"Fleisch, vortrefflich im Geschmack"

Die kurze Kulturgeschichte der Menschenfresserei

Ein Deutscher wurde auf einer Pazifikinsel unter mysteriösen Umständen ermordet. Kannibalismus soll im Spiel gewesen sein. Was ist dran am Mythos der Menschenfresserei?

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Es geschah am 23. November 1773, im Queen-Charlotte-Sound, Neuseeland: Der Akt von Kannibalismus fand zwar in Polynesien statt, aber an Bord eines britischen Schiffes. Die „Resolution“ stand unter dem Kommando von James Cook, dem berühmten Entdecker und Weltumsegler. Richard Pickersgill, der Dritte Offizier, hatte draußen an Land von den Einheimischen den Kopf eines Menschen gekauft, für einen Eisennagel.

Er und ein paar Matrosen waren Zeuge gewesen, wie sich eine Gruppe von Maori einen bei einer Stammesfehde erschlagenen, zerteilten und gerösteten Landsmann einverleibte, Stück für Stück. Das Herz war auf einen Gabelstock gespießt. Nach Schätzung des mitreisenden Deutschen Georg Forster, selbst gerade 17 Jahre alt, „musste der Erschlagene ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren gewesen seyn“.

Stunden nachdem Pickersgill mit seinem grausigen Einkauf auf das Schiff zurückgekehrt war, fanden sich einige der Polynesier an Bord ein. „So bald sie des Kopfes ansichtig wurden, bezeugten sie ein großes Verlangen nach demselben und gaben durch Zeichen zu verstehen, dass das Fleisch von vortrefflichem Geschmack sey“, notierte Georg Forster.

Hunger war nicht der Grund für die Tat

Man bot ihnen ein Stück Backe an, „sie wollten es aber nicht roh essen, sondern verlangten es gar gemacht zu haben. Man ließ es also in unserer aller Gegenwart ein wenig über dem Feuer braten, und kaum war dies geschehen, so verschlungen es die Neu-Seeländer vor unseren Augen mit größter Gierigkeit.“

Cook notierte in seinem Logbuch: „Das übte auf einige unserer Leute eine solche Wirkung aus, dass sie krank davon wurden.“ Dies betraf übrigens auch den seit Tahiti an Bord befindlichen Polynesier Oedidee, immerhin. „Wenn sie unter einer festen Regierungsform besser vereinigt wären, würde der Brauch weniger ausgeübt“, merkte Cook noch an.

Später diskutierte die anwesende Mannschaft – man war schließlich auf Forschungsreise – ausführlich die Hintergründe der abgeschmackten Tat. War es „aus bloßer Wuth“ oder „Raserey“, wie Forster vermutete, oder war es einfach „wegen des Geschmacks“, was der Bordastronom William Wales annahm? Oder beides? Hunger, da waren sich alle einig, dürfte es nicht gewesen sein.

Die tieferen Gedanken, die den Anwesenden in der Achterkajüte durch den Kopf gingen, sind nicht überliefert. Hätten sie geahnt, dass Cook, ihr geachteter Kapitän, bei seiner nächsten Weltreise auf Hawaii von den dortigen Polynesiern erschlagen und anschließend wohl ebenfalls verzehrt werden sollte, so wäre die Debatte sicher nicht so sachlich geblieben. Das Bordbuch der Resolution straft immerhin all jene Lügen, die behaupten, es gebe für so etwas keine europäischen Augenzeugenberichte und der Kannibalismus sei nichts als eine blühende Fantasie aus abendländischer Sicht.

Die Schule der Kannibalismus-Skeptiker

Der New Yorker Völkerkundler William Arens hatte 1980 mit seinem Buch „The Man-Eating Myth“ quasi die Schule der Kannibalismus-Skeptiker gegründet. Nirgendwo sei er Brauchtum gewesen. Die Haltung ist immer noch verbreitet, obwohl inzwischen die biochemische Untersuchung der Hinterlassenschaften von Indianern aus der Zeit vor Kolumbus zweifelsfrei ergab, dass sie Menschenfleisch verzehrt hatten.

Als dieser Tage nun Meldungen über einen mysteriösen Mord auf der Marquesas-Insel Nuku Hiva in Ostpolynesien nach Europa drangen, laut denen die örtlichen Behörden Kannibalismus nicht ausschließen wollten und die hiesigen Zeitungen dies so berichteten – da war die Reaktion der französischen Anthropologin Marie-Noëlle Ottino-Garanger fast schon reflexartig: All dies seien „typische Hirngespinste einiger Europäer“.

Man kann verstehen, dass die Bewohner Polynesiens und auch deren Kolonialmacht Frankreich die schützende Hand über ihre Inseln halten. Nicht auszudenken, wenn die dort unter den Touristen kursierenden Witze über noch lebende Menschenfresser plötzlich einen wahren Kern bekämen.

Doch von ihrer einschlägigen Geschichte werden sich die Pazifik-Inseln nicht lösen können. Nuku Hiva ist obendrein noch ein besonderer Fall, als Schauplatz der Weltliteratur.

