Prozessbeginn

Mann tötete eigenes Kind mit Stößel und Bohrer

Ein heimtückischer Plan: Weil er sich an seiner Ehefrau rächen wollte, ermorderte er seinen sechsjährigen Sohn. Seit Mittwoch steht der 43-Jährige in Karlsruhe vor Gericht – und hinterlässt ratlose Richter.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Das Kind spielte versunken mit neuen Legosteinen. Eine Chance hatte es nicht. Seinen Mörder, der ihm mit einem metallenen Mörserstößel den Kopf einschlug, sah es nicht kommen. Dem noch atmenden Sechsjährigen wurde nach dem Hieb der Mund mit Klebeband zugeklebt und mit einem zehn Millimeter dicken Steinbohrer Hinterkopf und Stirn blutig gebohrt. Dann erstickte er. Für die furchtbare Tat muss sich seit Mittwoch der Vater des Jungen vor dem Landgericht Karlsruhe verantworten.

Geduckt und fast hinfällig schleicht der schmächtige, aus Vietnam stammende Mann zum Prozessauftakt in den Saal. Er wirkt deutlich älter als seine 43 Jahre und folgt der Verhandlung mit fahrigen, stets nach unten gesenkten Blicken.

Erinnerungen an den Tag der Tat? „Ich weiß überhaupt nichts mehr“, sagt er. Seine Antworten auf die Fragen der Richter sind auch für den Dolmetscher kaum hörbar. Kurz weint der Angeklagte. „Ich wollte niemals, dass meinem Kind etwas zustößt.“ Sein Kopf sinkt für einen Moment auf die Unterarme. Dann blickt der Mann wieder zu Boden. Weder dem Dolmetscher noch den Richtern und seinem Verteidiger sieht er je ins Gesicht.

Die ihm vorgeworfene Tat ist schwer fassbar. Keine Kurzschlusshandlung wird ihm zur Last gelegt. Sondern ein heimtückischer Plan: Er verspricht seinem Sohn, dem jüngsten von zwei Kindern, Spielzeug und lockt ihn damit in die gerade renovierte, neue Wohnung. Stößel und den Bohrer hat er sich da extra schon zurechtgelegt und sich erstmal Mut angetrunken, wie es in der Anklage heißt. Dann schlägt er zu. Als es ihm nicht gelingt, dem bewusstlosen Kind den schon gebrochenen Schädel auch noch zu durchbohren, lässt er von ihm ab und stürzt sich vom Balkon.

Motiv: Rache, sagt die Anklage weiter. Der Mann habe seine untreue Ehefrau bestrafen wollen durch den Mord an dem Kind, an dem sie ganz besonders hing. „Ich habe meine Frau geliebt“, lässt der Beschuldigte übersetzen. Und ja: „Ich liebe sie noch.“ Sicher, es habe Streit gegeben und manchmal auch Beschimpfungen, einmal eine Drohung mit einem Messer. Als er herausfindet, dass sie einen Geliebten hatte, habe er sie gebeten, doch an die Kinder zu denken. Er verspricht der gebürtigen Thailänderin, „seinen Charakter zu ändern“. Keine Glücksspiele mehr. Keinen Alkohol.

Es klappte dennoch nicht mehr mit der Ehe, sagte seine Frau laut Anklage. Es klappte doch, sagt der mutmaßliche Mörder dem Richter. Auf die Frage, ob er von der unmittelbar bevorstehenden Trennung, der sogar schon eingereichten Scheidung gewusst habe, schüttelt er immer wieder den Kopf. „Nein. Nein. Nein.“ Alles war wie immer. Als die Polizei die Leiche des Jungen auf dem Bett im Schlafzimmer entdeckt, liegt neben dem toten Kind ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.

Seit 1987 lebte der Mann in Deutschland. Zuvor hatte er in Vietnam gewohnt, dort das Gymnasium kurz vor dem Abitur abgebrochen, als er wegen einer Schlägerei von der Schule flog. Die deutsche Sprache hat er nie richtig gelernt, keine Ausbildung gemacht. Hilfsarbeiter war er, Koch, der nächtelang in Restaurants oder Imbissbuden schuftete. „Ich habe immer gearbeitet und mich um meine Kinder gekümmert.“

Als er nach der Tat aus 14-tägigem Koma erwacht, weiß er nach eigenen Worten nichts mehr: „Mein Sohn lebt, ihr müsst nur in die Schule und nachschauen“, sagte er am Krankenbett, als ihn der Sachverständige befragt.

Die Richter sind am Mittwoch nicht immer geduldig und auch ein wenig ratlos. Sicher ist: Das Kind ist tot. Es wurde am Silvestertag 2010 heimtückisch ermordet.