Gewaltvideo

Das reine Gewissen des Familienrichters

Der brutale Richter aus Texas versteht die Aufregung um das Prügel-Video nicht. Er meint, er habe sich doch entschuldigt. Jetzt werden seine Urteile überprüft.

In einem skandalösen, inzwischen berühmten Internet-Video verprügelt ein Sadist seine Tochter – gnadenlos. Der Mann ist Familienrichter Das Video ist unscharf, dunkel. Es ist grausam. Dennoch haben es inzwischen mehr als fünf Millionen Menschen auf YouTube angeschaut. Weil der Mann, der dort zu sehen ist, wie er ein Kind mit präziser Brutalität schlägt, ausgerechnet Familienrichter ist.

Man sieht, wie der Mann mit gespreizten Beinen sicheren Stand sucht, um mit einem zusammengelegten Gürtel möglichst weit auszuholen. Dann schlägt er zu, mit aller Gewalt. Er trifft seine 16 Jahre alte Tochter zu erst an den Oberschenkeln. Dann stößt er sie aufs Bett, schlägt auf ihren Rücken ein. Als das Mädchen sich aufsetzt und weinend das Gesicht hinter den Händen versteckt, schlägt er auf Bauch und Beine ein. „Beug dich vor, oder ich schlage dir in dein Scheißgesicht“, schreit er seine Tochter an. Und: „Du hast nicht fucking verdient, in diesem Haus zu wohnen.“

"Es lief immer nach demselben Muster ab"

Fast acht Minuten dauert das Video voller Schläge. Hillary Adams hatte den Gewaltexzess im Jahr 2004 gefilmt. Sie hatte eine Kamera auf dem Nachttisch stehen, unter einem dünnen Tuch versteckt. Sie habe endlich Beweise gewollt, sagt Hillary Adams, heute 23 Jahre alt. Nicht als Lügner dastehen wollen, weil niemand einem honorigen Richter diese Brutalität zutrauen mag.

Und sie wollte verhindern, dass ihr Vater, 51 Jahre alt, weiter am Gericht von Aransas County, Texas, Recht sprechen darf. Unter das Video schrieb sie: „Richter William Adams ist nicht geeignet, auch nur in Nähe des Rechtssystems zu sein, wenn er noch nicht einmal richtiges Urteilsvermögen als Vater hat. Lasst nicht zu, dass dieser Mann wiedergewählt wird.” Sie unterschrieb mit: „Hillary Adams, seine Tochter“.

Sie hatte sieben Jahre gewartet, bis sie diesen Schritt wagte. Zunächst, als Minderjährige, wohnte sie ja noch im Haus ihres Vaters. Später hatte sie Angst, was er ihrer Mutter oder ihrer jüngeren Schwester antun könnte.

Dass Richter Adams seine Tochter so brutal bestrafte, sei über einen langen Zeitraum ganz normal gewesen, erzählte sie in einem Interview mit dem Fernsehsender NBC. Die Szenen auf dem Video seien nichts Besonderes. Sie hätte diesmal die Eskalation schon im Voraus gespürt – „es lief immer nach demselben Muster ab“.

Illegale Spiele aus dem Internet lösten Prügelattacke aus

Zu der aufgezeichneten Szene kam es, weil Hillary illegal Musik und Spiele aus dem Internet heruntergeladen hatte. Die Internet-Surfer sahen das Video – sie gründeten eine Facebook-Gruppe , um die Abwahl von Richter Williams durchzusetzen. Seine Kollegen sahen das Video – Richter William Adams ist vom Dienst suspendiert, für weitere zwei Wochen sollen er keine Verhandlungen in seinem Terminplan haben, teilte das Gericht mit. Außerdem werden seine früheren Urteile in Familienprozessen überprüft; er soll gesagt haben, dass Aussagen von Kindern nicht berücksichtigt werden müssten, da Kinder notorische Geschichtenerfinder seien.

