Claude Dray

Mysteriöser Mord an französischem Milliardär

Claude Dray, Eigentümer des "Hotel de Paris" in St. Tropez, war einer der reichsten Männer Frankreichs. Sein Butler fand ihn mit drei Kugeln im Nacken. Was ist geschehen?

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Die Villa Madrid ist eine Festung. Luxuriöse Anwesen gibt es viele hier, im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine, aber kaum eines ist so hermetisch gesichert wie das Anwesen des Milliardärs Claude Dray: Videokameras und Infrarotsensoren registrieren jede Bewegung, Polizeistreifen und Sicherheitsdienste patrouillieren regelmäßig vor dem denkmalgeschützten Gebäude auf und ab.

Drays Mörder schaffte es dennoch bis ins Schlafzimmer. Dort erschoss er den 76-Jährigen in der Nacht zu Dienstag – und verschwand dann ebenso spurlos, wie er eingedrungen war.

Die Pariser Ermittler stehen vor einem Rätsel. Der Mord an dem schwerreichen Unternehmer gilt als hochsensibler Fall; nicht nur, weil es einen Prominenten getroffen hat, sondern auch, weil die Todesumstände gerade in dieser wohlhabenden Gegend in mancher Hinsicht einem film noir entliehen scheinen.

Dray wurde am Montagabend von seinem Butler das letzte Mal lebend gesehen; der Bedienstete war es auch, der den Milliardär am nächsten Morgen leblos ausgestreckt auf dem Fußboden fand, nur mit T-Shirts und Shorts bekleidet. Nichts deutete auf einen Einbruch oder einen Kampf hin. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei hatte der Täter drei Kugeln auf den Milliardär abgefeuert; eine davon traf ihn im Hals.

Tatwaffe blieb unauffindbar

Hülsen des Kalibers 7,65 Millimeter lagen Medienberichten zufolge nahe der Leiche – die Tatwaffe blieb unauffindbar. Die ahnungslosen Hausangestellten, die sich in der Villa aufhielten, hatten keine Schüsse gehört; offenbar war die Pistole, die laut den Ermittlern rund 15 Jahre alt sein soll, mit einem Schalldämpfer ausgestattet. Auch deshalb vermuten die Ermittler, dass es sich um einen professionellen Mord handelt – und nicht etwa um einen missglückten Diebstahl.

Auszuschließen ist Letzteres allerdings nicht ganz, hatte Dray die Villa Madrid doch als Galerie für seine beachtliche Kunstsammlung genutzt. Der gebürtige Algerier aus Oran hatte das Pariser Anwesen 1990 gekauft; er lebte hier mit seiner Frau Simone, die sich zur Tatzeit in den USA aufhielt, wo sie zeitweilig mit ihrem Ehemann in Florida gelebt hatte. Der gebürtige Algerier war in erster Linie Hotelier.

In Oran hatte er als junger Mann Betriebswirtschaft studiert und anschließend in den Sechzigerjahren die Hotelkette „Cidotel“ gegründet. Bald kam eine Parfümeriekette hinzu, außerdem stieg Dray in eine Immobiliengesellschaft ein.

„Hôtel de Paris“ soll erst im Frühjahr 2012 öffnen

Vor zehn Jahren hatte er das marode „Hôtel de Paris“ in Saint-Tropez erworben, um es glanzvoll wiederaufzubauen. Rechtliche Streitigkeiten mit der Gesellschaft Immogroup, die Dray nicht als Eigentümer anerkannte, zwangen ihn, die Renovierungsarbeiten jahrelang aufzuschieben. Die Fertigstellung des luxuriösen Domizils an der Côte d'Azur wird sein Eigentümer nun nicht mehr miterleben – es soll erst im kommenden Frühjahr eröffnen.

Neben dem „Hôtel de Paris“ gehörten Dray weitere namhafte Häuser, unter anderem in Tel Aviv und in Miami. Dort hatte Dray das berühmte „National Hotel“ in South Beach erworben: einen Bau im Art-Déco-Stil, der auch in der Villa Madrid in Neuilly vorherrschte – Simone Dray hatte sich von der Vorliebe ihres Großvaters inspirieren lassen.

Die Eheleute Dray galten als namhafte Möbel- und Kunstsammler, die häufig in renommierten Auktionshäusern anzutreffen waren und zahlreiche Kunstwerke erwarben, darunter etwa auch Werke von Nicki de Saint Phalle. Vor fünf Jahren versetzte das Ehepaar die Kunstwelt in Aufregung, als es den Großteil seiner Sammlung bei Christie's zum Verkauf anbot und eine Rekordsumme von 59,7 Millionen Euro erzielte.

Ein Satz wie eine düstere Vorahnung

Simone Dray hatte damals erklärt, das Vermögen sollte den vier Töchtern und sieben Enkelkindern des Ehepaares zugute kommen: „Wir denken, dass es besser ist, alles zu verkaufen, solange wir noch leben.“ Ein Satz, der im Nachhinein fast wie eine düstere Vorahnung klingt.

Tatsächlich war Claude Dray in den vergangenen Jahren schon einmal bedroht worden. Wie die Zeitung „Le Parisien“ nun berichtete, hatten Unbekannte den Unternehmer im Jahr 2009 bedroht und zu erpressen versucht. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, stellte sie im Frühjahr 2010 aber ergebnislos wieder ein.

Auch zu der jetzigen Bluttat hält sich die Polizei bedeckt: Die Leiche des Unternehmers wurde am Mittwoch obduziert, das Ergebnis, hieß es, ließe aber zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Schlussfolgerung zu. Den Verschwörungstheorien tut das keinen Abbruch: Vielleicht, so wird spekuliert, hatten der oder die Täter noch eine Rechnung mit Dray zu begleichen – und womöglich öffnete der Milliardär seinem Mörder sogar selbst die Tür.