Hannover

Feier bei Hells Angels kostet Polizeichef den Job

Hannovers Polizeipräsident ist mit jungen Kollegen feiern gegangen - ausgerechnet in der Hells-Angels-Kneipe "Sansibar". Nun wurde er ins Statistische Landesamt strafversetzt.

Das Steintorviertel von Hannover ist nicht zwingend ein einladender Ort. Schon gar nicht tagsüber, wenn zwischen ein paar Spielhallen, heruntergekommenen Bordellen und düsteren Kneipen der kühle Herbstwind zieht. Man ist hier ganz gern wieder weg.

Nachts, wenn alle Häuser grau sind, wandelt sich die Szene. Gerade am Wochenende wird hier ein wenig Reeperbahnatmosphäre nachempfunden, Leuchtreklamen blinken, die Nacht wird zum Tag, eine Art Partymeile hat sich etabliert, auch wenn es eher ein paar hundert Partymeter sind. Nicht nur das einschlägige Partyvolk vergnügt sich, sondern von Zeit zu Zeit auch Menschen, die man hier eher nicht erwartet.

So tauchte im vergangenen August ausgerechnet der niedersächsische Polizeipräsident samt Dienstwagen ins Steintor-Nachtleben ein. Christian Grahl lud im Anschluss an die Schlussfeier der Deutschen Polizeimeisterschaften einen Trupp junger Kollegen in die „Sansibar“, eine Art Hauptquartier des Viertels. Nur ein Bierchen habe man dort getrunken, räumte der Beamte in der vergangenen Woche ein – und war wenig später seinen Job los.

Innenminister Uwe Schünemann (CDU) versetzte den Polizeipräsidenten Grahl, der früher einmal sein Büroleiter gewesen war, von der Landespolizeidirektion ins Statistische Landesamt. Begründung, Grahl könne seiner Vorbildfunktion nach dem Steintorbesuch nicht mehr gerecht werden.

Auch VW orderte schon Damen am Steintor

Angesichts der Tatsache, dass Schünemann offenbar schon im August von Grahl über dessen Kiez-Besuch unterrichtet worden war, eine ebenso späte wie drakonische Entscheidung. Schünemann rechtfertigt das nun mit dem Hinweis, dass er erst in der vergangenen Woche erfahren habe, dass Grahl nicht privat, sondern mit dem Dienstwagen zum Steintor gefahren sei. Eine Erklärung, die beispielhaft dafür steht, wie schwer sich Niedersachsens Behörden im Umgang mit Hannovers Rotlichtviertel tun.

Dort ließ man lange Zeit einen gewissen Frank Hanebuth relativ unbehelligt seine Kreise ziehen, den Chef der Hells Angels in Hannover, der auch bundesweit als wichtiger Kopf dieser nicht unbedingt sympathischen Rockertruppe gilt.

Zuletzt machte er die Presse auf sich aufmerksam, als er bei der Polizei einräumen musste, dass es seine Hunde gewesen waren, die unweit seines gut verbarrikadierten Wohnsitzes im hannoverschen Umland Passanten attackiert und schwer verletzt hatten. Hanebuth gehörte unter anderem die „Sansibar“.

Auch Pornokinos, Clubs und Bordelle hatte er unter seinen kräftigen Fittichen, was einem Teil der hannoverschen Verantwortungsträger offenbar gar nicht ungelegen kam. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als hier eine Horde Südosteuropäer das Wort führte, galt Hannovers Mini-Kiez eine Zeitlauf als befriedet. Als beispielsweise vor einigen Jahren beim niedersächsischen Vorzeige-Arbeitgeber VW noch die roten Lampen leuchteten, bestellte man das zugehörige knapp bekleidete Personal vorzugsweise hier am Steintor.

Auch die ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder und Wulff wurden immer mal wieder indirekt in Verbindung gebracht mit den hiesigen Szene-Größen, was aber eher an der Überschaubarkeit dieser eher kleinen Großstadt liegt als an den besonders engen Beziehungen zwischen Politik und Porno. Spätestens im VIP-Bereich von Hannover 96 sind gelegentliche Begegnungen beinahe unvermeidbar

Keine privaten Feiern im Rotlichtviertel

Mittlerweile hat sich das Klima an der Leine allerdings ein wenig verändert. Die Politik meidet tunlichst jede Nähe zur Szene, die Polizei kontrolliert schärfer und mahnt ihre Mitarbeiter schon mal, Hannovers Rotlichtviertel privat möglichst weiträumig zu umgehen.

Unlängst warnte Thomas Rochell, Vizepräsident der Polizeidirektion Hannover, die Bürger der Stadt sogar davor, ihr Geld am Steintor auszugeben. „Jeder, der das tut, muss wissen, dass er damit die Position der Rocker und ihres Chefs stärkt“.

In Folge debattierte die Leinestadt ein paar Tage über die Frage, ob der Aufruf „Kauft nicht bei Rockern“ angemessen oder möglicherweise doch zivilrechtlich anfechtbar ist. Damit müssen sich womöglich demnächst die Gerichte befassen.

Hanebuths Rechtsanwalt Götz von Fromberg prüft derzeit, ob Rochells indirekter Boykottaufruf womöglich Schadensersatzansprüche rechtfertigt. Nicht ausgeschlossen, dass die späte Veröffentlichung von Grahls sommerlichem Kiez-Vergnügen nicht nur in zeitlichem Zusammenhang mit dieser Auseinandersetzung steht. In der kommenden Woche wird sich der Innenausschuss des Landtags mit dem Fall Grahl befassen.