Dönermorde

Polizei stellt rechtsextreme Propaganda-Videos sicher

Der Bundesanwalt sieht eine Verbindung zwischen dem Polizistinnenmord und der "Dönermord"-Serie. Obskure Filme weisen ins rechtsextreme Milieu.

Beim Fall der 2007 in Heilbronn ermordeten Polizistin gibt es eine sensationelle neue Entwicklung: Die Bundesanwaltschaft hat Hinweise darauf, dass die beiden mutmaßlichen Täter auch für die sogenannten „Dönermorde“ in den Jahren 2000 bis 2006 verantwortlich waren.

In der Zwickauer Wohnung von Uwe M. und Uwe B. wurde die Pistole vom Modell Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter gefunden, mit der neun Männer – acht Türken und ein Grieche – zwischen Herbst 2000 und dem Frühjahr 2006 in Nürnberg, München, Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel regelrecht hingerichtet wurden.

Zuvor hatte man im Wohnmobil der Männer bereits die Dienstwaffen der vor vier Jahren erschossenen Polizistin Michelle K. und ihres damals schwer verletzten Kollegen gefunden.

Am Freitag teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit, dass sie nun auch die Ermittlungen im Heilbronner Polizistenmord übernehme: „Es liegen zureichende Anhaltspunkte dafür vor, dass die Mordtaten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzurechnen sind.“ Nach den bisherigen Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft verfügten die toten Bankräuber wie auch ihre mittlerweile verhaftete Gefährtin bereits Ende der 1990er Jahre über Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen.

Rechtsextreme Propaganda-Videos sichergestellt

Wie Morgenpost Online erfuhr, wurden in der Zwickauer Wohnung, in der die Männer zusammen mit der inhaftierten Beate Z. lebten, neben Schusswaffen und Munition auch Videomaterial, darunter DVDs mit rechtsextremistischem Inhalt sowie Filmaufnahmen „mit Bezug zu den ‚Dönermorden’“. Was genau dies zu bedeuten hat, ob es sich möglicherweise um selbstgedrehte Bekennervideos zu den Mordtaten handelt, ist unklar.

Die Fahnder stellten außerdem rechtsextreme Propaganda-Videos sicher, die sich auf eine Gruppierung mit dem Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ beziehen. De Filme seien zum Teil verpackt gewesen.

Ermittlerkreise äußerten sich gegenüber Morgenpost Online überrascht von den neuen Funden: „Diese Entwicklung ist wahnwitzig. Es gab bisher keinerlei Anhaltspunkte, dass zwischen diesen Fällen irgendeine Verbindung bestehen könnte.“ Aber die jetzt entdeckten Spuren fügten sich zu einem Bild: „Es erklärt das außerordentlich brutale Mordgeschehen im Fall der Heilbronner Polizistin.“

Die nordrhein-westfälische Polizei prüft zudem mögliche Zusammenhänge mit zwei Bombenanschlägen in NRW. Wie die „Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung“ unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, stehen die beiden tot aufgefundenen mutmaßlichen Mörder im Verdacht, mit dem Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 in Köln zu tun zu haben.

Bei dem Anschlag in der überwiegend von Türken bewohnten Kölner Keupstraße waren 22 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt worden. Auch ein Zusammenhang mit einem Bombenanschlag an der S-Bahn-Station Düsseldorf-Wehrhahn im Jahr 2000 wird nach „NRZ“-Informationen untersucht. Ein in einer Plastiktüte versteckter Sprengsatz explodierte in einer Gruppe jüdischer Aussiedler. Dabei wurden zehn Menschen verletzt, zwei davon lebensgefährlich, eine Frau verlor ihr ungeborenes Kind.

Der vorläufige Höhepunkt der Ermittlungen ist erreicht

An atemberaubenden Wendungen hatte es in dem Fall um die ermordete Polizistin Michèle K. im Jahr 2007 in Heilbronn nicht gefehlt. Nicht nur, dass die Polizei jahrelang einer falschen Spur folgte, die sich aus dem Erbmaterial auf einem verunreinigten Wattestäbchen ergab. Nicht nur, dass die Dienstwaffen eben dieser Polizistin am 4. November neben den Leichen zweier Bankräuber in Eisenach gefunden wurden, die sich kurz zuvor in einem Wohnwagen das Leben genommen hatten.

Und nicht nur, dass in Zwickau am selben Tag ein Wohnhaus explodierte, in dem diese beiden Männer zusammen mit einer dritten Frau Unterschlupf gefunden hatten, die sich kurz darauf den Behörden stellte. Nun hat der Fall mit einer weiteren Volte einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: In dem zerstörten Haus des verdächtigen Trios haben die Fahnder die Pistole gefunden, mit der die sogenannten Döner-Morde verübt wurden.

Das Trio hätte nach Informationen des "Tagesspiegel" bereits 1998 festgenommen werden können. Im dem Jahr hätten Beamte vor einer Razzia Beate Z. einen Durchsuchungsbefehl übergeben, sie aber nicht in Gewahrsam genommen.

