"Das Supertalent"

Schwuler Käseigel, Frosch im Hals, Stimmungshund

Ein "Supertalent"-Höhepunkt jagte den nächsten in der RTL-Show. Und Dieter Bohlen erlebte mit der "schwulen Ananas" den Schock seines Lebens.

Wie immer beim „Supertalent“ – ach was, im deutschen Fernsehen: Die schlechtesten Kandidaten haben das größte Selbstbewusstsein. So kündigt David Richter aus Hamburg, der als erster auf die Bühne darf, an: „Das wird in die Musikgeschichte eingehen.“ Rudert dann aber vorsorglich ein bisschen zurück, er habe nämlich „einen Frosch im Hals“.

Schon nach Sekunden sirenenartigen Gesangs wünscht man sich, jener Frosch würde die Stimmbänder beherzt durchbeißen. Oder der ganz in weiß gewandete 74-Jährige sänge noch eine halbe Oktave höher, denn dann könnten ihn nur noch bemitleidenswerte Fledermäuse hören.

Weiter geht es mit einer Pole-Dance-Show. Verzeihung: Pole-Fitness-Show. Die zwei nur in knappe, schwarze Bodies gekleideten Schönheiten legen nämlich großen Wert darauf, dass es Sport ist, was sie hier zeigen. Die erotische Wirkung sei nur ein Nebeneffekt. Dann geben sie zu Snoop Dogg‘s „I just wanna make you sweat“ alles. Dass eine der langmähnigen Tänzerinnen erst 16 Jahre alt ist und sich so lasziv um die Stange knotet, als würde sie schon seit Jahrzehnten im „Dollhouse“ auftreten – fragwürdig. Falls Alice Schwarzer jetzt gerade daheim vor dem Fernseher zuguckt, schlägt sie mit Sicherheit entsetzt die Hände vor dem Gesicht zusammen.

Dieter Bohlen dagegen findet es – Überraschung! – gut, seine Kolleginnen Sylvie van der Vaart und Motsi Mabuse machen ihm aber einen Strich durch die Rechnung und lassen die beiden Sportlerinnen nicht weiter. Seine resignierte Reaktion: „Ein geradezu epochales Problem: dass wir zwei Weiber in der Jury haben.“ Arme Alice – aber immerhin hat er ein Fremdwort benutzt.

Ein Blick auf die Uhr, es ist erst halb Neun. Wer die erste Viertelstunde des „Supertalent“ schaut, hat bereits alles gesehen, was diese Show ausmacht. Bislang wurden dem erwartungsfrohen Zuschauer präsentiert: ein Bekloppter. Zwei halbnackte Frauen. Fünf zotige Sprüche von Bohlen. Und es geht so weiter.

Das Medium und die Katze

Ganze drei Auftritte muss man überstehen bis man mit dem ersten Talent belohnt wird, beim „Supertalent“. Der 11-jährige Elias Gutneder aus dem bayerischen Neustadt singt Andrew Lloyd Webber‘s „Pie Jesu“. Zu seiner entrückten Engelsstimme werden im Publikum endlich, ENDLICH, erste Tränchen aus den Augenwinkeln gewischt. Auch Jurorin Motsi ist erleichtert: „Es tut gut zu sehen, dass jemand wirklich mal was kann!“ Drei Mal „Ja“.

Was dann kommt: ein Medium mit dem Künstlernamen Maria, dessen übersinnliche Kräfte heute mal nicht funktionieren, obwohl es, nach eigener Aussage, bereits eine Katze wieder zum Leben erweckt hat. Ein Schweizer, der wie ein Dreijähriger, der zuviel Schokolade bekommen hat, zu Schwanensee über die Showbühne dreht und hopst. Und ein Entfesselungskünstler, der so auffällig eine Schrecksekunde in seinen Auftritt einbaut, dass selbst Dieter das rafft. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Babys und Tiere gehen immer

Kurz bevor man entnervt umschaltet, überlässt man Markus Wolf mit seiner Mischlingshündin „Tutnix“ die Bühne. Denn die Mitarbeiter von RTL wissen wie alle Medienschaffenden: Babys und Tiere gehen immer. Die beiden präsentieren eine Frisbee-Nummer. Die funktioniert so: Herrchen wirft, Hund schnappt. Das ist wenig überraschend? In einer Show, so arm an Innovationen, ist dieser Auftritt drei begeisterte „Jas“ der Jury wert.

Ein weiteres Gesetz beim „Supertalent“: Ein Herzschmerz-Moment mit von der Kamera übergroß eingefangenen Betroffenheitsblicken im Publikum darf auf keinen Fall fehlen. Meist geht es darum, dass der Kandidat in der Kindheit mal schiefe Zähne hatte und deshalb gehänselt wurde.

Was Alper und Steve aus Ingolstadt passiert ist, ist aber wirklich schlimm: Durch einen tödlichen Autounfall verloren sie zwei Mitglieder ihrer Tanzgruppe. Umso unpassender wirken die routiniert abgespulte Mitleidsnummer und die dramatische Hintergrundmusik. Und Sylvie kann sich nach dem originell choreografierten Tanz-Auftritt ein „Eure Freunde im Himmel sind ganz stolz auf euch!“ nicht verkneifen.

Damit die Laune wieder steigt, lässt man Sven Florian auf das Auditorium los. Der Hamburger mit der rosa Haarsträhne, der sich selbst als „dicke Ananas“ und „sexuelle Wundertüte“ bezeichnet, bringt der Jury einen „schwulen Käseigel“ mit und hat den Ballermann-Hit „Joanna, du geile Sau“ in „Dieter, du geile Sau!“ umgedichtet. Vor den Augen seiner Mentorin, Supertranse Olivia Jones, fordert er vom Publikum gefühlte 40 Mal „Mehr Stimmung!“ und hält Dieter Bohlen zum Abschiedskuss statt der Wange blitzschnell den Mund hin. Der alte Trick funktioniert, die Zuschauer johlen, Bohlen, für den das Wort „hetero“ erfunden wurde, ist entsetzt.

Echte Highlights? Fehlanzeige

Erst ganz zum Schluss der wohl beste Auftritt der zweistündigen Show: Die 14-jährige Lara Retzer, die auf Grund fehlender Modelmaße wenig selbstbewusst ist, singt „Turning Tables“ von Adele. Mit hängenden Schultern und scheuem Blick steht sie vor dem Mikrofon. Ihre Stimme – das Gegenteil: stark und ausdrucksvoll.

Sie ist weiter und froh, dass sie wieder von der Bühne darf. Und der Zuschauer vor dem TV ist froh, dass er „Das Supertalent“ ein weiteres Mal überstanden hat und ins Bett gehen darf. Kommt es einem nur so vor, oder gab es in früheren Shows wenigstens einige echte Highlights? Auf die wartete man diesen Samstag vergebens.