Insel Fatu Hiva

Der tote Deutsche – Menschenfresserei im Paradies?

Noch ist das Verschwinden des deutschen Seglers auf den Marquesas aber ungeklärt. Die Insel Fatu Hiva ist Schauplatz des berühmtesten Romans über Kannibalen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Geschick und Geduld braucht, wer sich mit seiner Yacht in die Bucht vor Hakaui hineintragen lassen will, durch das vorgelagerte Riff. Die Passage ist schmal und man sollte es tunlichst bei Flut versuchen, am besten sich im entscheidenden Moment von einer Surf-Welle hinüber tragen lassen.

Doch es gibt keine andere Möglichkeit, das Dörfchen an der Südküste von Nuku Hiva zu erreichen, eine Straße gibt es nicht, zu hoch, zu steil sind die Berge dieser Insel in der Gruppe der Marquesas im Ostpazifik, halb so groß wie Berlin und durchzogen nur von einer einzigen kurvigen Landstraße. Ein abgelegener Ort in einem abgelegenen Archipel Französisch Polynesiens .

Sechs, acht Häuser machen Hakaui aus. Wer über den schwarzen Strand hinaufgeht, trifft auf verhaltene Exotik. Wellblechhütten, verstreut auf dem rötlichen Vulkanboden, dazwischen offene Unterstände auf Beton, in denen Kokosnüsse lagern für die Kopraproduktion; Bananenbäume, Frangipani in voller Blüte, galoppierende Ferkel, dösende Hunde, schmorende Feuer aus Kokosnuss-Schalen, freundliche Menschen in westlicher Kleidung, wenn auch nicht im Sonntagsstaat – das alles bei Hahnenschrei und Transistormusik.

Die Suche nach dem Paradies geht schief

Wer hierin das Paradies sehen will, von dem bei den Marquesas immer wieder die Rede ist, braucht Phantasie. Oder er muss früh aufstehen, um das flimmernde Licht zu erheischen, wenn es so zauberhaft über die Berge hinabkommt. Am besten sonntags morgens, weil dann die ergreifenden, mehrstimmigen Gesänge, die für Polynesien so typisch sind, aus dem Dorfkirchlein dringen und dem Besucher ans Gemüt gehen.

Irgendwo in dieser Idylle hat sich vor einer guten Woche Arihano Henri H. aus Taiohae, dem Nachbarort an der Küste acht Kilometer weiter, mit dem deutschen Yachtsegler Stefan R. verabredet, um auf die Jagd zu gehen. Der Abschuss verwilderter Ziegen – bis auf ein paar ausgebüxte Pferde die einzigen Säugetiere im Busch – ist erwünscht, weil sie Schäden an den Pflanzen anrichten.

Sie zogen los, das Tal hinauf, Richtung großer Wasserfall. Aber zurück kehrte dann allein der Mann aus Taiohae. Er suchte die Freundin des Deutschen auf, lockte sie unter einem Vorwand, ihr Freund sei verletzt zurück geblieben, in den Wald und belästigte sie sexuell, fesselte sie an einen Baum. Sie konnte sich befreien und die Polizei benachrichtigen.

Bald fand ein Suchtrupp weiter oben im Tal eine Feuerstelle mit menschlichen Überresten, angeblich Knochen, ein Gebiss und anderes, was die Polizei bald mit dem vermissten Deutschen in Verbindung brachte. Der einheimische Jäger blieb – bis Dienstag jedenfalls – verschwunden. Den örtlichen Behörden kam der Verdacht, der Deutsche könne einem Akt von Kannibalismus zum Opfer gefallen sein.

Die Blätter in Europa und besonders in Großbritannien sprangen an auf das Thema, malten sich die Situation aus, suchten nach Parallelen aus der polynesischen Geschichte. Menschenfresserei im Paradies. Am Dienstag dann, um die Mittagszeit, die Meldung einer französischen Nachrichtenagentur: Der Staatsanwalt aus Papeete, Hauptstadt Französisch Polynesiens auf Tahiti, habe erklärt, es handele sich „auf keinen Fall“ um Kannibalismus .

