Reemtsma-Entführer Drach

"Fehlt nur ein Euro, mache ich die Ratte platt"

Zehn Jahre nach der ersten Festnahme steht Reemtsma-Entführer Thomas Drach wieder vor Gericht. Der Prozess offenbart einen Bruder-Zwist.

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Es ist nicht eben wenig, was die Hamburger Justiz auffährt und wen sie bemüht, wenn es mal wieder heißt: Thomas Drach ante Portas. Rigide Sicherheitsschecks, bewaffnete Polizisten und mit schusssicheren Panzerglasscheiben ausgestattete Gerichtssäle gehören unbedingt dazu. Doch rückt der ganze Aufwand in ein seltsames Licht, wenn dann plötzlich der Prozess beginnt, aber der Angeklagte fehlt. Und so hieß es am Donnerstag bis zum Nachmittag: Wo steckt Thomas Drach?

Noch in der Justizvollzugsanstalt Billwerder, klärt das Landgericht auf. Drach sollte eine Schlafbrille tragen, damit er den Fahrtweg von Billwerder zum Gericht nicht sehen kann. Doch Drach habe sich geweigert. Nach einer halben Stunde Beratung trifft die Kammer einen Beschluss: Drach soll zwangsweise vorgeführt werden – mit Schlafbrille.

Thomas Drach wollte nicht wieder vor Gericht

Zwei Stunden später als geplant erscheint Drach im Gerichtssaal. Er trägt eine graue Windjacke, Turnschuhe, eine schwarze Jogginghose. Äußerlich hat er sich seit dem Prozess um die Entführung des Sozialforschers und Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma kaum verändert, fast zehn Jahre liegt der zurück. Die Haare sind lichter geworden und an den Schläfen ergraut, auf eine Brille verzichtet Drach inzwischen. Dann lässt er sich auf seinen Stuhl fallen. "Ich finde es schön, dass es doch noch geklappt hat", sagt die Richterin Ulrike Taeubner freundlich. Drach brummt nur unwillig.

Immer, wenn der 51-Jährige vor Gericht steht, gilt die höchste Sicherheitsstufe. Prozessbeobachter werden über einen Nebeneingang in den Hochsicherheitssaal gelotst, einige müssen beim Check an der Schleuse sogar ihre Schuhe ausziehen. Die Vorsicht kommt nicht von ungefähr: Die Behörden wissen um die Ausgebufftheit des notorischen Schwerverbrechers, der 1996 den Sozialforscher und Multimillionär Jan-Philipp Reemtsma entführte, ihn 33 Tage lang, angekettet wie ein Tier, in einem Keller gefangen hielt und schließlich 15,3 Millionen Euro Lösegeld von ihm erpresste.

Nur rund eine Million Euro sind bisher aufgetaucht, bis heute hat Drach zum Verbleib des Geldes geschwiegen – offenbar, um nach der Haft ein fettes Polster fürs Alter zu haben. Im März 2001 verurteilte ihn das Landgericht zu 14,5 Jahren Haft, im April sollte er Anfang 2013 sollte er freikommen. Eigentlich.

Verfahren könnte Drachs Pläne durchkreuzen

Denn womöglich werden die Karten gerade neu gemischt. Drach muss sich erneut verantworten, wegen "Anstiftung zur versuchten räuberischen Erpressung". Offenbar aus Angst, sein Bruder und einstiger Komplize Lutz Drach könne die Lösegeld-Millionen "für eigene Zwecke verschleudern", habe er geplant, ihn über Dritte zur Herausgabe der noch versteckten Lösegeldmillionen zu nötigen.

Das aktuelle Verfahren könnte Drachs Endspiel sein. Sollte er zu mindestens zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt werden, droht ihm eine Sicherungsverwahrung – und käme wohl nie wieder auf freien Fuß. Sein Verteidiger hingegen gibt eine 17 Punkte umfassende Erklärung ab: Das Verfahren sei einzustellen, schon die Anklage eine Farce. Die Straftat existiere ausschließlich in der Vorstellungswelt der Staatsanwaltschaft. Dem Angeklagten Thomas Drach fehle ein Motiv, zumal er um die notorische Geldknappheit seines Bruders gewusst habe. Und das mutmaßliche Opfer Lutz Drach habe ihm gegenüber schriftlich mitgeteilt, dass er sich "nie bedroht" von seinem Bruder gefühlt habe.

Die Anklage leitet ihre Vorwürfe aus vier Briefen ab, die Drach im Gefängnis kurz vor der Entlassung seines wegen Geldwäsche im Zusammenhang mit dem Lösegeld verurteilten Bruders an seine Mutter Helga und seinen auf Ibiza lebenden Freund Hans-Georg M. geschrieben hatte. Zwei wurden abgefangen, zwei erreichten die Empfänger. Es sind Pamphlete, die nur so strotzen vor Fäkal- und Gossenjargon – ein Umstand, den Drachs Verteidiger auf die Widrigkeiten der seit mehr als zehn Jahren währenden Isolationshaft zurückführt.

Drachs "familieninterne Angelegenheit"

In einem Brief vom 15. Februar 2009 erteilt Drach Instruktionen: "Wenn du nichts zu tun hast, dann fang mal meinen Bruder ab. Er hat sechs Monate Zeit, 30 Millionen Euro zu besorgen". Er traue der "Ratte" nicht, Hans-Georg K. könne ihn ja mit "zwei Leuten aus Spanien" abholen und ihm "das Maul stopfen". 14 Jahre, jammert Drach weiter, habe er ihn ausgehalten. "Fehlt nur ein Euro, mache ich die Ratte platt."

Dafür, dass Drach gar nicht aussagen will, macht er viele Angaben. Sein Bruder habe sich an eine "geschäftliche Absprache" nicht gehalten, er schulde ihm Geld, aber die in den Briefen angemahnten 30 Millionen Euro sei nur eine "fiktive Schadenssumme". Im Übrigen handele es sich um eine "familieninterne Angelegenheit", referiert Drach. Am kommenden Montag will das Gericht über den Einstellungsantrag entscheiden.