Erdbeben in der Türkei

Pfusch am Bau soll Katastrophe verschlimmert haben

Nach dem Erdbeben in der Türkei steigt die Zahl der Toten stündlich. Aus dem ganzen Land werden Helfer zusammengezogen. Nachbeben verunsichern die Bevölkerung.

Einen Tag nach dem Erdbeben in der Türkei ist die Zahl der Toten am Montag auf 265 gestiegen. Außerdem seien 1140 Menschen verletzt, berichteten türkische Fernsehsender unter Berufung auf Innenminister Idris Naim Sahin. Nach dem Beben der Stärke 7,2 in der östlichen Provinz Van wurde weiter nach Überlebenden gesucht.

Der Innenminister erklärte, in der Stadt Ercis würden noch in den Trümmern von etwa 40 Gebäuden Menschen vermutet. Katastrophenschützer setzten am Montag auch schweres Räumgerät ein, um Verschüttete aus Trümmern zu bergen.

Der Krisenstab der Regierung erklärte, in dem Erdbebengebiet in der Provinz Van seien insgesamt 970 Gebäude zerstört worden. Mitverantwortlich dafür soll auch eine mangelhafte Bausubstanz der Häuser sein. Einem Bericht der " Süddeutschen Zeitung " zufolge ergab ein Untersuchungsbericht der türkischen Ingenieurskammer, dass selbst Gebäude, die als erdbebensicher zertifiziert worden seien, diese Bezeichnung nicht verdient hätten.

Aus dem ganzen Land wurden Ärzte und Helfer in das Gebiet gebracht, um die mehr als 1000 Verletzten der Katastrophe zu versorgen.

Provisorische Krankenhäuser aus Zelten

Die schlimmsten Schäden gebe es in der Stadt Ercis, sagte Regierungschef Recep Tayyip Erdogan in der Provinzhauptstadt Van. Er versprach einen verstärkten Hilfseinsatz der Armee. „Wir werden keinen Bürger in der Kälte lassen.“ In das Krisengebiet wurden nach türkischen Regierungsangaben mehr als 1200 Helfer geschickt. In Ercis seien zwei provisorische Krankenhäuser aus Zelten errichtet worden.

In der Nacht hatten Helfer berichtet, aus mehreren Gebäuden seien Hilferufe Verschütteter zu hören gewesen. Bis in den Morgen gab es mehr als 20 stärkere Nachbeben in der Region, wie das Deutsche Geoforschungszentrum Potsdam berichtete. Die Provinz Van wird mehrheitlich von Kurden bewohnt. Sie liegt im Südosten des Landes und grenzt an den Iran.

Aserbaidschan, Bulgarien und der Iran schickten Hilfe in die Türkei, obwohl Ankara erklärt hat, mit der Lage selbst fertig zu werden. Die Regierung akzeptierte aber die Hilfsangebote, weil sie bereits am Vortag auf den Weg gebracht worden waren.

19-Jähriger nach Handynotruf aus Trümmern geborgen

Auch aus Deutschland starteten am Montag Helfer. Die Hilfsorganisation humedica schickte ein medizinisches Ersteinsatzteam los. „Für die Menschen, die jetzt noch unter den Trümmern liegen, schwinden natürlich die Überlebenschancen Stunde für Stunde“, sagte Sprecherin Ruth Bücker der Deutschen Presse-Agentur, bevor ein Charterflug mit dem Team und Ausrüstung an Bord in Memmingen abhob.

Nach dem Beben der Stärke 7,2 geht die Istanbuler Erdbebenwarte Kandilli insgesamt von mehr als 1000 Todesopfern aus. Andere Experten erklärten am Montag, die Zahl werde wohl niedriger sein.

Mehrere Verschüttete wurden lebend aus den Trümmern gezogen. Ein 19-Jähriger rief mit seinem Mobiltelefon um Hilfe. Der Mann wurde dann aus den Trümmern eines sechsstöckigen Hauses in Ercis geborgen. Mit Verletzungen am Bein kam er ins Krankenhaus. Auch zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren wurden gerettet.

Die Türkei wird immer wieder von heftigen Erdbeben heimgesucht. In der Provinz Van gab es 1976 ein Erdbeben mit fast 4000 Toten. Das Land lebt in ständiger Angst vor neuen Erdstößen durch die Reibung tektonischer Platten in der Erdkruste.