Zweijährige überfahren

Kindstod zeigt Chinas moralischen Untergang

China ist entsetzt über Passanten, die ein verletztes Kind auf der Straße liegen ließen. Erst eine Müllsammlerin zeigte Erbarmen. Die Zweijährige ist nun gestorben.

Eine Woche lang kämpften Dutzende Ärzte auf der Intensivstation des Kantoner Militärkrankenhauses um das Leben des zweijährigen Mädchen Yueyue. Es war das Opfer eines grausamen Verkehrsunfalls geworden, der China wie kein anderer Vorfall erschüttert hat, weil niemand dem Kleinkind zu Hilfe eilte . Doch den Ärzten blieb keine andere Wahl. Schließlich stellten sie die Apparate ab und die künstliche Beatmung ein. Das kleine Mädchen war hirntot. Es gab keine Rettung mehr.

„Wir haben alles versucht, was mit medizinischen Mitteln möglich ist“, hieß es. Die Eltern, vor allem die Mutter, die vor der Intensivstation Tag und Nacht ausgeharrt hatte, hoffte bis zuletzt, dass ihre Tochter reagieren würde, wenn sie sie mit ihrem Kosenamen Yueyue (Freude) anspricht. Doch das Mädchen erlag doch seinen schweren Kopfverletzungen, die dazu führten, dass immer mehr lebenswichtige Organe versagten, wie die Ärzte in ihrer Pressekonferenz bekannt gaben.

Kurz darauf wurde der Tod des Kindes in Chinas größtem Mikroblog-Portal Sina.com innerhalb von wenigen Stunden mehr als 2,2 Millionen mal kommentiert.

Überwachungskamera filmte Ignoranz der Passanten

Das Drama zur Rettung von Yueyue wurde im chinesischen Internet immer wieder als „Mahnruf an die Nation“ bezeichnet. Der Fall führte zu einem massenhaften Bekenntnis, wie viele Chinesen sich nach einer mitmenschlichen Gesellschaft sehnen. Millionen verfolgten im Internet jede weiter berichtete Zuckung des geschundenen kleinen Körpers als Hoffnung auf ein Wunder, bei dem Yueyue doch überleben könnte.

Das Kleinkind war beim Spielen vor acht Tagen auf eine belebte enge Marktstraße in Südchinas Stadt Foshan gelaufen. Es wurde von zwei Fahrzeugen in kurzem Abstand überrollt, die weiterfuhren, ohne dass ihre Fahrer anhielten und dem Kind halfen. Beide wurden inzwischen festgenommen. Eine Überwachungskamera filmte danach sieben weitere Minuten lang erschreckende Szenen gleichgültiger Passanten.

Als die Öffentlichkeit sie über Kabelfernsehen und Internet zu sehen bekam, brach ein Sturm der Entrüstung aus: 18 Menschen liefen an dem schwerverletzten Kleinkind vorbei, ohne dass auch nur einer Anstalten machte, wenigstens nach Hilfe zu rufen. Erst eine Müllsammlerin rettete das Kind von der Fahrbahn in Sicherheit und alarmierte Eltern und Ambulanz.

Profitsucht ohne Mitmenschlichkeit

Der Online-Aufschrei, den alle chinesische Medien aufgriffen und kommentierten, hat zu einer anhaltenden, selbstquälerischen Debatte geführt. Immer wieder wurde angeprangert, wie Chinas Gesellschaft auf dem Altar von Wirtschaftswachstum, Profitsucht und einer Ellbogengesellschaft Moral, Mitmenschlichkeit und Mitleidensfähigkeit verloren und geopfert hat. Yueyues Unfall ist nur Anlass und Auslöser für die Debatte über ein tiefes Unbehagen.

Die Kritik richtet sich im Unterschied zu anderen Vorfällen diesmal nicht gegen die eigene Regierung oder Partei, sondern gegen die zwischenmenschlichen Verhältnisse, unter denen Chinesen heute leben. „Wir sind zu einer Gesellschaft von Fremden untereinander geworden“, schrieben Blogger. Auch die auf Bestnoten und Elitebildung ausgerichtete „Erziehungsdressur jeder gegen jeden“ trage Schuld.

Für viele ist es im Fall Yueyue „symptomatisch“, dass nicht die offenbar nach Kleidung und Aussehen wohlsituierten Passanten, sondern eine arme Müllsammlerin sich am Ende des verletzten Kindes erbarmte. Selbst die besonders patriotisch berichtende “Global Times” veröffentlichte eine Umfrage, wonach 80 Prozent der von ihr befragten 8500 Teilnehmer Yueyues Schicksal als Beispiel für den „moralischen Niedergang“ in China werteten.

Weitere ähnliche frühere Vorfälle werden nun diskutiert, wo Wegschauen und gleichgültiges Gaffen etwa bei hingefallenen alten Menschen oder anderen Unfällen zum Tod führte. Auf solche selbstquälerische Fragen folgt nun nach dem Tod des Kindes die Trauer. Unzählige Online-Beileidsbekundungen wurden an die Eltern gerichtet. „Wir trauern um Yueyue. Mit ihr ist auch Chinas Gewissen gestorben.“

Gesetzesänderung wird erwogen

Blogger riefen einander auf, virtuelle Kerzen für das Mädchen zu entzünden. In ihre Anteilnahme mischte sich auch scharfe Selbstkritik „Kleiner Engel“ nannten sie immer wieder Blogger. „Wo Du jetzt bist, gibt es diese kalte Welt nicht mehr“.

Oder „Yueyue. Du bist nur ein Opfer, wenn auch ein unschuldiges. Wir sind es auch. Wenn wir nicht humaner werden, haben unsere Nation und wir keine Zukunft.“

Die Debatte wird zum Thema für den Gesetzgeber. Die Staatsanwaltschaft in Foshan ermittelt, ob sie die beiden Fahrer, die abstreiten, das Kind überhaupt bemerkt zu haben, wegen Fahrerflucht anklagen kann. In Internetforen und unter chinesischen Anwälten wird gefragt, ob nicht die Gesetzgebung Verordnungen zur Abschreckung erlässt.

Unterlassene Hilfeleistung, so lauten Vorschläge, sollte vom Gesetzgeber mit bis zu 15 Tagen Haft oder Geldbußen geahndet werden. Vorbild ist Deutschland, wo solches Missverhalten nach dem Strafrecht mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden kann. (§ 323c StGB).

"Das Messer des Gewissens"

Auch Chinas Parteiführer reagieren. Am stärksten äußerte sich der Guangdonger Parteichef und Reformer Wang Yang, einer der vermutlich aufsteigenden neuen Parteiführer Chinas, in dessen Provinz sich Yueyues Unfall ereignete: „Wir müssen mit dem Messer unseres Gewissen unsere hässliche Seite wegschneiden“.

Auch Premier Wen Jiabao ging vor dem Staatsrat auf Phänomene ungerechten Verhaltens in der Gesellschaft ein, die zur Vertrauenskrise in der Gesellschaft geführt haben. „Wir müssen Vertrauen wieder zur hohen Priorität auf allen Ebenen machen, politisch, im Handel, in der Gesellschaft und im Justizwesen.“

In neuen Umfragen von Zeitungen und Webportalen versichert inzwischen die überwiegende Zahl der Befragten, sie würden helfen, wenn wieder etwas passiert. In einer Umfrage von „Shanghai Daily“ trauten sich nur drei Prozent zu gestehen: „Ich würde mich, wenn ich so was miterlebe, wahrscheinlich raushalten“.