Wohnungslosenhilfe

Immer mehr Deutsche werden obdachlos

| Lesedauer: 3 Minuten

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland ist nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Besonders betroffen seien Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 30 Jahren.

Wegen Wohnungsnot und Langzeitarbeitslosigkeit wird es bis 2015 deutlich mehr Obdachlose geben. Die Zahl der Menschen ohne Dach über dem Kopf steige bis dahin um 15 Prozent, prognostizierte der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Thomas Specht, am Mittwoch in Leipzig. Den Schätzungen zufolge werden dann rund 280.000 Menschen in der Bundesrepublik ohne Wohnung sein, 2010 waren es etwa 248.000 Menschen. Rund 30.000 der Obdachlosen leben demnach in den neuen Ländern.

Der Verband erstellt seine Schätzungen auf der Grundlage von Umfragen bei Behörden in Kommunen und der Statistik des Landes Nordrhein-Westfalen. Eine offizielle Statistik für die Bundesrepublik existiere nicht, „obwohl wir es seit 30 Jahren fordern“, sagte Specht. Er verwies darauf, dass die Zahl der Obdachlosen zunehmen werde, weil vor allem in den Ballungsgebieten die Mieten stark anstiegen und die unteren Einkommensgruppen zugleich weiter verarmten. Langzeitarbeitslose fänden kaum Arbeit und wenn, vorrangig im Niedriglohnsektor, in dem keine Mindestlöhne gälten.

Der Verband kritisierte, dass Kommunen und Länder Wohnungen an Finanzinvestoren verkaufen, weil dadurch Mietsteigerungen zu erwarten seien. Der Bestand an Sozialwohnungen verringere sich, ein Neubau von sozial gebundenen Wohnungen finde kaum noch statt. „Dabei wäre es notwendig, jedes Jahr 100.000 Sozialwohnungen in der Bundesrepublik neu zu bauen“, verlangte Specht. In Sachsen sei nicht einmal jede zwanzigste Wohnung eine Sozialwohnung.

Von den Menschen ohne eigene Wohnung hätten im vergangenen Jahr etwa 22.000 dauerhaft auf der Straße gelebt. „Die meisten Menschen nehmen Obdachlosigkeit nur wahr, wenn sie solche Menschen sehen“, erläuterte Specht. Doch das sei nur ein geringer Teil der Obdachlosen, nach den Verbandsschätzungen sind etwa zehn Prozent davon betroffen. Die anderen Obdachlosen seien in Notunterkünften, Heimen oder auch in Pensionen untergekommen, wo nicht selten fünf Menschen in einem Zimmer lebten.

Junge Menschen würden zunehmend obdachlos, ein knappes Drittel sei jünger als 30 Jahre. Mitarbeiter von Jobcentern sanktionierten junge Menschen unter 25 Jahren besonders häufig und strichen ihnen die Leistungen, wozu auch die Mietkosten zählen. Sie kämen dann bei Bekannten unter, schliefen in Abbruchhäusern oder lebten ganz auf der Straße.

Specht zeigte sich pessimistisch, dass sich für Obdachlose kurzfristig etwas bessern wird. „Ohne einen Regierungswechsel in Berlin wird sich nichts ändern“, meinte er. Doch es werde auch schwer sein, in einer Großen Koalition von CDU und SPD die Forderungen des Verbands durchzusetzen. Er sprach davon, in Zeiträumen von Jahrzehnten zu denken. Die Wünsche des Verbands zielen auf Änderungen am zweiten Sozialgesetzbuch („Hartz IV“) und eine andere Wohnungsbaupolitik.

Der Verband veranstaltet bis Freitag (11. November) in Leipzig seine Bundestagung mit rund 750 Teilnehmern. Er finanziert sich aus Fördermitteln des Bundesarbeitsministeriums, Verkaufserlösen von Broschüren und Mitgliedsbeiträgen.

( dapd/epd/cb )

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos