Mexiko

Drogenbosse wollen Hacker zum Schweigen bringen

In Mexiko haben Kriminelle mehrere Internet-Nutzer getötet, die über Drogenkartelle geschrieben haben. Die traditionelle Presse gab dem Druck der Gewalt bereits klein bei.

Das für seine Brutalität bekannte mexikanische Drogenkartell Zetas geht offenbar als eine der ersten Gruppen des organisierten Verbrechens gezielt gegen Internet-Nutzer vor, um die Berichterstattung dort abzuwürgen. Drei Nutzer des Chatrooms „Nuevo Laredo en Vivo“ wurden in den vergangenen Tagen tot aufgefunden. Ein viertes mutmaßliches Opfer wurde am Mittwoch enthauptet entdeckt.

Nutzer des Chatrooms konnten die Identität der Leiche nicht bestätigen, da dort alle Besucher unter Pseudonymen posten. Trotz solcher Vorsichtsmaßnahmen sind die Nutzer leicht verwundbar, denn die Zetas können sie aufgrund von Spuren ausfindig machen, die sie hinterlassen.

Das Kartell hatte schon früher Rivalen, Journalisten und andere angegriffen, die es als Feinde ausgemacht hatte. Jetzt ist offenbar der Chatroom an der Reihe, in dem Kommentare über die Umtriebe der Zetas und anderer Kartelle in der Stadt Nuevo Laredo an der Grenze zu Texas möglich sind.

Ein weiblicher Chatroom-Besucher war bereits im September ebenfalls enthauptet gefunden worden. Die Leiche wurde damals am selben Punkt abgelegt wie jene vom Mittwoch. Bei ihr lag auch eine ähnliche Botschaft, die mit einem „Z“ unterschrieben war, dem Zeichen der Zetas.

„Ich weiß nicht, ob so etwas noch anderswo auf der Welt passiert“, sagte Jorge Chabat, ein Experte für Sicherheit und Drogenhandel am Zentrum für Wirtschaftsstudien in Mexiko City. „Das ist neu und beunruhigend ... es ist ein Frontalangriff auf die Öffentlichkeit, nicht mehr nur eine Konfrontation mit der Regierung“, fügte er hinzu.

Zeitungen üben aus Angst Selbstzensur

Mexikos Drogenkartelle hatten häufig traditionelle Zeitungen angegriffen, indem sie Sprengsätze in ihre Büros warfen und Reporter bedrohten, entführten oder töteten. Diese Gewalt gegen Journalisten im Bundesstaat Tamaupilas, in dem Nuevo Laredo liegt, veranlasste die lokalen Medien zur Selbstzensur. Die Bürger wurden mit ihrem Wunsch, Fakten von Gerüchten zu unterscheiden, in sozialen Netzwerken allein gelassen.

Juan Carlos Romero aus der Leitung der Gruppe „Artikel 19“, die sich für Pressefreiheit einsetzt, berichtete, dass Lokalzeitungen die Berichterstattung über Kriminalität aus Angst eingestellt hätten. Die Bürger wurden dadurch auf Informationen zurückverwiesen, wie sie bei „Nuevo Laredo en Vivo“ am Donnerstag zu lesen waren: Wo Schüsse zu hören sind, wo Autos mit vermeintlichen Beobachtern der Drogenkartelle gesehen wurden und welche Straße sicher befahren werden können.

Die Drogenkartelle scheinen gelernt zu haben, dass solche Internetseiten weit mehr Leser haben als die kleinen Lokalzeitungen im Nordosten Mexikos . Darauf stellten sie sich mit ihren Angriffen ein. „Wir beobachten ein neues Verhalten der kriminellen Kräfte im Land“, sagte Erick Fernandez, Professor für Kommunikation an der Iberoamerikanischen Universität in Mexiko City. Romero stimmte zu: „Es sieht so aus, als ob das organisierte Verbrechen normale Bürger daran hindern wolle, Berichte über Gewalt in Echtzeit zu verbreiten“, sagte er. „Die Einschüchterungen haben einen Multiplikationseffekt“.

Internet-Nutzer wollen der Bedrohung trotzen

Einige der Internet-Nutzer weigerten sich trotz der Enthauptungen und Warnungen der Zetas, klein beizugeben. „Anon5182“ schrieb in dem Chatroom: „Ich bin bereit, mein Leben zu opfern, wenn die Soldaten meine Informationen hüten... und wenn das Risiko zu etwas gut ist“.

Trotz gestiegenen Sicherheitsbewusstseins der Internet-Nutzer und Warnungen, keine persönlicher Informationen preiszugeben, bleiben sie höchst verwundbar, sagte Matt Harrigan, der Chef einer Sicherheitsfirma mit Sitz in San Diego. Der Informationspfad über Cookies, Server-Adressen, Login- und Kontoinformationen sei leicht sichtbar zu machen. Es sei für die Zetas mit ihrem vielen Geld aus dem Drogenhandel leicht, die Spur von Chatteilnehmern zu verfolgen.