Rohrbomben in Garage bei Beate Z. gefunden

Bei der Razzia in einer Garage seien mehrere Rohrbomben entdeckt worden. Eine Festnahme habe es aber dennoch nicht gegeben. Danach sei Beate Z. mit zwei weiteren, mittlerweile toten Männern jahrelang untergetaucht.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft liegen ausreichende Anhaltspunkte dafür vor, dass die Taten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzuordnen seien. Bei der auch unter dem Namen „Bosporus“ bekannten Mordserie im Zeitraum zwischen dem 9. September 2000 und dem 6. April 2006 wurden insgesamt neun Männer getötet, davon acht mit türkischem und einer mit griechischem Migrationshintergrund.

Erstes Opfer der mysteriösen Morde war im September 2000 ein türkischer Blumenhändler aus dem hessischen Schlüchtern, der an seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg erschossen wurde. Im Jahr 2001 ereignete sich der nächste Anschlag in Nürnberg . Noch im selben Jahr folgten Morde in Hamburg und München. 2004 war Rostock Tatort. Später ereigneten sich die Taten in Dortmund und Kassel.

Die Getöteten wurden am helllichten Tag regelrecht exekutiert, man schoss den Opfern mit einer Pistole ins Gesicht. Die Tatwaffe war dabei immer dieselbe: Ein tschechisches Fabrikat, eine Pistole mit Schalldämpfer vom Typ Ceska.

Jahrelang kamen die Ermittlungen nur sehr schleppend voran, weil – abgesehen von der Tatwaffe und dem gemeinsamen sozialen Milieu – keinerlei Zusammenhänge zwischen den Opfern festgestellt werden konnten. Auch fehlte dem Großteil der Opfer ein Bezug zur Kriminalität. Selbst als die Mordserie unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY, ungelöst“ vorgestellt wurde, führte das nicht zu den erhofften Ermittlungsfortschritten.

Der Fall erreichte die obersten politischen Ebenen: Im Juli 2007 rief das türkische Innenministerium insbesondere Türken in Deutschland zur Unterstützung der deutschen Polizei bei der Aufklärung der Verbrechen auf, um weitere Morde an türkischen Staatsbürgern zu verhindern. Das Trio, das mit dem Polizistenmord in Heilbronn in Verbindung gebracht wird, gehörte zum rechtsextremen Thüringer Heimatschutz (THS) .

Neo-Nazis seit 1998 untergetaucht

Die Gruppe tauchte nach Angaben des thüringischen Innenministeriums 1998 unter, nachdem in Jena ihre Bombenwerkstatt ausgehoben worden war. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft verfügten die verstorbenen Männer wie auch ihre seit Mittwoch in Untersuchungshaft sitzende Gefährtin Beate Z. bereits Ende der 90er-Jahre über Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen.

Es bestehe deshalb gegen die Beschuldigte Beate Z. der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord sowie der schweren Brandstiftung, teilte die Behörde mit.

Mit den polizeilichen Ermittlungen hat die Bundesanwaltschaft das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen beauftragt. Auch die Ermittlungen nach der Explosion in einem Haus in Zwickau hat die Bundesanwaltschaft übernommen. Dort waren Experten für Kriminaltechnik und Spurensicherung des Bundeskriminalamtes (BKA) bereits am Freitag mit im Einsatz, wie eine Sprecherin bestätigte.

Verfassungsschutz Thüringen hatte keine Hinweise auf Trio

Nun lässt das Thüringer Innenministerium das Vorleben des Trios prüfen. Er werde dafür eine Kommission einrichten, die unabhängig vom Verfassungsschutz ermittelt, kündigte Innenminister Jörg Geibert (CDU) am Freitag in Erfurt an. Auch die Verflechtungen der drei mit anderen Straftaten müssten überprüft werden. Geibert zeigte sich erleichtert, dass der Generalbundesanwalt „das Verfahren an sich gezogen“ habe.

Die Männer hatten in Jena eine Bombenwerkstatt betrieben und waren laut Geibert in der rechtsextremen Szene aktiv. Bereits damals sei geprüft worden, ob sie einer kriminellen oder terroristischen Vereinigung angehören könnten, sagte der Präsident des Landeskriminalamtes Werner Jakstat. Das habe die Staatsanwaltschaft damals aber verneint.

Der Thüringer Verfassungsschutz hat nach eigener Aussage auch nach Einstellung des Verfahrens 2003 keine ernstzunehmenden Hinweise auf den Aufenthaltsort des Trios bekommen. Es gebe auch keine Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Zusammenarbeit, betonte Roger Derichs vom Landesamt für Verfassungsschutz.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, rief zu einem verstärkten Kampf gegen Rechtsextremismus auf. „Der Fall zeigt, dass wir leider noch immer gewaltbereite Rechtsradikale in Deutschland haben“, sagte er zu „Morgenpost Online“. „Wir müssen weiter daran arbeiten, jeder Form von Rechtsextremismus und Fremdenhass den Nährboden zu entziehen.“