Thomas Drach

Urteil einer taffen Richterin im Reemtsma-Prozess

Auch wenn es schwer zu ertragen ist, das Hamburger Landgericht hat ein angemessenes Urteil über Reemtsma-Entführer Drach gesprochen.

Es war noch einmal unsäglich. Überheblich. Großkotzig. Anmaßend. Verletzend. Dreist. Auch 15 Jahre nach der brutalen Entführung Jan Philipp Reemtsma ist es kein Vergnügen, einem Prozess gegen den Hauptverantwortlichen dieses Verbrechens beizuwohnen. Thomas Drach, "der Engländer", wie ihn Reemtsma in seiner 33-tägigen Kellerkerkerhaft genannt hat, hat immer noch kein Iota dazugelernt. Nichts.

Er hält sich offensichtlich weiterhin für einen der Allergrößten , dem überwiegenden Rest der Menschheit weit überlegen. Geradezu verpflichtet, ein Leben in Saus und Braus zu führen. Und zwar auf Kosten anderer. Wenn es nach Gefühlen ginge vor deutschen Gerichten, nicht um Gerechtigkeit, auch noch für den miesesten Charakter, dann hätte Thomas Drach keine Chance, jemals wieder auf freien Fuß zu kommen. So aber muss man sich auch darauf gefasst machen.

Im Herbst 2013, so nichts Unerwartetes passiert, könnten sich die Tore der Hamburger Justizvollzugsanstalt Billwerder öffnen, ein Jahr und drei Monate später, als von Drach bis zum Dienstagnachmittag erhofft, aber immerhin.

Das ist die Realität, nachdem die Große Strafkammer 11 unter Vorsitz der sehr taffen Richterin Ulrike Taeubner ein Urteil gefällt hat , das deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft von zwei Jahren und sechs Monaten blieb. Eine Entscheidung über die darüber hinaus beantragte Sicherungsverwahrung Drachs war damit hinfällig.

Sicherungsverwahrung gerechtfertigt

Für eine Befassung mit dieser drakonischen Maßnahme wäre ein Strafmaß von zwei Jahren das Minimum gewesen. Die Anklage, versuchte Anstiftung zur räuberischen Erpressung, hätte das durchaus hergegeben. Bis zu elf Jahren und drei Monaten reicht der Katalog. Das psychologische Gutachten zu Drachs Schuldfähigkeit und seiner Prognose hätte eine Sicherheitsverwahrung ebenfalls gerechtfertigt.

Drach, so hatte der Gutachter Professor Norbert Leygraf zu Protokoll gegeben, sei ein Berufsverbrecher, mit deutlichem Hang, sein Leben auch künftig auf Kosten anderer zu finanzieren. Darüber hinaus sei der Angeklagte trotz mittlerweile fortgeschrittenen Alters (51) pubertär-unreif.

Eine These, die Drach an jedem Prozesstag mindestens einmal stützte. Sei es, dass er andere – Justizbeamte, weniger begüterte Menschen, seinen Bruder – beleidigte oder herab setzte, sei es durch seine immer noch absurde Sichtweise auf die Entführung Jan-Philipp Reemtsmas.

Das damals erpresste und nach wie vor weitgehend verschwundene Lösegeld hält Drach noch immer für eine Art gerechten Arbeitslohn. Mit der neuerlichen Anklage gegen ihn habe sich die Staatsanwaltschaft völlig zu Unrecht in eine "Familienangelegenheit" eingemischt. Vom Gericht erwarte er deshalb "einen Freispruch". Ein wenig Demut? Ein Funken Reue? Ein Hauch von Selbstkritik? Nichts davon.

Drach behandelt Bewacher wie Lakaien

Stattdessen geht Drach zuweilen mit seinen Bewachern um, als seien die seine Lakaien, zieht sie an seinen Handschellen hinter sich her, beleidigt sie, macht sich über sie lustig. Wenn man dabei sitzt, steigt ganz automatisch die Achtung vor diesen nicht besonders gut bezahlten Justizbeamten. Man muss sich manchmal ziemlich zusammenreißen in diesem Job. Auch insofern hätte man sich nicht unbedingt ärgern müssen über ein härteres Strafmaß.

Andererseits: Die Tat, über die die große Strafkammer in diesem Prozess zu urteilen hatte, war eben am Ende nur eine "versuchte", noch nicht einmal vollendete Anstiftung zu einer möglichen, aber eben auch nicht vollendeten Straftat. Sehr weit entfernt, tatsächlich jemandem Schaden zuzufügen.

"Plattmachen" oder plattmachen lassen

Drach hatte in mehreren Briefen mit sehr deutlichem Jargon einen Bekannten dazu aufgefordert, seinem Bruder Lutz Drach nach dessen Haftentlassung kräftig auf die Füße zu treten, damit dieser aus Sicht Thomas Drachs offenbar bereits verjubelte Teile des Lösegelds wiederbeschaffe. 30 Millionen, als "Schmerzensgeld" und "Verdienstausfall", wie witzig. Andernfalls werde er den Bruder "plattmachen" beziehungsweise plattmachen lassen.

In diesen Briefen sah die Staatsanwaltschaft eine "versuchte Anstiftung zur räuberischen Erpressung", folgte man Drach und seinem Rechtsanwalt waren die Schriftstücke eher eine den Haftbedingungen geschuldete Art des "Dampfablassens".

In jedem Fall aber taten die Adressaten nichts, um Drachs Forderung nachzukommen. Auch diese Folgenlosigkeit der versuchten Anstiftung ging in das für Drach vergleichsweise glimpfliche Strafmaß ein. Richterin Taeubner, die schon während des Prozesses gelegentlich darauf hingewiesen hatte, dass es sich "nur" um eine versuchte Anstiftung zu einer Straftat, wertete als strafmildernd auch, dass man über ein Verbrechern zwischen Verbrechern verhandelt habe.

Konfuses Plädoyer der Verteidigung

Das "schützenswerte Gut", das zu Unrecht erworbene Eigentum Lutz Drachs, sei also nicht besonders schützenswert gewesen. Weder Lutz, noch Thomas Drach, so die Richterin, hätten einen rechtlichen Anspruch auf dieses Geld.

Eine Wertung, die in bemerkenswertem Gegensatz zu derjenigen der Verteidigung stand. Rechtsanwalt Helfried Roubicek hatte in seinem eher erratischen als stringenten Plädoyer die Auffassung vertreten, dass Drach das Lösegeld aus der Reemtsma-Entführung durch die Strafabbüßung quasi "rechtmäßig erworben" hätte.

In den fraglichen Briefen habe er sozusagen von "seinem Recht als Gläubiger" Gebrauch gemacht. Folglich könne das Urteil auch nur "Freispruch" lauten. Dieser steilen Argumentation wollte die Große Strafkammer dann allerdings auch nicht folgen.

Man wird nun also noch ein bisschen länger warten müssen, bis man weiß, was passiert, wenn einer wie Thomas Drach wieder frei kommt. Falls er nicht wieder Briefe schreibt. Oder anderen Mist macht. Zunächst einmal aber haben Anklage und Verteidigung eine Woche Zeit, um gegen das jetzt gefällte Urteil Revision einzulegen.