RTL-Show

Was Giulia Siegel mit Sonnenkönig verbindet

"Ich bin ein Star, holt mich hier raus" empört momentan viele Zuschauer. Dabei hat das RTL-Dschungelcamp einige historische Vorbilder. Noch aus der Ferne wirken die zahlreichen noblen Vorfahren auf den modernen TV-Dschungel ein. Hochempörte dürfen sogar bei Oscar Wilde Zuflucht nehmen.

Die Klagen über das Dschungelcamp fallen immer noch wie nasser Schnee von den Dächern. Der dumme Peter, der unaussprechliche Lorenzo und dann auch noch Dirk Bach, mon dieu . Ganz vorne Giulia Siegel, die eitle Zicke, die streitbare Unterhemden-Queen. Alle halbnackt, in öde Gespräche vertieft, die niemandem Nutzen bringen. Die empörte Öffentlichkeit neigt zur Übertreibung. Und zu Vergesslichkeit. Sogar geschichtsbewusste Zuschauer sehen nicht, wie tief „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ in die Klamottenkiste der Kulturgeschichte greift.

Das Fernsehen neigt zu Travestie: Der Inhalt bleibt gleich, die Form ändert sich. Die meisten Szenen und Prüfungen sind alte Hüte. In der Vergangenheit gab es weit drastischere Enblößungen in der Öffentlichkeit. Das königliche und kaiserliche Leben war über Jahrhunderte geprägt von Selbstdarstellung, und nicht alles wurde von den hohen Herrschaften freiwillig gemacht. Machtausübung bezog immer den Einsatz des eigenen Körpers mit ein. Man braucht dabei gar nicht auf die unter generellem Dekadenzverdacht stehenden Römer zurückgreifen, die Orgien am Hofstaat abhielten und sich selbst als Schauspieler und Sportler in den Arenen betätigten.

Der berühmte Staufer-Kaiser Friedrich II. etwa wurde öffentlich geboren. Weil seine Mutter schon 40 Jahre alt war, misstraute der Hofstaat 1194 der Schwangerschaft. Konstanze von Sizilien brachte das Kind in Jesi zur Welt, nachdem sie möglichst viele Zeugen dazugebeten hatte; die Bücher erzählten lange davon, die Geburt habe auf dem Marktplatz stattgefunden.

Niederkünfte von Königinnen galten lange als öffentliche Ereignisse. Marie-Antoinette geriet am französischen Hof bei der ersten Geburt in Lebensgefahr, weil sich zu viele Menschen in ihrem Schlafzimmer aufhielten. Prominenz bedingte stets eine große Zuschauerzahl. Giulia Siegel hat sich überhaupt viel von Marie-Antoinette ("Lasst sie doch Kuchen essen") und den vergnüglichen Zankereien am Königshof abgeschaut. (Sie wurde schließlich unter dem Jubel des Volkes geköpft. Na ja.)

Der Sonnenkönig Ludwig XIV. perfektionierte das Spiel mit der Öffentlichkeit, man kann mit Fug und Recht sagen, dass sich das Privatfernsehen eine Sonnenscheibe abgeschnitten hat. Das Hofzeremoniell war eine streng einzuhaltende Folge von Morgen- und Abendshows. Alles diente dem Ansehen des Staates. Schon beim Aufstehen war das Schlafzimmer des Königs voll. Er ließ sich waschen und rasieren unter den Augen des Adels, die darum wetteiferten, dem Herrscher bei Anziehen zu helfen. Manchmal standen der König oder die Königin länger nackt da, bis die Unterhemden durch viele Hände die Hierarchie empor bis zum Nutznießer gelangt waren. Notdurft verrichtete man ebenfalls unter den Augen des Hofes.

Festliche Essen sind ebenfalls Teil solcher Inszenierung von Macht. Seit dem 13. Jahrhundert wurde bei Schauessen Verschwendung praktiziert. Im Barock entstanden riesige Kunstwerke aus Nahrung, auch hier handeln die Essenden wie Prominente von heute, die mit ihrem Überflussgeprotze die weniger Begüterten unterhalten – und als amüsantes Traumbild für die meist Not leidenden Schichten dienen.


Dazu zählt auch die archaische Figur des „Meistessers“, der oft der König war. Über Ludwig XIV. wird berichtet, er habe vier Teller Suppe, einen Fasan, ein Rebhuhn, Schinken, Hammelfleisch, Irish Stew und Salat gegessen, dazu einen Teller Backwaren, mehrere Stücke Obst und ein paar harte Eier gegessen. Einfach, um zu zeigen, dass er es konnte. Fürst Bismarck gefiel sich, zum Frühstück regelmäßig 16 Eier zu nehmen.


