Zoff ums Lösegeld

Mutter schützt Drach – "So gefährlich ist er nicht"

Der Reemtsma-Entführer Drach hat Rückendeckung von seiner Mutter bekommen. Es war ein Wiedersehen nach Jahren. Sie erzählte auch von heftigem Streit mit Drachs Bruder.

Es ist ein Wiedersehen nach Jahren. Vorsichtig lächelnd streckt der 2001 verurteilte Reemtsma-Entführer Thomas Drach seiner Mutter die Hand entgegen, als sie im Hamburger Gerichtssaal auf ihren Sohn zugeht.

Zaghaft berührt die 75-Jährige – die Kapuze der schwarzen langen Winterjacke tief über den Kopf und die dunkle Sonnenbrille gezogen – mit einer Hand die Wange ihres ältesten Sohnes. Fast berühren sich die Wangen der beiden, ehe die 75-Jährige vor Richterin Ulrike Taeubner Platz nimmt.

Seit Thomas im Januar 2008 in die Justizvollzugsanstalt Hamburg-Billwerder verlegt wurde, hat sie ihren Sohn nicht mehr gesehen. Sie wohne so weit weg, auch seien die Besuche umständlicher geworden, sagt die schlanke Frau mit den blonden kurzen Haaren zur Begründung. In Kontakt sei sie dennoch mit ihm geblieben. Von dessen Anwalt Helfried Roubicek habe sie den neuerlichen Vorwurf gegen Thomas erfahren.

Die Anklage vor dem Hamburger Landgericht wirft dem Schwerkriminellen dieses Mal vor, aus dem Gefängnis heraus in Briefen einen Freund zur räuberischen Erpressung seines eigenen Bruders angestiftet zu haben. Zu der Tat kam es nicht, weil Justizbeamte die Briefe abfingen und an das Landeskriminalamt weiterleiteten.

14 Lebensjahre ausgelöscht

Laut Anklage heißt es in einem Brief von Drach an seinen Freund: „Wenn du nichts zu tun hast, dann fang mal meinen Bruder ab. Er hat sechs Monate Zeit, 30 Millionen Euro zu besorgen.“ Kurz darauf soll er seiner Mutter geschrieben haben: „Ich will nicht, dass die Ratte auch nur einen Euro von meinem Geld ausgibt.“

Sein Bruder habe 14 Jahre seines Lebens ausgelöscht. Und wenn er raus sei, mache er ihn platt, heißt es weiter. Drach gibt zu, die Briefe geschrieben zu haben. Den Tatvorwurf hingegen bestreitet er.

Direkt von ihrem Sohn angesprochen, ob sie sich vorstellen könne, dass er sie zur Erpressung von Lutz mit anstiften könnte, antwortete Helga Drach: „Das könnte ich gar nicht.“ Auch würde er ihr das nicht zumuten.

Ohnehin redet die 75-Jährige in klaren Worten, wirkt gefasst, als sie die Kindheit ihrer beiden – tief zerstrittenen Söhne - beschreibt. Thomas' Kindheit sei „eigentlich sehr gut verlaufen“. Weder sei er besonders auffällig gewesen, noch habe er sich geprügelt oder irgendwann einmal Verrücktes geäußert. „Rennfahrer wollte er werden, so mit zwölf Jahren etwa“, sagt sie fast sanft mit einem Lächeln. Auch später noch habe er eine Vorliebe für schnelle Rennwagen gehabt.

Irgendwann rutschte Thomas Drach ab

Doch irgendwann rutscht Thomas Drach ab, bricht seine Lehre zum Kfz-Mechaniker ab, klaut Autos und begeht schwere Straftaten bis hin zur Entführung des Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma am 25. März 1996.

Nach Jahren der Flucht wird Drach 1998 in Argentinien festgenommen und 2001 in Hamburg als Strippenzieher der Tat wegen erpresserischen Menschenraubes zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der Großteil des Lösegeldes ist bis heute verschwunden.

Dass der jüngste Prozess gegen Thomas Drach neue Erkenntnisse zu dem Geld bringt, ist laut Beobachtern unwahrscheinlich. Bereits am ersten Verhandlungstag hatte der Angeklagte keinen Hehl daraus gemacht, dass er diesbezüglich weiter schweigen werde. Und Helga Drach? „Ich weiß nicht, ob noch irgendwo Geld ist“, sagt sie.


Deutlich ist jedoch, dass das Lösegeld aus der Reemtsma-Entführung einen Keil zwischen Thomas und Lutz getrieben hat. Lutz Drach, wegen Geldwäsche verurteilt, ist seit Mai 2009 auf freiem Fuß. Thomas könnte frühestens am 21. Juli 2012 entlassen werden.

Lösegeld trieb Keil zwischen die Brüder

In letzter Zeit habe es richtig Streit zwischen ihren Söhnen gegeben, sagt Helga Drach. „Es geht um dieses Geld aus der Reemtsma-Entführung. Thomas denkt, dass Lutz das Geld hat. Das stimmt aber nicht“, sagt die 75-Jährige.

Das habe ihr Lutz gesagt. Sie glaube, dass Drach nur wegen der langen Einzelhaft manchmal ausraste; auch seine derbe Sprache komme daher. Aber so gefährlich sei Thomas nicht, auch wenn er manchmal Wut habe. Auch der Freund sagte, Drach sei frustriert und die Einzelhaft belaste ihn. „Ich kann das auch nachvollziehen. Da stauen sich Aggressionen auf, und die müssen dann raus.“

Nach Angaben einer JVA-Angestellten kann Drach aber durchaus Kontakt zu anderen Häftlingen haben. Er lehnt dies jedoch kategorisch ab. Er habe Angst, dass es sich um Spitzel handele.