Erdbeben in der Türkei

Verletzte sterben, doch Ankara will keine Hilfe

Tausende Menschen wurden unter den Trümmern der Häuser in Van begraben. Manche schöpften Hoffnung und wurden gerettet. Wenig später mussten auch sie sterben.

Als er vom Erdbeben in Van erfuhr, rief Adem Ilhan seinen Bruder Celik an. Adem arbeitet in Istanbul, aber sein Bruder lebt in Van – lebte zumindest, bis kurz nach dem Erdbeben. "Celik nahm den Anruf an, und ich war erst erleichtert", berichtete Adem einem Reporter. Die Erleichterung wich Entsetzen, als Celik sagte, wo er war: Unter den Trümmern eines Kaffeehauses in Ercis, eine Stadt nicht weit von Van, die am schwersten von dem Beben verwüstet wurde .

Sein Arme sei zerschmettert und eingeklemmt, sagte Celik, er habe kaum Luft zum Atmen. Adem hielt die Verbindung und versuchte, aus dem fernen Istanbul Hilfe zu organisieren. Aber nach einer Stunde wurde Celik Stimme schwächer. Als Adem am nächsten Tag nach Van flog, war es, um den Bruder zu beerdigen.

Fast 300 Tote, das ist die vorläufige Bilanz des drittschwersten Bebens, das die Türkei jemals erlebte. Mehr als 1300 Menschen sind verletzt. Die Geschichten der Toten und der Geretteten füllen die türkischen Medien, und wie immer, wenn die Natur zuschlägt, fällt es schwer, zu begreifen, wieso der eine weiterleben durfte – und der andere sterben musste.

Tausende von Mobiltelefonen wurden am Tag des Bebens und in den Stunden danach zum Boten von Hoffnung, Verzweiflung und, für die Glücklichsten, Erleichterung . Auch der 19-jährige Yalcin Akay hing nach dem Beben am Telefon; er hatte die Geistegegenwart, den Polizeinotruf 155 zu wählen. Er steckte in den Trümmern eines eingestürzten, sechsgeschossigen Gebäudes in Van. Am Ende gehörte er zu den Geretteten.

Für einen Mann sollte es offenbar der Tag sein, an dem Gott ihn zu sich rief, egal wie oder wo. Der 58-jährige Mustafa Yardimci war am Tag des Bebens nach Ercis gefahren, um Freunde zu treffen. Gemeinsam aßen sie in einem Lokal zu Mittag; als die Erde zu beben begann, beendeten sie die Mahlzeit gerade mit einem Glas Tee. Das Lokal stürzte über ihnen ein.

Er hatte Glück, durfte er 15 Stunden später kurz glauben – in den frühen Morgenstunden grub man ihn lebend aus dem Trümmern. Sein Bein war gebrochen, aber sonst ging es ihm den Umständen entsprechen gut. Er sprach noch mit einem Neffen, dann lud man ihn in einen Krankenwagen, um ihn in ein Hospital in der Stadt Erzurum zu bringen.

Das einzige Krankenhaus in Ercis war vom Beben so beschädigt worden, dass man Patinten nur im Hof behandeln kann, in hastig errichteten Zelten. Die Fahrt nach Erzurum wurde für Zardimci jedoch eine Fahrt in den Tod, dem er eben noch entronnen zu sein schien. 25 Kilometer vor dem Ziel starb er an einem Herzinfarkt. Yardimci hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Kismet – Schicksal, sagt man in der Türkei zu so etwas. Man kann dem Willen Gottes nicht entrinnen. Was sein Wille ist, und warum er Erdbeben schickt, das fragten sich wohl auch fünf verschüttete Schüler einer Koranschule, die nach Angaben des Religionsdirektorates Diyanet am Montag noch lebten, aber noch nicht geborgen waren.

Zum ikonischen Bild der Katastrophe wurde das Foto eines 13-jährigen Jungen namens Yunus, der lebend gefunden wurde, aber erst nach Stunden aus den Trümmern befreit werden konnte. Man legte ihm so lange ein Kissen unter den Kopf. Hinter ihm ragte die Hand eines Toten aus den Betonbrocken; ein Fotograf erwischte den "perfekten" Winkel, um es so aussehen zu lassen, als liege die tote Hand schützend, segnend auf der Schulter des hoffenden Jungen.

Für jene, die noch nach ihren Freunden und Verwandten suchen, hat nicht nur der Rote Halbmond, sondern auch die Internetfirma Google einen Suchdienst bereitgestellt. Dort kann man angeben, nach wem man sucht, oder über wen man Informationen hat; bis Montag Nachmittag wurden über diesen Suchdienst mehr als 2200 verschiedene Angaben verfolgt.

Häftlinge kehren freiwillig ins Gefängnis zurück

Auch 200 Häftlinge eines örtlichen Gefängnisses suchten ihre Familien im großen Durcheinander und Wehklagen der Nacht von Montag auf Dienstag. Das Beben hatte eine Mauer der Haftanstalt einstürzen lassen, und sie waren ins Freie geströmt. In der Türkei sind Häftlinge typischerweise nicht in Einzelzellen untergebracht, sondern in großen Räumen mit vielen Insassen.

Am nächsten Morgen waren viele von ihnen wieder zurückgekehrt, freiwillig, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass ihre Angehörigen wohlauf waren. Es ist nicht bekannt, ob die Justiz ihnen die beherzte Suche nach den Ihren, und die brave Rückkehr danach, haftmindernd als "gute Führung" gutschreiben will.

Erdogan gibt sich abweisend

Ob "gute Führung" auch auf die türkische Regierung zutrifft, dass wird sicher in den nächsten Tagen diskutiert werden. Medial wirksam reiste Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan noch am Abend der Katastrophe ins Krisengebiet.

Aber Ankara hat internationale Hilfsangebote insbesondere aus Israel bislang ausgeschlagen. Man habe "bislang" alles im Griff, sagt die Regierung, die Opferbilanz sei "nicht so erschreckend, wie zunächst befürchtet", und auch die medizinische Versorgung ist, so Gesundheitsminister Recep Akdag ausreichend. Es bestehe kein Anlass, Verletzte in entferntere Krankenhäuser zu bringen. Doch Mustafa Yardimci starb im Krankenwagen auf dem Weg nach Erzurum.