Ein Relikt davon sind die Speisenfolgen, die heute bei Staatsbanketten und Bällen in den Zeitungen stehen. Im Dschungelcamp ist diese Ordnung auf den Kopf gestellt. Leute, denen man unterstellt, dass sie sich kostenlos an Banketten vollstopfen, müssen sich für Nahrung demütigen oder Ekelgetier hinunterschlingen. Das Publikum amüsiert sich über die Schikane.

Auch wenn die meisten Insassen auf der australischen Farm gar nicht prominent sind, stellt sich doch die Frage, wie Prominenz überhaupt entsteht? In dem Augenblick, als die bürgerliche Gesellschaft sich formiert, spielt hohe Geburt nicht mehr die einzig entscheidende Rolle. Jeder kann prominent werden, der erfolgreiche Weg dazu ist Tabubruch. Der erste Dandy, der Brite George Bryan „Beau“ Brummell (1778-1840) machte das mangelnde Vermögen wett, indem er sich extravagant kleidete, gewagte Bemerkungen in der Öffentlichkeit machte und darauf bestand, jeden Tag zu baden. Das war damals eine Besonderheit, praktisch wie eine Dschungelprüfung, die Günther Kaumann und Mausi Lugner gemeinsam im Bottich erledigten.

Brummells Nachfahre Oscar Wilde führte das Werk fort, indem er sich bewusst „unmöglich“ benahm. Er foppte zu seinem eigenen Nutzen die Öffentlichkeit. Die Art, wie Dirk Bach seine Sottisen verbreitet, erinnert sehr an das Auftreten der Dandys. Natürlich unter Niveau, aber das ist ja das Kalkül!

Es waren Künstler, die erst die gezielte Provokation erfanden und dann das Happening. Die Dadaisten Tristan Tzara und Walter Serner duellierten sich in Zürich öffentlich, bis die Polizei einschritt. John Lennon und Yoko Ono legten sich nackt ins Bett, um für den Frieden zu demonstrieren. Die meisten Taktiken zur milden Erregung öffentlichen Ärgernisses in der Show sind uraltes gesunkenes Kulturgut.

Das Prominenten-Dasein – auch das gefühlte – beschert ein Bewusstsein der losgelösten Existenz. Der Star ist anders. Der Star ist wie der Adlige früher überirdisch: Lakaien, Angestellte, das Volk existieren für ihn eigentlich gar nicht. Deshalb kann der Prominente auch private Dinge in der Öffentlichkeit erledigen, bis hin zur Hygiene und Sex. Die Ex-Dschungelkönigin und Entertainerin Desiree Nick hat vor kurzem bekannt, sie habe etwas Entspannteres als die vierzehn Tage im Dschungelcamp nie erlebt. Als Ratschlag gab sie die die Benimmregel Nummer eins für jedwede Repräsentation zum Besten. Sie sagte: „Haltung bewahren! Haltung ist alles. Ich sage nur: Rückenschule, Rückenschule, Rückenschule. Und: Bauch rein, Brust raus, Kinn hoch.“

Echte Prominente würden die Sendung also wohl mit weitaus mehr Würde durchstehen. Die Komik und das schadenfreudige Interesse entstehen gerade durch die unzureichenden Akteure, die an ihren Aufgaben scheitern. Und dies erklärt auch, warum die an Ritualen gestählten britischen Stars in „I’m a Celebrity, get me out of here“ härtere Prüfungen durchleiden müssen als die deutsche. Die gute Gesellschaft des Königreichs legt traditionell mehr Wert auf Form und Repräsentation und umso heftiger ist das höhnische Aufbegehren der Untertanen dagegen.

Die hiesigen Zuschauer von Giulia, Gundis, Günther, Ingrid und den anderen nehmen also eigentlich an einer historischen Lektion teil. Aus der Ferne winken die zahlreichen noblen Vorfahren ins Dschungelcamp. Man darf darüber lachen. Hochempörte dürfen bei Oscar Wilde Zuflucht nehmen. Der seufzte voller Kalkül: „In solch einem geschmacklosen Zeitalter wie diesem brauchen wir alle Masken.“ Und seien es welche aus Plexiglas, die das Eindringen von Kriechtieren verhindern.