Klettern ohne Limit

Bergsteigen verkommt zum Showalpinismus

Bergsteigen ist ein Extremhobby. Die Jungen verdrängen aber langsam die Werte der Alten. Sie vermarkten den Erfolg. Sogar den erfundenen.

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Als Edmund Hillary alle Probleme gelöst hatte und 1953 auf dem Gipfel des Mount Evererst stand, war er ein bisschen ratlos. Wie dokumentieren, dass sie tatsächlich so hoch waren wie zuvor niemand?

Hillary nahm die mitgebrachte Kamera und fotografierte den Sherpa Tenzing Norgay. Aber, so hat er später erzählt, in 8848 Meter Höhe sind nicht der Ort und die Zeit, erst den Umgang mit einer Kamera zu erklären. Deshalb gibt es kein Gipfelbild von Edmund Hillary, auch kein verwackeltes. Geschadet hat es dem legendären Erstbesteiger aber nicht. Hillarys Erzählungen gingen um die Welt.

Mittlerweile ist das ganz anders, und nicht bloß, weil Bergsteiger und auch alle Sherpas wissen, wie ein Fotoapparat funktioniert. Grenzgänge, aufsehenerregende Klettereien, alle Arten von Tun der Berglite werden dokumentiert, um später vorgeführt, auch vermarktet zu werden. Die Profis leben von Bildern, von Filmen, von ihren Geschichten.

Vorträge von Stars wie den Huberbuam sind sehr gut besucht, es sind längst nicht bloß Kletterer und Bergsteiger, die ihre Abenteuer verfolgen. Bei Sportkletterern wie dem jetzt 19-jährigen tschechischen Wunderkind Adam Ondra sind wenige Tage nach einer Kletterei perfekte Filme davon im Internet zu finden , geschnitten wie ein Musikvideo, samt Stürzen.

Der Showalpinismus ist auf dem Vormarsch

Dieses aufwendige Marketing hat das Bergsteigen verändert, viele sagen, bedenklich verändert. "Showalpinismus" wird das verächtlich genannt. Wenn mehrere Kameraleute um die Kletterer herum an Seilen hängen, wenn der Hubschrauber in der Nähe kreist, ist es nicht mehr das Gleiche wie der Weg eines Einzelnen oder einer Seilschaft auf den Berg und zurück.

"Abstieg zum Erfolg" nennt der Bergsteiger Hanspeter Eisendle aus den Dolomiten dies feinsinnig. Und er klagt: "Wo hört die Erotik auf und fängt die Pornografie an?" In Brixen in Südtirol stritten jetzt beim Bergfestival IMS zahlreiche Berühmtheiten über Showalpinismus. Das reine Abenteuer soll erhalten bleiben, der absolute Grenzgang in den eisigen Höhen der Gefahr.

Der Fotograf Robert Bösch erklärte hart: "Je besser die Bilder sind, umso weniger war die Expedition am Limit." Kein Fall regt die Szene so auf wie der Versuch des 20 Jahre alten Österreichers David Lama im vergangenen Jahr (Hier Fotos der Expedition) . An der Felsnadel des Cerro Torre in Patagonien, eines der weltweit schwierigsten Berge, wollte er die sogenannte Kompressorroute frei klettern. Sein Sponsor Red Bull drehte einen Film darüber.

Mehrere Bergführer versicherten zuvor die Route für die Kameraleute, bohrten zahlreiche Haken, hängten Fixseile. Als das Wetter sehr schlecht wurde, brach David Lama den Versuch ab. Um das Sündenregister vollzumachen, ließ die Mannschaft die Haken und die Fixseile am Berg. Was folgte, war ein weltweiter Aufschrei . Verrat der Ideale! Verschandelung! In diesem Winter soll auf Kosten von Red Bull versucht werden, die Bohrhaken zu entfernen. Der Film harrt seiner Fertigstellung.

Inszenierung und Tat gehen Hand in Hand

Das sei nicht mehr Abenteuer, das sei Spielfilm, hieß es in Brixen. Von Ausgesetztheit könne keine Rede sein, wenn der Rückweg versichert ist. Reinhold Messner zürnte, als gelte es den Leibhaftigen zu strafen. Lamas Fall ist auch deshalb exemplarisch, weil er einer der weltbesten Hallenkletterer war, der nun zum alpinen Klettern gewechselt ist – und die Methoden und Moral einer neuen Generation mitbringt, die eine ganz andere Ästhetik der Vermittlung gewöhnt ist. Der Mann saß in Brixen hilflos auf dem Podium und versuchte sich zu rechtfertigen. Er habe einen Fehler gemacht, sagte er. Aber er klettere doch frei, beachte alle Regeln, das Filmteam sei eine separate Seilschaft. Man wolle doch nur etwas Authentisches filmen.