Und Hillarys Mutter sah das Video. Einmal kommt auch sie kurz ins Bild und versetzt ihrer Tochter einen Schlag. Sie brach in Tränen aus, als sie diese Szene sah. In der „ Today“-Show des Senders NBC versuchte sie zu erklären, wie eine Mutter zulassen kann, dass ihr Kind misshandelt wird. „Mir wird eiskalt, wenn ich daran denke“, sagte sie. Aber es sei ein Geheimnis der Familie gewesen: „Ich lebte in einer dysfunktionalen Umgebung, und es wurde immer schlimmer.“

Auch habe ihr Mann sie vollkommen unter seiner Kontrolle gehabt. Einmal, als Hillary sechs Monate alt war, habe sie ihn schon verlassen. Doch er habe ihr so lange Schamgefühle eingeredet, bis sie zurückkehrte zu ihm, mit dem Kind. „Ich habe alles getan, was er auch tat.“

Inzwischen hat sie mit ihrem Mann gebrochen und ihn endgültig verlassen und sich mit ihrer Tochter ausgesöhnt. „Wir stehen uns jetzt sehr nah“, sagte Hillary Adams bei demselben Fernsehauftritt. Der Richter hat bereits gedroht, seiner Frau nach der Trennung das Sorgerecht für die jüngere Tochter wegzunehmen.

Einer dagegen versteht die Aufregung, die Empörung und den Abscheu nicht – der Richter selber. Er gab dem Sender KZTV ein Interview, vor dem Haus in Rockport, in dem früher seine Familie wohnte. Jetzt lebt er dort allein. „Sie sehen ja, wie schwer mir dieses Kind das Leben macht“, sagte er. Außerdem, in Kürze gesagt, sei Hillary einfach nur sauer gewesen, weil sie das Auto zurückgeben sollte.

Ein Richter ohne Unrechtsbewusstsein

Auch über die brutalen Schläge spricht er mit offenbar reinem Gewissen: „Ich nichts Falsches getan, außer mein Kind zu züchtigen, als es beim Stehlen erwischt wurde. Ihre Mutter war dabei, sie ist unverletzt. Es ist lange her. Es sieht schlimmer aus als es ist.“ Und außerdem: „Ich habe entschuldigt.“ Und Hillary Adams war, trotz all ihrer Erlebnisse, noch immer entsetzt über ihren Vater: „Ich fasse es nicht, dass er so leicht darüber hinweggeht und kein Unrechtsbewusstsein hat.“

Inzwischen haben sich auch Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Zwar waren die Gewalttaten des Richters bereits nach fünf Jahren, also 2009, verjährt. Doch wollen Sheriff und Staatsanwalt noch nach einer möglichen Gesetzesauslegung für diesen Fall suchen .

District Attorney Patrick Flanigan sagte CNN, die Gesetzeslage sei sehr komplex: „Wir sind gerade in der Phase des Faktensammelns.“ Tim Jayroe, der zuständige Sheriff, will den Fall ebenso gründlich untersuchen. Er hat sich bereits an das Texas Departement für die öffentliche Sicherheit gewandt: „Das erste Mal in 22 Jahren, dass wir um Unterstützung bitten“, sagte er.

Hillary Adams möchte gar nicht mehr, dass weitere Schritte gegen ihren Vater eingeleitet werden – „ich denke, er ist durch die Veröffentlichung bestraft genug“, sagte sie. Auch hat die junge Frau inzwischen gemischte Gefühle, wenn sie an die Veröffentlichung des Prügel-Videos denkt. Sie hatte es zunächst nur angedroht – doch ihr Vater tat ihre Ankündigung mit einem Schulterzucken ab.

Jetzt, glaubt sie, sei er gestraft genug. Sie bedauert, „dass einige meiner Freunde und Menschen, die mir nahe stehen, Probleme mit dem Video haben, und natürlich bedauere ich, dass es mein eigener Vater ist. Aber gleichzeitig sagen mir so viele Leute, dass ich das Richtige getan habe.“ Sie hat all die Jahre versucht, ihm zu verzeihen – und wünscht sich für ihn Hilfe.

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