilter der Dunstabzugshaube versteckt gewesen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade, Kai Thomas Breas, am Freitag. Das hatten zuvor Medien berichtet.

Als Ermittlungspanne wollte der Sprecher das Übersehen der Spurensicherer aber nicht bezeichnen. „Wegen des Geständnisses von Martin N. waren wir nicht mehr so unter Druck, noch große Beweismittel zu finden. Deshalb haben wir nicht so intensiv gesucht“, sagte Breas. Der lange als „Maskenmann“ gesuchte 40 Jahre alte Pädagoge muss sich derzeit wegen drei Kindermorden und etlichen Missbrauchsfällen vor dem Landgericht Stade verantworten.

Bislang seien noch keine für den Prozess relevante Beweise auf den Datenträgern gefunden worden, sagte der Sprecher. Er erwarte aber „brisantes Material“, das eine gewisse Relevanz haben werde. Wer etwas so gut verstecke, habe dafür einen Grund. Die zum Teil mit Passwort geschützten Datenspeicher würden weiter ausgewertet.

„Wir haben es übersehen, das muss man deutlich sagen“, räumte Breas ein. „Das ist etwas, was sich zu einer Ermittlungspanne entwickeln kann.“ Allerdings sei die Frage, ob die Polizei bei Durchsuchungen „wirklich jede Tapete abreißen und jedes Sofakissen aufschlitzen“ müsse. In diese Kategorie falle auch die Dunstabzugshaube.

In seinem Prozess vor dem Landgericht Stade gestand der 40-Jährige zu Prozessauftakt in einer von einem Verteidiger verlesenen Erklärung die drei ihm zur Last gelegten Morde an Jungen sowie den Missbrauch diverser weiterer Opfer. Lediglich einige wenige der insgesamt etwa 40 Missbrauchstaten, die ihm in der Anklage vorgeworfen werden, ließ N. über den Anwalt vor Gericht bestreiten.

„Ich bin entsetzt über meine Taten und empfinde tiefe Scham und Reue“, teilte der Angeklagte in der Erklärung weiter mit. N. muss sich wegen einer aufsehenerregenden Mord- und Missbrauchsserie verantworten, bei der er laut Anklage zwischen 1992 und 2001 in verschiedene norddeutsche Schullandheime, Zeltlager und Privatwohnungen eingedrungen und Jungen missbraucht haben soll. Drei von ihnen soll er getötet haben. Er habe sie „aus Angst vor Entdeckung“ ermordet, ließ N. am Mittwoch vor Gericht erklären.

Getarnt mit einer dunklen Sturmhaube soll er nachts in Kinderzimmer, Schullandheime und Zeltlager eingestiegen sein. Er weckte einen der schlafenden Jungen und missbrauchte ihn. Die Polizei suchte jahrelang vergeblich nach ihm. Ein früheres Missbrauchsopfer brachte die Fahnder im Frühjahr schließlich auf die Spur des gebürtigen Bremers. Der Angeklagte hatte die Taten bereits bei der Polizei gestanden.