Als Alexander Huber 2002 die mittlere der Drei Zinnen allein und ohne Seil bestieg, free solo, 500 Meter steilste Wand, gab es nur ein paar Fotos. Für seinen Sponsor Adidas stellte er die Besteigung nach, wer im Netz sucht, findet sofort den beeindruckenden Werbespot .

Kein Zweifel: Huber hat die Route geklettert, es ist eine seiner kühnsten Leistungen. Der Film zeigt etwas anderes. Die Südtirolerin Angelika Rainer durchstieg in den Dolomiten die Via Italia, stellte dies in Fotos für den Sponsor nach. Jetzt sagt sie: "Das versteht doch jeder, dass die Fotos nicht live gemacht werden."

Da ist etwas im Wandel. Inszenierung und Tat gehen ineinander. Die Vermarktung hält den alpinistischen Wahrheitsbegriffen nicht recht stand. Der enorm liebenswürdige Adam Ondra erinnerte bescheiden daran, dass in der Bergsteigerszene immer noch mehr ehrenwerte Menschen unterwegs seien als anderswo, auch deshalb klettere er.

In Jeans auf dem Mount Everest

Ohne Bilder gibt es keinen Erfolg. Die sprunghaft gewachsene Funktionskleidungsbranche nutzt sie allerorten aus, selbst das exponierte Bergsteigen sieht plötzlich aus, als sei es leicht, wenn man bloß die richtige Jacke trägt. Früher kletterte Bernd Kullmann auf die höchsten Berge. Er ist einer der wenigen, die in Jeans auf dem Everest standen (1978). "Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen, uns zu vermarkten", sagt er.

Heute ist er Geschäftsführer eines Rucksackherstellers und weiß, die Industrie verlangt perfekte Bilder und bekommt sie. Eben mit Schminke. "Wir müssen den Alpinismus neu definieren und Leistung ehrlich darstellen", sagt der Abenteurer und Extremkletterer Stefan Glowacz, und alle nicken.

Die Echtzeitbegleitung mit Kamera, Blogs, Facebook-Auftritt gehört dazu. Er hasste es zum Beispiel, in der Antarktis nach einem anstrengenden Tag im Zelt Blogeinträge zu schreiben, und nicht bloß, weil die Finger eiskalt waren. Besser aber, jeden Tag haarklein dokumentieren, was gemacht wurde, als hinterher behaupten, man wäre irgendwo gewesen, obwohl man es gar nicht war.

Es war im August 2010, als der Österreicher Christian Stangl auf den K2 ging, den schwierigsten Berg im Himalaya. Stangl ist "Skyrunner", er läuft in enormem Tempo auf die Berge, ohne Gepäck und Akklimatisierung. Auf seinem Gipfelfoto war Sonne und freier Himmel zu sehen. Er selbst zeigte keinerlei Anzeichen von Erschöpfung – nach 70 Stunden.

Aber an diesem Tag war schlechtes Wetter gewesen, und so kam es zum größten Skandal der letzten Zeit. Nachdem Bergsteiger am K2 keine Fußspuren gesehen hatten, musste Stangl einräumen, gar nicht auf dem Gipfel gewesen zu sein. Er redete vom Druck der Sponsoren und Medien, später von "einem tranceartigen Bewusstseinszustand", der ihn habe glauben lassen, auf dem höchsten Punkt zu stehen, als er etwa 1000 Meter tiefer war. Alexander Huber damals dazu : "So viel Mist auf einmal hat doch noch nie einer verzapft."

Im Kern geht es nicht um Betrug, sondern um Inszenierung von echter Leistung. Reinhold Messner, der ein großer Erzähler ist, fordert, dass wieder mehr erzählt statt nur gezeigt wird. Reine Gefühle sollen das Publikum packen, statt Showbilder mit Musik. Er schmeichelt damit natürlich sich selbst. Der Zug ist abgefahren. Weil es allen nutzt und dem Publikum gefällt, wird in Dokumentationen die Grenze zum Spielfilm sicher weiter aufgeweicht, das ist kein reines Alpinistenphänomen, sondern im Fernsehen oft die Regel. Die Profikletterer haben sich so eine überhängende Wand gebaut, die sie eigentlich hochzusteigen lieben. Aufzugeben kommt nicht infrage. Es muss weitergehen, the show must go on.

Die Reise wurde unterstützt von Südtirol-Marketing.