Ehrenmordverdacht

Polizisten suchen verschwundene Kurdin Arzu Ö.

Arzu Ö. wurde mitten in der Nacht von mehreren Geschwistern gewaltsam aus der Wohnung ihres Freundes gezerrt. Seitdem fehlt von der jungen Kurdin jede Spur.

Natürlich fiel die Familie Ö. auf. Allzu groß ist der Detmolder Stadtteil Remminghausen schließlich nicht, und wenn eine Familie – Ausländer zumal – neun Kinder hat, dann kennt man sie hier. Aber es ist nicht so, dass die Familie Ö. negativ aufgefallen war. Im Gegenteil.

Die 18-jährige Arzu etwa hatte zwar nicht so viele Freunde und war auch nicht so locker wie die deutschen Mädchen – sie ging kaum aus, sie war schweigsam - doch am Wochenende half sie in der Bäckerei aus, in der ihre Mutter auch putzte. Ihre ehemalige Chefin hatte den Eindruck, dass die Familie „gut integriert“ war, Arzu war freundlich und fleißig, einen Eindruck, den die ganze Familie Ö. machte. Man interessierte sich nicht sonderlich für sie, sagt eine Nachbarin, sie störten aber nicht und grüßten, wie andere auch.

Bis zu jenem Tag im August eben.

Damals hörte Arzus ehemalige Chefin davon, dass die 18-Jährige untergetaucht sei, nachdem einer ihrer Brüder sie verprügelt habe. Die älteste Schwester Arzus’ erzählte ihr damals, dass die 18-Jährige der Familie Probleme mache, und der Vater deshalb in der Türkei nach einem Mann für sie suche.

Arzu suchte Schutz in einem Frauenhaus, tauchte unter, versuchte wegzukommen von ihrer Familie, dem Vater, den Brüdern, die sie ständig gängelten, ihr vorschrieben, wie sie zu leben hatte. Zur Arbeit kam Arzu von da an nicht mehr.

Starb die 18-Jährige durch die Hand ihrer Brüder?

Inzwischen schließt die Polizei nicht aus, dass die 18-Jährige aus Detmold, tot ist. Am Freitag durchsuchten 200 Beamte ein vier Quadratkilometer großes Waldgebiet in der Nähe ihres Wohnortes. Die Bielefelder Ermittler waren durch Befragungen und Handydaten auf die Spur gestoßen. „Bisher jedoch haben wir sie noch nicht gefunden“, sagt ein Sprecher der Polizei Bielefeld.

Seit 10 Tagen sucht die Polizei die 18-jährige Kurdin. In der Nacht zum 1. November hatte ihr Freund, der Bäckergeselle Alex K. sich bei der Polizei gemeldet. Arzu sei von ihren Geschwistern aus seiner Wohnung entführt worden, berichtete K.

Gegen 1.30 Uhr seien fünf der acht Geschwister seiner Freundin durch ein Fenster in seine Wohnung eingestiegen. Osman, Kemal, Elvis, Kirer und Sirin Ö. hätten ihn mit einer Pistole bedroht, ihn geschlagen und ihm einen Finger gebrochen. Dann hätten sie ihre verängstigte Schwester Arzu mitgenommen und seien mit einem Golf weggefahren.

Alex K. und Arzu Ö. hatten sich eben in jener Bäckerei kennengelernt, in der Arzu aushalf. Die Liebesbeziehung zwischen dem Deutschen und der Kurdin war wohl auch der Grund für die Schläge, die Arzu im August hatte einstecken müssen. Immer wieder hatte es Streit wegen dieser Beziehung gegeben, verstieß sie doch gegen den Glauben von Arzus Familie.

Die Familie Ö. sind keine Muslime, sondern Jesiden. Dabei handelt es sich um eine lediglich unter den Kurden verbreitete Religion, die wie Islam und Christentum einen Gott kennt, deren Grundlage allerdings keine Schriftsammlungen wie die Bibel oder der Koran sind, sondern mündliche Überlieferungen. Jesiden ist es verboten außerhalb ihrer Religion zu heiraten, die Heirat eines Andersgläubigen – ob Moslem oder Christ- führt zum Ausschluss aus der Gemeinschaft. Ihre Gesellschaft ist in ein Kastensystem untergliedert, auch Ehen über die Kastengrenzen hinweg sind nicht erlaubt.

Es gibt ein Gerücht im Umfeld der Familie Ö. und natürlich hat auch die Polizei dieses Gerücht schon gehört. Es besagt, dass Arzu Ö. tot ist. Einer ihrer Brüder soll sie in einem Exzess getötet haben. Er habe sie nicht wirklich töten wollen. Zwei weitere Brüder sollen ihm danach geholfen haben, die Leiche der Schwester zu beseitigen.