Herman Melville versetzt seinen wunderschönen Roman „Taipi“ in die tief eingeschnittenen Täler dieser Insel. Der Erzähler, als US-Amerikaner, changiert während seines viermonatigen Aufenthalts zwischen der Angst, auf einer Menschenfresserinsel zu sein und dem beruhigten Gefühl, es sei gar nichts dran. Vor tieferen Einblicken in das Gesellschaftsleben wird er immer wieder mit dem Wort „tabu“ zurückgehalten – bis er doch einmal den Deckel eines großen Topfes anhebt und darin menschliche Überreste entdecken muss.

Die Angst vor blutsaugenden Hexen

Literatur, Hörensagen, Vermutungen, Dementis, Belege – auch die Historiker und Anthropologen changieren wie Melville. Der Verdacht, an all dem sei überhaupt nichts dran, musste sich einfach einstellen nach all dem sichtlich Übertriebenen und Ungefähren.

Seit der Antike haben sich die Länderkundler bei ihren Beschreibungen über die „Anthropophagie“ dem Grundsatz verschrieben: Je ferner der Ort, um so wilder die Menschenfresserei. Bei Herodot war dies das Gebiet des heutigen Russland, bei Strabon Irland – die beiden Enden der damals bekannten Welt. Ähnlich unscharf waren Berichte während des Mittelalters über blutsaugende Hexen und ähnlichen Spuk.

Als Kolumbus dann bei den Kariben landete, wurde er nicht selbst Zeuge von Kannibalismus, doch die Berichte, die er von Einheimischen dort immer von der jeweils nächsten Insel hörte, klangen ihm so glaubhaft, dass er aus Amerika den Begriff des „Kannibalismus“ – benannt nach jenem Volksstamm – mit nach Europa brachte.

Viele Gründe also für Zweifel im Nachhinein. Und doch stellten Forscher Jahrzehnte nach Kolumbus fest, dass bei den Azteken, wie bei anderen Indianern auch, der Kannibalismus zum Brauchtum gehörte, mit religiösem Hintergrund.

Der Dogmenstreit über die Menschenfresserei

Inwieweit vor dem europäischen Entdeckungszeitalter ein kultureller Zusammenhang über den Pazifik hinweg zwischen Amerika und Polynesien bestand, ist in der Forschung höchst umstritten. Fest steht jedenfalls, dass aus beiden Regionen die glaubhaftesten Berichte über Kannibalismus eingingen.

In den 50er-Jahren, lange vor Bekanntwerden von BSE, untersuchte der amerikanische Mediziner Carleton Gajdusek beim Fore-Stamm in Papua-Neuguinea die Ursache der dort sehr häufigen Creutzfeldt-Jacob-Krankheit, eines der Rinderseuche ähnlichen Leidens. Er fand die Ursache in dem bei den Fore verbreiteten rituellen Kannibalismus.

Sie pflegten dabei besonders gern das Hirn von Verstorbenen zu verspeisen. Damit kam Gajdusek den heute vermuteten Ursachen für BSE sehr nahe. 1976 erhielt Gajdusek für seine Forschungen den Nobelpreis für Medizin. Was manche Anthropologen nicht davon abhält, seine Erkenntnisse vor allem über den Kannibalismus rundum anzuzweifeln.

Der Dogmenstreit über die Menschenfresserei – gab es sie oder gab es sie nicht? – läuft allerdings ins Leere, weil weitgehend unklar ist, wovon überhaupt die Rede ist: von rituellem Kannibalismus? Von Opferspielen, wie bei den Azteken, zur Besänftigung der Götter?

Davon, die Kraft besiegter Feinde sich einzuverleiben, den Gegner damit entweder zu erniedrigen oder ihm post mortem auch Respekt zu erweisen, wie es eben manche Forscher der polynesischen und indianischen Variante unterstellen?

Oder lautet das Thema, in Notsituationen dem Hungertod zu entgehen, etwa auf dem Floß im Ozean nach einer Schiffskatastrophe oder im unzugänglichen Dschungel nach einem Flugzeugabsturz – was aus jüngerer Zeit bestens dokumentiert ist. Wobei man sich jeweils an Leidensgenossen schadlos hielt, die ohnehin zuvor an Kraftlosigkeit gestorben waren. Beides zählt schließlich gleichermaßen als Kannibalismus: das vorherige Töten eines Menschen mit dem Zweck, sich von ihm zu ernähren, sowie eben auch die harmlosere Option, die Ausnutzung seines natürlichen Todes.

Als eine Art Mittelweg zwischen beidem könnte man vielleicht jene Variante ansehen, die laut neueren medizinhistorischen Forschungen bis ins 18. Jahrhundert auch in Europa gängig war: sich Teile von Hingerichteten einzuverleiben oder sie zu Wundermedizin zu verarbeiten. Schon die Römer tranken das Blut von Gladiatoren, um Epilepsie zu heilen. Und vom deutschen Pharmakologen Johann Schröder aus dem 17. Jahrhundert sind gleich mehrere Rezepte zur Verarbeitung von Menschenfleisch zu Medizin bekannt. Zum Beispiel: „Etwas Myrrhe und ein wenig Aloe“ hinzugeben, dann ein paar Tage in Weingeist einlegen.