24 Stunden bis zum GAU

Die Stunde Null in Fukushima – das Protokoll

Das Bild des qualmenden Reaktors in Fukushima hat sich ins Gedächtnis gebrannt. Was sich im japanischen Akw unmittelbar vor der Explosion abspielte, ist jetzt nachzulesen.

Foto: dpa / dpa/DPA

In der Leitwarte wackeln die Wände, Staub fällt von den Deckenplatten und legt sich wie Schnee auf die Apparaturen. Es ist der 11. März 2011, 14.46 Uhr im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Vor der Ostküste Japans hat gerade die Erde gebebt, mit einer unvorstellbaren Stärke von 9,0 auf der Richterskala. Innerhalb von fünf Sekunden schalten sich die Reaktoren ab, alles läuft nach Plan – zunächst.

Was dann passiert, ist eine Mischung aus Katastrophe und den panischen Versuchen, den Super-GAU zu verhindern.

Was in diesen ersten 24 Stunden nach dem schweren Erdbeben mit der Atomanlage geschieht, wie die Arbeiter verzweifelt versuchen, die Instrumente wieder mit Strom zu versorgen, weil die Notstromaggregatoren überschwemmt wurden, und wie es letztlich zu dem Bild des Jahres 2011 kommt, das einen explodierenden Reaktor von Fukushima Daiichi zeigt, das erzählt ein Artikel in der Fachzeitschrift „IEEE Spectrum“ des Berufsverbandes von Ingenieuren aus den Bereichen Elektrotechnik und Informatik mit Sitz in New York.

Der Text ist in nüchternem Ton verfasst, geschrieben für das Zielpublikum: Ingenieure. Er erlaubt Einblicke in Abläufe, die kaum jemandem bekannt sein dürften. Hinzu kommen die kleinen Kästen, die mit Lektion 1 bis 6 überschrieben sind, Tipps für den nuklearen Ernstfall sozusagen. So lautet etwa die erste Empfehlung: „Notfallgeneratoren sollten in höheren Lagen installiert werden oder in wasserdichten Kammern.“

Wasserflecken zeigen die Höhe der Welle

Das war in Fukushima Daiichi nicht so. Um 15.35 Uhr trifft die zweite Tsunami-Welle auf die Küste und flutet auch die Atomanlage. Anhand von Wasserflecken in den Leitwarten der Anlage stellen die Arbeiter des Betreibers Tepco später fest, dass die Welle eine Höhe von 14 Metern gehabt haben muss.

Kurz danach geht der Alarm im Kontrollraum aus. Die Leuchten der Geräte, die eigentlich die Kühlwasserstände und -temperaturen in den Reaktoren melden, flackern nur noch unruhig auf. Die Batterien, die den Kontrollraum mit Strom versorgen sollen, sind ebenfalls überschwemmt worden.

Zu Beginn weisen die Autoren ausdrücklich darauf hin, dass der Bericht auf Interviews mit Beamten der Japans Nuclear and Industrial Safety Agency, der US Nuclear Regulatory Commission, der International Atomic Energy Agency sowie lokalen Regierungen und Atomtechnik-Experten basiert.

Die Verfasser schreiben weiter, dass Tepco seinen Arbeitern untersagt habe, Interviews zu geben. Der Bericht sei deshalb bloß der Versuch, die Ereignisse in den ersten 24 Stunden so genau wie möglich zu rekonstruieren und den Prozess des „leaning by disaster“ – also des Lernens aus der Katastrophe – öffentlich zu machen.

Besonders deutlich wird das, wenn die Autoren die Situation des Stromausfalls beschreiben. Die Diesel-Generatoren sind im Keller und deswegen überschwemmt. Die Brennstäbe werden nicht mehr gekühlt, das Pumpsystem funktioniert nicht mehr, der Kühlwasserstand für die Brennstäbe sackt ab.

Die Arbeiter können die Situation nicht mehr kontrollieren, weil die Geräte ausgefallen sind. Als ihnen die Gefahr und das Ausmaß der Katastrophe bewusst wird, suchen sie krampfhaft nach einer Lösung. Ihr Einfall ist ungewöhnlich einfach, aber doch genial.

Weil die Transporter, die die neuen Aggregatoren bringen sollten, im Stau stecken bleiben – die Straßen sind entweder verschüttet oder total verstopft, weil viele Menschen in Panik fliehen – brechen sie die Motorhauben der Autos auf dem Parkplatz auf, schleppen die Batterien in den Kontrollraum und basteln eine Verbindung zu den Kontrollgeräten, um sie wieder ans Laufen zu bringen.

Was die Arbeiter dann messen, beruhigt die Betreiberfirma Tepco zunächst. Der Wasserstand ist zwar niedrig, aber die Brennstäbe scheinen noch nicht geschmolzen. Spätere Analysen ergaben allerdings, dass diese Ergebnisse falsch waren.


Die anschließenden Bemühungen der Arbeiter, die Anlage mit Süß- und Meerwasser zu kühlen, bringt letztlich nichts. Im Reaktor 1 gibt es am 12. März eine Wasserstoffexplosion. Das Bild wird in allen Zeitungen zu sehen sein, es wird Brennpunkte und Sondersendungen bestimmen und sicherlich bald auch in den Jahresrückblicken auftauchen.

Die Meldung, dass es zu einer Kernschmelze gekommen sei, dementiert Tepco zunächst. Erst drei Wochen später schloss die japanische Regierung eine Kernschmelze, die vermutlich schon kurz nach dem Tsunami stattfand, nicht mehr aus.

So nüchtern der Bericht auch ist, die Kritik an der Informationspolitik von Tepco tritt offen zu Tage. So schließen die Autoren mit dem Appell, dass man noch mehr aus dieser Katastrophe lernen könnte, wenn die Betreiberfirma mehr Details veröffentlichen würde.