Brasilien

Rios größte Favela ohne einen Schuss besetzt

Rio macht Ernst im Kampf gegen die Drogenbanden. Die Polizei rückte mit Panzern in die Favela Rocinha ein.

Um 4.00 Uhr morgens rückten die ersten schweren gepanzerten Fahrzeuge in die Favela Rocinha ein. In der Luft knatterten Helikopter. Straßensperren wurden errichtet. Eine der größten Polizeiaktionen Rio de Janeiros hatte begonnen.

Nur etwa zwei Stunden später war die 70.000 Einwohner zählende Favela im Süden der Stadt praktisch unter Kontrolle der Polizei, nach Angaben der Behörden fiel dabei kein einziger Schuss. „Rocinha ist besetzt. Die Lage ist ruhig“, meldete René Alonso, der Kommandant der berühmt-berüchtigten Spezialtruppe Bope. Damit verloren Rios Drogenbarone eine weitere Schutzburg für ihr schmutziges Geschäft.

Etwa 3000 Polizisten und Marinesoldaten waren an der Aktion beteiligt. Wie vor einem Jahr im Complexo do Alemão im Norden der Stadt kamen auch mehrere gepanzerte Kettenfahrzeuge zum Einsatz.

Die "Freunde der Freunde" mussten gehen

In der an steilen Berghängen gelegenen Favela Rocinha hatte die Bande „Amigos dos Amigos“ (Freunde der Freunde) das Sagen. Erst vor wenigen Tagen ging der Polizei der wegen Mordes und Drogenhandels gesuchte Drogenboss „Nem“ ins Netz. Der 35-Jährige hatte im Kofferraum eines Autos flüchten wollen.

Rocinha und die ebenfalls besetzten kleinen Siedlungen Vidigal und Chácara do Céu liegen nur wenige Kilometer von Rios Glitzervierteln Leblon und Ipanema entfernt. Die Auffahrten zu der Siedlung wurden schon Tage vor der Aktion scharf kontrolliert und am Sonntag zeitweise dicht gemacht. Die Aktion war mit Tag und Uhrzeit angekündigt worden. Doch ließen sich die meisten Cariocas, wie die Einwohner Rios heißen, nicht aus der Ruhe bringen. Restaurants und Straßenbars waren auch am späten Samstagabend voll.

Einige nutzten die Treffpunkte für die gepanzerten Fahrzeuge auf der Straße sogar zum Foto-Shooting. „Dieser Einsatz macht doch die Stadt sicherer. Rio braucht das“, sagte eine junge Frau, die mit ihren beiden Bekannten vor den schweren Fahrzeugen und den Soldaten posierte. In Rocinha begannen viele Kriminelle ihre Karriere.

Mitglieder der Drogengangs patrouillierten die verwinkelten Gassen mit Motorrädern und trugen dabei offen sichtbar schwere automatische Waffen. Die Polizei traute sich, wenn überhaupt, nur mit schwerem Gerät in die Siedlung.

Die Favela liegt direkt über einem viel befahrenen Tunnel, in dem die Autofahrer bei den täglichen Staus oft ausgeraubt wurden. Immer wieder kam es in dem Tunnel auch zu Schießereien. Viele geklaute Motorräder verschwanden in der Favela, deren Bewohner oft Strom auf abenteuerliche Weise illegal abzapften.

Martialisch zogen die Panzer durch die Straßen

In Rocinha soll nun die „19. UPP“ – die „Friedensschaffende Polizeieinheit“ – fest installiert werden. Die Botschaft: Rio will keine Parallel-Welten mehr tolerieren, wo der Staat praktisch nichts zu sagen hat. Und die Stadt am Zuckerhut soll sicherer werden – auch mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016.

Am Sonntag zeigte der Staat Präsenz auf martialische Art: In schwarzen Uniformen und schusssicherer Westen fuhren Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen im Anschlag auf offenen Pick-Ups durch die engen Straßen. Die Panzer rangierten mit viel Lärm umher, zogen dann aber am Vormittag wieder ab.

Sondereinheiten durchkämmten angrenzende Wälder und Häuser nach Kriminellen, Waffen und Drogen. Die Menschen in Rocinha hoffen nun auf Ruhe. „Frieden und soziale Gerechtigkeit“, stand auf einem Transparent an einer Mauer. Für die Chefin der „Polícia Civil“ in Rio, Martha Rocha, war klar: „Die Bewohner haben ihre Territorium zurückbekommen.“