Deutsche Manieren

Der Gentleman wärmt, schleppt und zahlt!

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Eine neue Studie zeigt, dass Deutsche Wert auf gute Manieren legen. Die Erwartungen an Herren haben sich gewandelt – und die Konsequenzen bei Verstößen.

Man kann davon ausgehen, dass seine Manieren tadellos waren. Schließlich war er Freiherr und kannte sich an deutschen Höfen aus, auch wenn er sie verachtete. Doch Benimmregeln, wie etwa zu welchem Gang welches Besteck benutzt wird, hatte Adolph Freiherr Knigge nicht im Sinn, als er 1788 sein Werk „Vom Umgang mit Menschen“ schrieb.

Ihm ging es im Sinne der Aufklärung um zwischenmenschliche Umgangsformen. Der Freiherr wäre wohl auch heute noch ein guter Ratgeber, schaut man sich die Fülle an Benimmbüchern an, die für jegliche Lebenslage vom Umgang mit Chefs bis zum Internetchat die Buchläden füllt.

Valide Daten liefert nun eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag von Jacobs Krönung. Tatsächlich haben demnach die meisten Deutschen den Eindruck, dass es nicht sonderlich gut steht um unsere Umgangsformen, 61 Prozent sind der Meinung, dass es weniger Benimmregeln gibt als früher – und die Mehrzahl empfindet dies als Verlust und nicht etwa als Freiheitsgewinn.

Es gibt kaum noch echte Gentleman

Manche konventionellen Höflichkeitsregeln haben aber schlicht an Bedeutung verloren – etwa, dass ein Mann der Frau an der Tür den Vortritt lässt, dass man bei einer Einladung Blumen mitbringt oder geliehene Bücher sorgfältig behandelt.

An einigen Verhaltensweisen stören sich vor allem ältere Menschen, wie etwa Kaugummikauen während einer Unterhaltung (80 Prozent). Eine ganze Reihe anderer „traditioneller“ Benimmregeln hat hingegen heute nahezu die gleiche, in Einzelfällen sogar eine höhere Akzeptanz als noch vor 15 Jahren – und zwar altersübergreifend:

Wenn junge Menschen im Bus nicht für ältere aufstehen zum Beispiel – und wenn jemand mit vollem Mund spricht. Die Hälfte hält es für unangemessen, wenn Eltern ihre lauten Kinder im Restaurant nicht ermahnen – 1997 waren es nur 39 Prozent.

„Die Verhaltensregeln sind auch heute klar“, sagt Renate Köcher, Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts. „Was sich aber verändert hat, ist die Toleranz gegenüber Verstößen: Wer sich schlecht benimmt, muss kaum mit Empörung oder gar Sanktionen rechnen.“

Die fehlende Ächtung könnte also erklären, warum viele den Eindruck haben, dass gutes Benehmen immer seltener wird. Dass dies tatsächlich der Fall ist, lässt sich schwer nachweisen. Denn fast jedem ist anständiges Verhalten anderen gegenüber nach eigenem Bekunden wichtig.

Auch das Internet ist keine Benimmfreie Zone

Selbst das Internet und soziale Netzwerke sind entgegen der öffentlichen Wahrnehmung keine Benimmfreien Zonen. Zwar ist der Umgangston locker, korrekte Interpunktion und Rechtschreibung werden oft ignoriert, doch gutes Benehmen wird auch hier erwartet. Auch ständig auf das Handy schauen während eines Gesprächs oder Essens hält fast die Hälfte der unter 30-Jährigen für unhöflich.

Wie sich die Bedeutung einzelner Umgangsformen gewandelt hat, lässt sich besonders gut an den sogenannten „Gentleman-Qualitäten“ ablesen. Barbara Streisand soll einmal gesagt haben, dass „heutzutage ein Mann schon als Gentleman gilt, wenn er die Zigarette aus dem Mund nimmt, bevor er eine Frau küsst“.

Zumindest bei der Hälfte der Deutschen dürfte sie damit auf Zustimmung stoßen. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen teilen sich nämlich diejenigen, die das Verhalten eines klassischen Gentlemans noch für zeitgemäß halten oder eben nicht, in etwa gleich große Lager.

Interessant ist hierbei jedoch, dass 59 Prozent der unter 30-Jährigen „Gentleman“-Regeln wie einer Frau die Tür aufhalten, ihr in den Mantel helfen oder den Stuhl zurechtzurücken für „nicht mehr zeitgemäß“ halten.

Die überwiegende Mehrheit der jüngeren Frauen begrüßt es aber durchaus, wenn ihr ein Mann bei Kälte den Mantel anbietet oder für sie schwere Dinge trägt. Jeweils rund die Hälfte der Bevölkerung erwartet von einem Mann, dass er sich nach einer Verabredung erkundigt, ob die Frau gut zuhause angekommen ist, dass er bei der Anbahnung einer Beziehung den ersten Schritt macht und im Restaurant die Rechnung bezahlt.

Manche Manieren aus dem Ausland adaptiert

Ein deutlicher Wandel ist bei der Anrede zu beobachten. Zwar ist der Anteil derer, die schnell zum Du übergeht, in den letzten Jahrzehnten konstant bei 25 bis 30 Prozent geblieben. Doch hat die Bereitschaft, selektiv zum Du überzugehen, merklich zugenommen (2011: 48 Prozent, 1974: 34 Prozent), und immer weniger Deutsche haben generell Vorbehalte gegen das Duzen (2011: 26 Prozent, 1974: 41 Prozent).

Gewandelt haben sich auch Begrüßungsrituale, 58 Prozent der Bevölkerung und gar drei Viertel der unter 30-Jährigen begrüßt gute Bekannte mit Wangenkuss – eine ursprünglich französische Sitte. Interessanterweise ist der Anteil derer, die diese Begrüßung manchmal praktiziert, deutlich höher ist als der Anteil derer, die sie ausdrücklich mögen. Viele beugen sich offenbar dem sozialen Druck – oder mit anderen Worten: Sie legen Wert auf gute Manieren.

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