U-Bahn-Gewalt

Als er aufwachte, fehlte ihm ein Stück Schädeldecke

Vier Jugendliche hingen nachts mit Lust auf Gewalt an einem Berliner Bahnhof herum. Als sie Marcel R. trafen, prügelten sie ihn ins Koma. Nun läuft der Prozess.

Marcel R. war nicht dabei, als seine Peiniger erschienen. Obwohl er Nebenkläger ist und das Recht hätte, im Gerichtssaal dabei zu sein. Der 30-Jährige fühle sich nicht so richtig, hatte seine Schwester Katja gesagt. Mehr wolle sie auf Weisung ihres Anwalts nicht preisgeben, nur, dass von Prozesstaktik die Rede gewesen sei. Es ist also möglich, dass Marcel R. seinen ersten Auftritt vor Gericht erst als Zeuge haben soll.

Über den Überfall selbst wird er ohnehin nichts sagen können. Er hat daran keine Erinnerung. Schon gar nicht an die Gesichter der Täter. Er weiß nur noch, dass da Jugendliche waren und ihm die Tasche wegnehmen wollten. Aber er wird über die Folgen des unfassbar brutalen Überfalls reden können: über seine Ängste, seine Albträume, seine Qualen im Krankenhaus und bei der Rehabilitation; und vielleicht auch über seine Hoffnungen, irgendwann wieder ein richtiges Leben führen und vielleicht wieder als Malergeselle arbeiten zu können.

Marcel R. wird bei seiner Zeugenaussage zum ersten Mal die mutmaßlichen Täter wiedersehen: den inzwischen 15 Jahre alten Bosnier Dino H., den zwei Jahre älteren Iraner Nazeh S., den 18-jährigen Kenianer Jefeth W. und den ebenfalls 18 Jahre alten Kosovaren Etrit C. Sie sind angeklagt wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes.

Öffentlichkeit ausgeschlossen – zum Schutz der Angeklagten

Verhandelt wird vor einer Jugendstrafkammer. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, zum Schutz der Angeklagten, weil drei von ihnen zur Tatzeit noch nicht volljährig waren. Die vier saßen hinter einer Panzerglaswand, getrennt von ihren Anwälten. Nach knapp zwei Stunden war die Verhandlung vorbei. Die Angeklagten schwiegen.

Es wird wohl auch vor Gericht keine schlüssige Erklärung geben, warum die vier am 11. Februar im U-Bahnhof Lichtenberg den Malergesellen Marcel R. und dessen Kollegen Steffen O. zu attackieren begannen. Die Staatsanwaltschaft schrieb am Ende der Ermittlungen, die vier Jugendlichen seien zu Tätern geworden, „weil sie Hass gegen Deutsche und Freude an der grundlosen Misshandlung Schwächerer verspürten“.

Alle vier waren nicht vorbestraft, sollen aber, so der Justizsprecher Tobias Kaehne, zuvor auch andere Passanten grundlos angepöbelt und angegriffen haben.

Nach ihrer Festnahme behaupteten die Jugendlichen, sie seien von den beiden Malergesellen beleidigt worden. Die beiden seien angetrunken aus einer Billardkneipe in der Nähe des Bahnhofes gekommen und hätten angeblich ausländerfeindliche Parolen gegrölt. Zeugen berichteten jedoch, dass Marcel R. und Steffen O. der Jugendgang keinerlei Anlass für einen Angriff gegeben hätten.

Als „Scheiß-Nazis“ und „Scheiß-Deutsche“ beschimpft

Im Gegenteil – die Provokation sei eindeutig von den vier Jugendlichen ausgegangen. Sie hätten die Männer als „Scheiß-Nazis“ und „Scheiß-Deutsche“ beschimpft. Kurz darauf seien die beiden Malergesellen dann auch körperlich angegriffen worden.

Die Ermittler haben dafür nicht nur die Zeugenaussagen als Beweis. Die Tat wurde von Überwachungskameras in guter optischer Qualität aufgenommen. Das Videoband zeigt, wie die Täter Marcel R. verfolgen, ihm ins Gesicht schlagen, ihn treten.

Als er sich hinter einem Pfeiler verstecken will, wird er von einem der Beschuldigten mit hochgerissenen Beinen angesprungen und so zu Boden gerammt. Anschließend wird ihm gegen Kopf und Oberkörper getreten. Immer wieder. Bis er bewusstlos ist.

Zeugen greifen nicht ein

Und das Video zeigt, wie sich einer der Täter über den reglos daliegenden Marcel R. beugt, ihm Handy und Brieftasche aus der Jackentasche nimmt. Auf dem Band sind auch Passanten zu sehen. Doch keiner von ihnen greift ein.

Auch Steffen O. wurde von den Jugendlichen verfolgt und verprügelt. Er hatte jedoch Glück, dass sich ein kräftig gebauter Passant einmischte und die Täter vertreiben konnte. So kam der Malergeselle mit Prellungen und Hämatomen davon. Später stellte sich heraus, dass sein Helfer ein Mitglied des Rockerklubs Bandidos ist. Auch er wird nun vor Gericht als Zeuge erscheinen müssen.

Marcel R. erwischte es weitaus schwerer. Er erlitt durch die Tritte schwerste Kopfverletzungen. Ein Pärchen rief die Polizei. Als Marcel R. Mitte März im Berliner Unfallkrankenhaus wieder aufwachte, war er halbseitig gelähmt, konnte nicht aufrecht im Bett sitzen, hatte schwere Sprachstörungen. Er trug einen Helm, weil ihm ein Teil der Schädeldecke herausgenommen worden war, um Streublutungen zu stillen und dem Gehirn Platz für die durch die Tritte entstandene Schwellung zu verschaffen.

Das Opfer will seinen Peinigern nicht begegnen

Nach mehr als drei Monaten Aufenthalt konnte er das Krankenhaus verlassen. In seine alte Wohnung in Tegel wollte er nicht mehr zurück. „Die hatten doch meinen Ausweis geklaut und wussten doch, wo ich wohne“, sagte er. „Er ist sehr scheu geworden“, sagt seine Schwester Katja.

Marcel R. wird von dem Prozess in der Zeitung lesen und sich von dem Anwalt, der für ihn vor Gericht die Nebenklage vertritt, informieren lassen. Dass er die Täter nicht wiedersehen wolle, wenn möglich auch nicht im Prozess, hatte er schon im Krankenhaus beschlossen. „Ich bin so wütend“, sagte Marcel R. „Und ich will nicht noch wütender werden.“

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