Augsburg

Polizist erschossen - Verdeckungsmord vermutet

In Augsburg wurde am Freitagmorgen ein Polizist erschossen. Die Täter waren zuvor offenbar durch die Routinekontrolle gestört worden, möglicherweise bei Drogengeschäften. Sie werden im Schwerkriminellenmilieu vermutet.

Foto: dpa / dpa/DPA

Es war finstere Nacht, 3 Uhr in der Früh, doch im Lichtkegel des Streifenwagens waren sie gut zu sehen. Der Polizist und seine Kollegin hatten eine wilde Verfolgungsjagd durch die Stadt hinter sich. Nun waren sie am Stadtwald angekommen und versuchten, die Flüchtigen zu stellen: ein Motorradfahrer und sein Sozius, die vor einer Routinekontrolle im Augsburger Stadtteil Hochzoll Süd geflohen waren. „Das war ein Tatablauf, den sich auch hartgesottene Ermittler nicht ohne Weiteres vorstellen können“, sagte später Oberstaatsanwalt Günther Zechmann. „Wie James Bond über die Lech-Brücke in Augsburg.“

Der 41 Jahre alte Polizist und seine Kollegin (30) ließen sich nicht abschütteln, irgendwann rutschte das Motorrad der Flüchtigen weg, die Polizisten standen nun zehn Meter von den Verdächtigen entfernt. Dann zog einer der beiden Männer eine großkalibrige Waffe und drückte ab. Das Motorrad ließen sie liegen – sie machten sich zu Fuß davon. Der Polizist, Vater von zwei Söhnen im Alter von 13 und 17 Jahren, trug eine kugelsichere Weste. Und seine Kollegin, die noch mehrere Schüsse auf die Flüchtenden abgab, rief sofort einen Rettungswagen. Doch die Kugeln trafen ihn tödlich, wahrscheinlich an Hals oder Kopf, schon wenige Minuten später erlag er seinen Verletzungen.

Nun ist der Augsburger Siebentischwald, sonst ein friedliches Erholungsgebiet am Lech, weiträumig abgesperrt. Hunderte Polizeibeamte, darunter Scharfschützen und Beamte des SEK, durchsuchen das weitläufige Gebiet am Hochablass und der Kanu-Olympiastrecke. Auch ein Polizeihubschrauber war im Einsatz, doch dichter Nebel erschwerte die Suche.

Weitere Gegenstände am Tatort

„Wir werden alles tun, um diese Mörder, die vermutlich der Schwerkriminellenszene zuzuordnen sind, dingfest zu machen“, kündigte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) an. „Ich bin tief betroffen über diese skrupellose und kaltblütige Tat“, sagte er noch.

Ein wichtiges Beweisstück ist das Motorrad, eine anthrazitfarbene Honda CB 500 mit gelben Mustern auf dem Tank und auf den Seitenteilen, das die Täter zurückließen. Bei dem Kennzeichen allerdings handelte es sich um eine Dublette, die Nummer A-L-307 führte nicht zu den Tätern, weil sie offiziell schon im April abgemeldet worden war. Das Motorrad wurde nach Einschätzung der Polizei vermutlich mehrere Tage im Augsburger Raum gefahren. Die Beamten rechnen deshalb mit Hinweisen aus der Bevölkerung. Doch die Täter ließen noch weitere Gegenstände zurück, welche genau, wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht verraten. Man gehe aber davon aus, sagte Polizeipräsident Gerhard Schlögl, dass auch DNA-Spuren darunter sein würden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) zeigte sich erschüttert über den gewaltsamen Tod des 41-Jährigen. „Unser tiefes Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen“, sagte der Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut in Berlin. „Das Wichtigste ist nun erst einmal, die beiden Täter zu fassen und den Angehörigen des Opfers die Hilfe zukommen zu lassen, die sie benötigen.“

Große Betroffenheit herrscht auch beim bayerischen GdP-Landesverband. „Obwohl man um dieses enorm hohe Risiko als Polizist natürlich weiß, ist es dennoch furchtbar, solchen Vorfällen relativ hilflos gegenüberzustehen“, sagte Landeschef Helmut Bahr. Auch die beteiligte Polizeibeamtin müsse bestmöglich betreut werden. Die Beamtin erlitt selbst einen Streifschuss an der Hüfte, dass sie die Täter beim Schusswechsel verletzte, ist jedoch unwahrscheinlich.

Man müsse nun prüfen, „welche Konsequenzen möglicherweise aus diesem Vorfall gezogen werden müssen“, forderte Bahr. Seit 1945 wurden laut GdP 392 Polizisten getötet. Der letzte Polizistenmord ereignete sich im Jahr 2007 in Baden-Württemberg. Damals wurde eine 22 Jahre alte Polizeibeamtin in Heilbronn erschossen. Die Soko „Parkplatz“ war jahrelang einem Phantom mit weiblicher DNA in Süddeutschland, Österreich und Frankreich hinterhergejagt, bis sich herausstellte, dass bei den DNA-Analysen Wattestäbchen verwendet wurden, die alle aus demselben süddeutschen Unternehmen stammten und genetische Spuren einer Mitarbeiterin trugen. Diese wurden bis März 2009 an insgesamt 40 verschiedenen Tatorten gefunden. Vom Täter fehlt bis heute jede Spur.

Gute Ortskenntnisse

Beim aktuellen Fall in Augsburg vermutet Oberstaatsanwalt Günther Zechmann einen Verdeckungsmord. Offenbar seien die Täter durch die Routinekontrolle gestört worden, möglicherweise bei Drogengeschäften. Die Täter, die offenbar über gute Ortskenntnisse verfügen, vermutet er im Schwerkriminellenmilieu.

Die baden-württembergische Polizei hat anlässlich des Todesfalls noch einmal deutlich auf die Gefahr bei Routineeinsätzen hingewiesen. Die sogenannte Eigensicherung spiele deshalb im Polizeialltag eine große Rolle, sagte ein Sprecher des Innenministeriums in Stuttgart. Das Tragen von Schutzwesten sowie ein vorsichtiges Agieren seien wichtig. Dies sei für die Polizeibeamten selbstverständlich.

Die Hinterbliebenen des zweifachen Familienvaters werden psychologisch intensiv betreut.