Menschenopfer eher unwahrscheinlich

Die menschlichen Hinterlassenschaften allerdings stammten mit hoher Wahrscheinlichkeit von Stefan R. Warum Kannibalismus nun ausgeschlossen werde, trotz jener Funde an der Feuerstelle und trotz der Unauffindbarkeit von Arihano H., blieb zunächst unklar. Womöglich waren allein die positiven Hinweise nicht mehr so stichhaltig. Immerhin Grund genug für die Anthropologin Marie-Noëlle Ottino-Garanger, die Medienberichte über Kannibalismus als „typische Hirngespinste einiger Europäer“ zu bezeichnen, die die einheimische Bevölkerung beleidigten. Auf der Inselgruppe der Marquesas gebe es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts keine Menschenopfer mehr, sagte sie.

Allerdings: In Mitteleuropa dürfte der Kannibalismus noch erheblich länger aus der Mode gekommen sein, doch auch hier kommen alle paar Jahre spektakuläre Fälle ans Licht. Frische menschliche Knochen an einer Feuerstelle sind jedenfalls eine außergewöhnliche Situation – die im Übrigen hierbei laut Agenturmeldungen zuerst von polynesischen Behörden mit dem Verdacht auf Menschenfresserei in Verbindung gebracht wurden.

Behörden freilich, die zur französischen Kolonialverwaltung gehören. Allerdings ist auch die Zeitung „La Depeche de Tahiti“ in französischer Hand, die in ihrer Dienstag-Ausgabe nun schweres Geschütz auffuhr: Die Sache sei jetzt filmreif, „400 Medien in Europa“ hätten von Kannibalismus geschrieben, eine englische Boulevard-Zeitung sogar von der Gewohnheit des örtlichen „Stammes“, die dieser aber schon vor einiger Zeit aufgegeben habe. Immerhin.

Inzwischen hat sich auch der Bürgermeister von Taiohae, Benoit Kautai, zu Wort gemeldet: Arihano H. würde so etwas auf der Insel niemand zutrauen, auch wenn er schon mal wegen Diebstählen aufgefallen sei, sagte er der Zeitung „La Nouvelles de Tahiti“. Der Mann sei begeisterter und guter Kanufahrer – die alte, traditionelle Sportart der Polynesier. Traditionell wie einst, vor Jahrhunderten, der Kannibalismus?

Gab es Kannibalismus überhaupt?

Noch nicht lange her ist der Dogmenstreit der Völkerkunde, ob es Kannibalismus überhaupt gegeben habe. Um den Ruf der Naturvölker besorgte Forscher stritten dies rundweg ab. Der Streit ist beendet, seit man bei der mikrobiologischen Untersuchung von sterblichen Überresten mehrfach zweifelsfrei feststellen konnte, dass die entsprechenden Personen zu Lebzeiten Menschenfleisch zu sich genommen hatten.

Auf einem Gebiet wurde der Kannibalismus nie angezweifelt: in der Weltliteratur. Zufall oder nicht? Die Insel Nuku Hiva ist Schauplatz des wohl anrührendsten Romans zum Thema: „Typee“ von Herman Melville. Er schildert darin fiktiv, wie er mit seinem Kameraden geflüchtet sei. Nicht von der Insel der Kannibalen, sondern von seinem Schiff mit dem untragbaren Kapitän – ausgerechnet nach Nuku Hiva, in ein ähnliches Tal im Osten.

Von Anfang an hat er die Insulaner in Verdacht, hinter seinem Rücken der Menschenfresserei nachzugehen. Will er genauer hinschauen, hört er nur: „Tabu“. Nach einer Weile legt sich seine Befürchtung, er glaubt, niemand sei Kannibale auf Nuku Hiva, beginnt eine Romanze mit der schönen Fayaway – und muss dann eines Tages doch feststellen, dass sein Stamm nach einem kurzen Krieg mit dem Nachbartal sehr wohl vier getötete Feinde verzehrt.

Letzte Klarheit im aktuellen Fall erwarten sich die Ermittler nach genetischen Untersuchungen der Funde an der Feuerstelle. Und nach einem Verhör mit dem flüchtigen Kanuten Arihano H.

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