Late Night

"X-Factor"-Moderator Schropp macht den Gottschalk

| Lesedauer: 6 Minuten
Sven Gantzkow

Während sich "X-Factor"-Moderator Schropp für die "Wetten, dass"-Nachfolge ins Spiel brachte, musste das Bo einen seiner Schützlinge nach Hause schicken.

Ist das die Lösung? Jochen Schropp übernimmt „Wetten, dass“? Zumindest seine Überleitungen seien ZDF-kompatibel, attestierte Juror Till Brönner dem Moderator von „X Factor“– und meinte das nicht unbedingt als Kompliment.

Tatsächlich ist Schropp immer dann am schwächsten, wenn er sich an die rigiden Vorgaben auf seinen Moderationskarten hält. Sympathisch ist aber gleichzeitig, dass man ihm anmerkt, wie behämmert er die Texte bisweilen selbst findet.

Manchmal geht es dann sogar mit ihm durch: Als er in der vierten Liveshow ein weiteres Mal darauf hinwies, dass man den Herzschlag der Kandidaten im Netz verfolgen kann, rutschte ihm mit naivem Grinsen raus: „Ist total bescheuert, aber irgendwie auch cool!“ Das hat dann tatsächlich ein ganz klein wenig vom unbekümmerten „Ihr-könnt-mich“-Charme, der Thomas Gottschalk immer ausmachte.

Schropp ist der bessere DSDS-Moderator

Auf Schropp muss das ZDF aber erst mal verzichten. Denn bei „X Factor“ ist er bestens aufgehoben . Mit sonnigem Gemüt federt er Jurykabbeleien ab, drängt mit stoischem Gleichmut auf Einhaltung des Zeitplans und zeigt in den kurzen Gesprächen mit den Kandidaten tatsächlich so etwas wie Anteilnahme, was ihn von seinem DSDS-Pendant, dem Moderationsautomaten Marco Schreyl, angenehm abhebt.

Klar, auch Schropp klingt bisweilen wie ein Insasse aus dem Fritz-Egner-Bootcamp fürs fantasielose Phrasendreschen. Sein Glattlack kriegt aber immer wieder Sprünge, beispielsweise, wenn er mit den Juroren kurze Frotzeleien austauscht und dabei dann ungelenk feixend wie ein Schuljunge um Gleichgewicht ringt.

Damit passt er gut zu den diesjährigen Teilnehmern, die fast alle dem gängigen Bild eines geschmeidig gehobelten Casting-Kandidaten nicht entsprechen wollen: Der 29-jährige David Pfeffer hält sein Privatleben unter Verschluss, statt mit Träne im Augenwinkel von familiären Problemen oder einer schweren Kindheit zu erzählen.

Der schmetternde Pop-Tenor Joe Guyton macht keinen Hehl daraus, dass er nur so freundlich lächelt, weil er so gut wie kein Wort Deutsch versteht. Und die Schweizer Brüder Benjamin und Manuel Frei staksen weiter tapfer durch die Showkulisse wie Kater Mikesch aus der Puppenkiste, während sie auf Musical-AG-Niveau simpelste Pop-Klassiker entweihen. Gelacht wird trotzdem. „Verbissenheit“ ist bei „X Factor“ ein Fremdwort.

Zwei gegen einen

Genauso wie „Eklat“. Nachdem Sarah Connor in der vorangegangenen Liveshow den 44-jährigen Volker Schlag nach Hause schickte, obwohl er im Gesangsduell wesentlich besser war als der modelnde Germanistikstudent Kassim Auale, sei, so war zu lesen, ein Streit zwischen ihr und Schlags Mentor Till Brönner entbrannt. Von Dissonanzen in der aktuellen Show aber keine Spur. Im Gegenteil. Demonstrativ steckten Brönner und Connor immer wieder tuschelnd die Köpfe zusammen. Offenbar war ihnen aufgegangen, dass der Dritte, das Bo, noch alle vier Kandidaten im Rennen hatte.

Der Kniff, dass bei „X Factor“ auch die Jury gegeneinander antritt, klingt auf dem Papier dröge, entfaltet aber bei abnehmender Teilnehmerzahl zunehmend große Spannungsmomente. Die Juryurteile fallen filigraner , weil sich einerseits niemand die Blöße geben will, als Stinkstiefel dazustehen, andererseits aber auch jeder nach Möglichkeiten sucht, gegen den Kandidaten des anderen kleine Pfeile abzuschießen.

Nur im Fall des Brüderduos nahmen das Bo und Brönner kein Blatt mehr vor den Mund. „Man fragt sich schon: Was könnt Ihr eigentlich?“, machte Brönner seinem Unmut darüber Luft, dass Benman der Konkurrenz meilenweit hinterherhinken. Und das Bo wiederholte noch einmal seinen Vergleich von der Kuh auf der Weide, an die ihn der bebrillte Manuel mit seinem interpretationsoffenen Blick immer erinnert. Die mittelprächtige Leistung und das niederschmetternde Juryverdikt zu ihrer Darbietung von Ben E. Kings „Stand ByMe“ hatten auf die Zuschauerentscheidung allerdings keinen Einfluss. Benman kamen sicher weiter.

Am kürzesten musste bei der Verkündung erstaunlicherweise der Schwächste zittern: Zu aller Überraschung mogelte sich auch Martin Madeja in die nächste Liveshow. Seine Version von David Guettas „Titanium“ geriet gesanglich schief und selbst das Taktgefühl kam mehr als einmal aus dem Tritt. Bei den Proben hatte David Guetta, der bei drei Kandidaten als Gastcoach fungierte, Madeja noch gesagt, er habe Gänsehaut bekommen. Offen hatte er dabei allerdings gelassen, ob das positiv oder negativ gemeint war. Brönner indes formulierte treffend in Richtung das Bo: „Für mich war der Auftritt eher schwierig, schwierig als 'türlich, 'türlich.“

Kandidaten mit Nerven

Statt Benman und Madeja mussten zwei ins Gesangsduell, die eigentlich eine respektable Leistung abgerufen hatten. Kassim Auale brachte lediglich mit Abzügen in der B-Note das kompliziert zu singende „Moves Like Jagger“ von Maroon 5 nach Hause.

Und die 16-jährige Monique Simon sang Lady Gagas „Edge Of Glory“ als kraftvolle Ballade. Weil Connor sich für Auale und Brönner sich für Simon entschied, war ausgerechnet ihr gemeinsamer Mentor, das Bo, das Zünglein an der Waage. Dass er mit feuchten Augen minutenlang versuchte, seine Entscheidung hinauszuzögern, war hochdramatisch – nicht zuletzt, weil seine beiden Schützlinge im direkten Vergleich noch einmal starke Leistungen gezeigt hatten.

Mit Auale musste schließlich der tendenziell Begabtere das Feld räumen. Er hatte in den vorangegangenen Shows schlicht zu oft Nerven bewiesen. Und das darf bei „X Factor“ nur der Moderator.