Milliardenbetrüger

An Weihnachten planten die Madoffs ihren Selbstmord

Die Frau von Milliardenbetrüger Madoff schreibt über die schlimmste Tragödie ihres Lebens und den Moment, als auch ihr Mann nach einem Suizidversuch wieder aufwachte.

Foto: pa/landov/dapd

Am Weihnachtsabend des Jahres 2008, so erzählt es Ruth Madoff, wickelten ihr Ehemann und sie selbst Abschiedsgeschenke in Papier – vor allem Schmuckstücke, die schon lange in ihrem Besitz waren. Ruth Madoff versuchte, ungefähr zu erraten, wie viel es kosten würde, die Päckchen an eine Handvoll Freunde und Verwandte zu schicken, und klebte entsprechend Briefmarken darauf.

In den Postpaketen steckten Kärtchen, auf denen sie um Verzeihung bat. Dann versuchten sie und ihr Ehemann herauszufinden, wie viele Schlaftabletten jeder wohl nehmen müsse. Ihr Ehemann, der zu diesem Zeitpunkt schon stadtbekannte Betrüger Bernie Madoff, ist ein großer kräftiger Kerl; sie ist eine kleine zierliche Blondine, also würde sie wohl weniger Tabletten benötigen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Nebel schon angefangen, sich zu lichten, die Konturen von Bernie Madoffs Verbrechen tauchten auf – und es war monströs. 18 Milliarden Dollar Bargeld hatte Madoff seinen Opfern abgeschwatzt, weitere 64,8 Milliarden in Wertpapieren.

Er hatte ihnen versprochen, er werde das Geld gewinnbringend investieren – in Wahrheit betrieb der New Yorker Börsenmakler das, was man in Amerika ein „Ponzi scheme“ nennt, also ein Pyramidenspiel oder Schneeballsystem. Madoff hatte das Geld seiner Klienten überhaupt nirgendwo angelegt, sondern dazu verwendet, das Betrugssystem am Laufen zu halten.

Psychologisch interessant ist dabei, dass Madoff in erster Linie Leute um ihr Geld beschwindelte, die ihm nahestanden. Er kannte seine Opfer, er schaute ihnen in die Augen.

Die meisten von ihnen waren Juden – Bernie Madoff selbst ist Jude, er sieht aus wie ein netter Onkel, der bei einer Bar-Mizwa-Feier in der Ecke steht und Witze erzählt; es gab jüdische wohltätige Einrichtungen, die ihm ihr Geld anvertraut hatten und so beinahe zahlungsunfähig wurden.

Presserummel, wütende Anrufe von ruinierten Klienten, Hass-Mails

Am 10. Dezember 2008 hatte Bernie Madoff seinen zwei Söhnen, Mark und Andrew, gestanden, dass das riesige Schloss seiner Finanzfirma aus Luft erbaut worden war und in den Wolken stand; Ruth Madoff hörte dieses Geständnis mit.

Die beiden Söhne verständigten umgehend die Polizei. Am nächsten Morgen wurde Bernie Madoff verhaftet. Dann kam der Skandal: Presserummel, wütende Anrufe von ruinierten Klienten, Hass-Mails, Gerüchte – war denn vorstellbar, dass Ruth Madoff und die Söhne wirklich von nichts gewusst hatten?

Bernie Madoff trug zu dieser Zeit längst eine elektronische Fußfessel, damit er nicht vor seinem Gerichtstermin die Flucht ergriff. Aber nicht das war es, was Bernie und Ruth Madoff nun in den versuchten Selbstmord trieb, jedenfalls nicht nur das. Es war die Entfremdung von ihren Söhnen. Sie hatten sich sofort von ihrem Vater losgesagt.

Und damit hatten sie auch ihrer Mutter den Rücken gekehrt. Das gab ihr den Rest. „Ich glaube, wir waren beide irgendwie erleichtert, diesen Ort zu verlassen“, sagte Ruth Madoff jetzt in einem langen Interview, das sie als ersten Einblick in ein Buch über das Familienleben der Madoffs der „New York Times“ gegeben hat („Truth and Consequences“ von Laurie Sandell, verlegt bei Little, Brown und Co.).

Ruth Madoff fügt hinzu: „Es war eine sehr spontane Entscheidung.“ Sie sagt aber auch: „Ich war froh, als ich am nächsten Morgen wieder aufwachte.“ Auf die Frage, wie sie sich fühlte, als ihr Ehemann wieder aufwachte, antwortet sie: „Ich weiß nicht, wie ich mich dabei fühlte, ich muss da ehrlich sein. Ich glaube, ohne ihn wäre es einfacher gewesen.“

Ruth Madoff besteht darauf, dass sie von den Betrügereien ihres Mannes nichts gewusst habe; auch ihre Söhne hätten nichts gewusst. Insofern ist das Buch auch als eine Art Ehrenrettung für sich und ihre Söhne zu verstehen. Wenn sie nicht lügt, dann hat ihr Mann das dunkle Geheimnis tief, tief in sich verschlossen.

Ruth wohnt heute äußerst bescheiden in einem geliehenen Haus

Sie lebt heute nicht mehr in Manhattan. Nachdem ihre gemeinsame Wohnung verloren ging, wollte kein Vermieter in New York sie mehr haben. Also zog sie nach Florida um; sie wohnt heute äußerst bescheiden in einem geliehenen Haus.

An vier Tagen in der Woche arbeitet die 70-Jährige umsonst für „Meals on Wheels“ eine Wohltätigkeitsorganisation, die alleinstehende ältere Menschen mit Essen versorgt.

In ihrem Interview spricht Ruth Madoff auch von der schlimmsten Tragödie ihres Lebens: dem Selbstmord ihres älteren Sohnes Mark. Er erhängte sich im Dezember 2010. Sie berichtet, wie sie ihren Mann im Gefängnis anrief – ein Gefängnisgeistlicher hatte ihm schon davon erzählt, es habe am Telefon eigentlich keine Worte gegeben, nur Tränen.

Diese Tragödie war der Grund dafür, dass sie endgültig mit ihrem Mann brach. „Du kannst mich nicht mehr anrufen“, habe sie ihrem Mann gesagt. „Ich werde nicht mehr antworten. Und ich werde dir nicht mehr schreiben. Und du kannst mir nicht mehr schreiben.“

Sie habe gefürchtet, durch fortgesetzten Kontakt mit ihrem Ehemann auch noch den Rest ihrer Familie zu verlieren. „Er verstand das“, sagt Ruth Madoff weiter. „Er schickt mir Zeitungsartikel. Zeitungsartikel, von denen er glaubt, ich könnte sie verpasst haben. Keine persönlichen Nachrichten, nichts.“ Ihr Sohn Andrew habe sie sogar gedrängt, sich scheiden zu lassen. Doch dazu war sie bislang nicht in der Lage.

Es scheint, dass Bernie Madoff, der sich einst in sein Verbrechen und seine Lügen eingekapselt hatte, jetzt erst in der tiefsten Einsamkeit angekommen ist. Seine Frau aber redet sich frei.